«Die Schneeflöckli-Generation befeuert die Wetter-Hysterie»

Jörg Kachelmann über Schnee, Übertreibungen, faule Journalisten und weshalb die Medien ihren Job nicht gemacht haben.

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Beim Gespräch in einem Schaffhauser Restaurant wirkt Jörg Kachelmann, 60, äusserst entspannt. Sogar inhaltlich vernichtende Kritik an unliebsamen ­Menschen oder Medien trägt er fröhlich und oft mit einem lauten ­Lachen vor.

Von einem «Schneechaos» war zuletzt wegen der heftigen Schneefälle die Rede. Spielt das Wetter verrückt?
Nein, natürlich nicht. Es hat in früheren Jahren im Januar schon viel mehr Schnee in der Schweiz gegeben als jetzt. Es gab auch schon viel mehr Schnee innert kurzer Zeit als jetzt. Und es ist nicht überall so. Grächen im Wallis: acht Zentimeter. Die hätten gern mehr.

Auf der Schwägalp hat eine Lawine ein Hotel verschüttet. 75 Menschen mussten evakuiert werden. Ist das normal?
Es hat im Säntis auch schon mehr geschneit. Aber es kann in einer Lawinen-Risikozone passieren, dass Schnee in ein Hotel rein­donnert, wenn das Hotel in einer solchen steht. Dann haben Sie bei solchen Wetterlagen keine hundertprozentige Sicherheit.

Kann man eine seriöse Aussage dazu treffen, wie sich der Schneefall in den nächsten Wochen verändern wird?
Ja, das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen macht Voraussagen für 46 Tage, die relativ zuverlässig sind. Aufgrund dieser Daten sieht man, dass die aktuelle Grosswetterlage noch etwa zwei Wochen andauern kann. Danach soll sich alles umstellen, auch mal auf Südlage, später wird es länger trocken. Wenn man sich diese Daten ansieht, ist klar, dass wir weit weg von einem einmaligen Ausnahmezustand sind. Auch in Bayern oder Österreich.

Einige Gebiete versinken doch im Schnee.
Es kam tatsächlich eine Menge Schnee runter. Aber da sind wir weit entfernt von Rekordwerten. Das ist alles eine masslose Übertreibung durch Onlinejournalisten auf der Suche nach Aufmerksamkeit. Dumm klickt gut. Menschen interessieren sich fürs Wetter, die Journalisten geben mehr Gas: «Drama», «Katastrophe» und was weiss ich. Alles völliger «Hafechäs». Auch Fernsehleute machen das: Dort hat sich ein Aussenreporter in den Schneehaufen neben der Strasse gestellt, damit es dramatischer aussieht. Wenn es ums Wetter geht, wird wirklich viel Mist geschrieben und gesendet.

Das Wetter ist doch kein reines Medienereignis. Es interessiert die Menschen, wenn beispielsweise ein Dorf von der Umwelt abgeschnitten ist.
Ich war in meinem Leben schon sechs-, siebenmal eingeschlossen. Im Walliser Ort Randa, wo wir öfter in den Ferien waren, oder während meiner Zeit in Kanada. Das ist wirklich kein grosses Drama. Man weiss ja immer vorher, dass ein Dorf während einer gewissen Zeit abgeschnitten wird. Deshalb war auch das Lädeli in Randa nie ausverkauft. Niemand musste verhungern. Das war nie ein grosses Problem.

Wieso ist es jetzt eines?
Zum einen wegen der Wetter-Hysterie, die im Wesentlichen von den Onlinemedien gefördert wird, und zum anderen wegen der heutigen Schneeflöckli-Generation, die ganz nervös wird, wenn etwas Archaisches passiert. Wenn man etwa nicht ins Restaurant fahren kann, das ein Dorf weiter entfernt liegt.

Panikmache gab es auch schon früher. In den 80er-Jahren schrieb ein gewisser Jörg Kachelmann im «SonntagsBlick» von Ozon als «unsichtbarem Killer» und von «Mords-Gewittern».
Die Artikel waren alle völlig korrekt. Die Titel kamen vom damaligen Chefredaktor Peter Balsiger. Für ihn waren sie okay, solange sie noch «im Streubereich der Wahrheit» lagen, wie er sagte. (lacht)

Es war früher also nicht besser.
Doch, natürlich! Lesen Sie mal die Texte. Wir gingen noch raus und haben recherchiert. 1985 ist die Decke im Hallenbad Uster ein­gestürzt. Ich war vor Ort, habe einen weissen Mantel angezogen, ein Stück des Daches mitgenommen und im Chemielabor untersuchen lassen.

Sie haben sich also als Laborant verkleidet und an der Polizei vorbeigeschlichen. Das passt nicht gerade ins Bild des Medienkritikers.
Das gehört manchmal zum guten Journalismus. Man muss selbst herausfinden, was ist, und sich nicht vertrösten lassen auf einen Untersuchungsbericht, der vielleicht in vier Monaten herauskommt. Ich habe mich da auch nicht nachts hineingeschlichen. Nein, ich ging am Tag dorthin, machte «zack» und ging wieder raus. Das ist nicht verboten. Dann ging ich zu den Materialprüfern von Oerlikon-Bührle. Noch in derselben Woche wusste ich, wieso das Dach eingestürzt ist. Ein Teil der vermeintlich rostfreien Bügel, an denen die leichte Betondecke hing, war durchgerostet. Monate später wurde das so offiziell bestätigt. Der Journalismus heute ist auch traurig, weil viele gern in ihrem Büröli sind und schreiben, dass es draussen «frostige 10 Grad» habe im September.

Sie schrieben 2009: Die Wettervorhersagen in der Schweiz seien erbärmlich. Stimmt das noch?
Es ist besser geworden, weil Meteo Schweiz zusätzliche Wetter­stationen gebaut hat, das war mein Kritikpunkt. Aber es braucht noch viel mehr. In Deutschland bauen wir 2000 neue. Das wollen wir in der Schweiz auch. In jedem Kaff soll eine Wetterstation stehen. Wir haben dafür eine geeignete Station entwickelt, die viel günstiger ist. Sie kostet noch ungefähr 500 Franken. Es ist wichtig, vor Ort zu messen. Ich will in der Schweiz 1000 eigene Wetterstationen aufstellen.

Woher haben Sie Ihre Daten jetzt?
Von den bestehenden Stationen von Meteo Schweiz und einem ­guten Dutzend eigenen. Da fehlen also noch ein paar zum Glück.

Was halten Sie von der Wetterberichterstattung von SRF?
Ich würde dem Schweizer Fern­sehen gern zeigen, wie man eine Meteo-Welt gestalten könnte, die ins Jahr 2019 passt. Die Wetterredaktion von SRF ist ein teurer Riesenapparat mit einem minimen Output. Nach der letzten Sendung gehen alle nach Hause. Das ist so unendlich faul.

Was müsste konkret besser werden?
Wenn es um drei Uhr morgens die Mutter aller Unwetter im Haslital gibt, müssten sie sofort reagieren. Ein Bewohner des Haslitals müsste den Fernseher einstellen und einen SRF-Mitarbeiter sehen, der ihm erklärt, wo das Gewitter ist, wohin er nicht gehen soll. Oder der Zynismus, dass Moderatoren sagen: «In den Alpen gibt es einige Gewitter» – bedeutet: Mönd halt sälber luege. Das ist viel zu ungenau. Unwetter müssten situativ ­begleitet werden. Wenn wieder ein Sturm so schlimm wie Lothar käme, hätten die ja die Möglichkeit, das online laufend zu begleiten. Ich würde ihnen sagen: «Schaffed emal!» Für den Lohn, den sie erhalten, müssten sie viel mehr arbeiten, auch morgens um drei Uhr, zumal es ein nicht selbst erwirtschafteter Lohn ist. So viel Konzessionsgelder, so viele Leute, so wenig Wetter.

Sie haben kürzlich Ihr TV-Comeback bei der MDR-Sendung «Riverboat» gegeben. Was bedeutet Ihnen die Rückkehr ins Fernsehen?
Ich habe mich gefreut, als ich das Angebot bekam. Schauen Sie, ich wurde fälschlicherweise eines Verbrechens beschuldigt. All die Alice Schwarzers der Welt haben das als letzten Triumph vor sich hin getragen, dass ich nicht mehr ins Fernsehen darf. Das ist jetzt weg. Alice Schwarzer hat übrigens nichts mehr über mein MDR­-Engagement gesagt. Da war ich ein wenig enttäuscht.

Würden Sie ein allfälliges Angebot von ARD oder SRF, das Wetter in der Primetime zu moderieren, annehmen?
Ich bin ein älterer Herr und habe bereits viel zu tun. Ich weiss auch nicht, weshalb Sie sich so auf meine frühere Tätigkeit als Wetter­moderator fixieren. Ich habe früher nur fünfmal im Monat das Wetter moderiert. Ich habe eine Firma, mit der wir grosse EU-Projekte mitbetreuen. Wir machen dieses Jahr neu das Wetter für den ADAC, den deutschen TCS, es gibt Kachelmannwetter.com. Fernsehen war früher nur ein kleiner Teil meines Berufs. Und das ist es heute auch.

Wurden Sie von den deutschen oder den Schweizer Medien besser behandelt?
Ich werde weitgehend ignoriert, aber ich darf im «Tages-Anzeiger» schreiben – und das ist eh besser als alles andere. Grundsätzlich ­haben sich die Verhältnisse in Deutschland und in der Schweiz gefühlsmässig umgekehrt.

Das müssen Sie erklären.
Die Schweizer waren vor dem Freispruch 2011 zurückhaltender. Aber all die wichtigen Urteile in den letzten Jahren haben sie weitestgehend nicht mitbekommen, weil kaum berichtet wurde. 2016 verurteilte ein Gericht die Frau, die mich beschuldigte, auf Schadenersatz, weil sie mich laut Gericht wahrheitswidrig und mit krimineller Energie der Vergewaltigung bezichtigt hat. Gegen die Staatsanwaltschaft Mannheim setzte ich eine Unterlassungserklärung durch. Sie darf nicht mehr wahrheitswidrig behaupten, an einem Messer hätten sich DNA-Spuren von mir befunden. In Deutschland hat sich das alles eher rumgesprochen, dass die Täterin verurteilt wurde. In der Schweiz wenig bis nicht.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat Ihnen vergangene Woche einen Erfolg beschert. Der Verlag Axel Springer darf ein Bild nicht abdrucken, das Sie 2011 mit nacktem Oberkörper im Gefängnis zeigt. Wieso führen Sie diesen Kampf?
Das ist falsch. Ich führe keinen Kampf gegen Springer. Springer führt einen Kampf gegen mich. 2011 habe ich gerichtlich durchgesetzt, dass dieses Bild nicht abgedruckt wird. Seither hat Springer dieses Verbot durch alle Instanzen angefochten – und jetzt letztinstanzlich verloren.

Haben Sie sonst noch offene Prozesse?
Nur noch einen. Springer hat auch eine Verfassungsklage eingereicht gegen das Schmerzensgeld, das sie mir zahlen mussten. Deshalb haben sie den Streit um das Gefängnisbild bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gezogen. Hätten sie gewonnen, wäre das laut deren Hoffnung ein Präjudiz für das Schmerzensgeldverfahren gewesen.

Haben die Medien aus Ihrem Fall gelernt?
Gäbe es wieder einen Fall wie meinen, wäre es genau gleich. Die Verlage Axel Springer und Burda mussten ja fast nichts bezahlen wegen ihrer falschen Geschichten.

Immerhin mehrere Millionen Euro, wie man nachlesen konnte.
Leider nicht, es war sechsstellig, vor Abzug vieler Anwaltskosten. In den USA hätte das anders ausgesehen.

Wird getuschelt, wenn Sie durch die Strassen laufen?
Nein, in den letzten acht Jahren gab es keine unangenehme Begegnung auf der Strasse. Da tuschelt niemand rum, wenn er mich erkennt. Was geblieben ist, sind die Vorsichtsmassnahmen, die ich treffe: Vor zwei Tagen bin in den Lift gegangen, da kam eine Frau herein. Ich verliess den Lift sofort. Sie sagte: Da gebe es schon noch Platz. Als ein zweiter Mann kam, ging ich wieder in den Lift rein. Es war eine komische Situation. Aber die Frau ging gut damit um und kannte auch meine Geschichte.

Aber glauben Sie, dass Ihr Ruf wiederhergestellt ist?
Nein, weil die Medien ihren Job nicht gemacht haben. Schauen Sie mal nach, wie viele Berichte in der SonntagsZeitung vor und während meines Prozesses erschienen sind. Und was habt ihr berichtet, als das angebliche Opfer 2016 wegen Falschaussage verurteilt wurde? Nichts.

Ist das der Grund, dass Sie auf Twitter so aktiv sind? Wollen Sie sich eine Art Medien-Parallelwelt erschaffen?
2010 in der Kiste in Mannheim habe ich den Wärtern geschworen, dass ich allen auf den Zeiger gehen werde, die das mit mir gemacht haben. Damit sie es sich in Zukunft besser überlegen, wenn es den nächsten ähnlichen Fall gibt. Und Twitter wurde dann mein Vehikel, um diese Kritik auszuüben.

Sind Sie in den letzten Monaten mal Alice Schwarzer oder Roger Schawinski, der Ihnen in seinem Buch «Narzissten: Ich bin der Allergrösste» ein Kapitel widmete, über den Weg gelaufen?
Nein, und das ist auch gut so. Ich habe ihnen nichts zu sagen. Ich würde einfach weiterlaufen. Diese beiden und auch Peter Rothenbühler, mein ehemaliger Chef bei der «Schweizer Illustrierten», haben mir vor der Falschbeschuldigung freundlichste Mails geschrieben. Danach zogen sie über mich her. Alle drei kämpfen jeden Tag dagegen, vergessen zu werden. Ihre grösste Sorge ist, dass sie nicht in der Rubrik «Was macht eigentlich . . .» erscheinen.

Roger Schawinski haben Sie wegen einiger Textpassagen in seinem Buch verklagt. Sie können doch nicht sagen, er sei Ihnen nicht wichtig.
Klar, er hat auch Passagen aus seinem Buch entfernen müssen. Weil es frei erfundener «Hafechäs» war. Auch sonst kann ich ihn nicht ernst nehmen: Zuerst erzählt er überall rum, dass die SRG des Teufels sei. Jetzt moderiert er dort. Dass er über Narzissmus anderer schreibt, ist eine der lustigeren Episoden meines Lebens.

Sie machen ja dasselbe wie Schawinski. Sie sagten mal «Fuck ARD». Jetzt moderieren Sie wieder im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
Also erstens mal sind MDR und ARD nicht dasselbe. Und auch sonst stimmt Ihr Vergleich nicht. Meine Kritik war, dass die ARD mich zwar als Gast in eine Talkshow eingeladen hatte, mich aber als Moderator nicht mehr wollte. Das fand ich seltsam. Jetzt lassen sie mich wieder moderieren. Warum sollte ich jetzt noch trötzeln?

Schauen wir in die Zukunft, Sie sind jetzt 60 Jahre alt.
Danke für den Hinweis (lacht).

Welche Ziele haben Sie noch im Leben?
Zuerst mal habe ich einen fünfjährigen Sohn. Ich hoffe, dass ich sein Leben und meine Familie noch möglichst lange begleiten kann. Dann habe ich berufliche Ziele: Ich will die 1000 neuen Wetterstationen in der Schweiz aufstellen. Ich will, dass die «Riverboat»-Quote meinetwegen nicht schlechter wird, da war der vergangene Freitag schon mal gut mit über 19 Prozent Marktanteil. Und ich will irgendwann ein Interview haben dürfen, in dem ich nicht über 2010 und 2011 sprechen muss. Das ist auch ein Ziel von Falschbeschuldigern: dass immer etwas haften bleibt. Dass es nie aufhört.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.01.2019, 14:58 Uhr

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