Stilltrend setzt Mütter unter Druck

Geht es ums Stillen, fühlen sich Frauen oft unter Zwang – wegen des Umfelds oder Jobs. In der Weltstillwoche soll dem Stillen mehr Platz eingeräumt werden. Beim Bund denkt man an entlöhnte Stillpausen.

Im Westen ist die Diskussion, ob Mütter unter einem Stillzwang leiden, zur Luxusfrage geworden. (Archivbild TA)

Im Westen ist die Diskussion, ob Mütter unter einem Stillzwang leiden, zur Luxusfrage geworden. (Archivbild TA)

«Es ist ein urmenschliches Bedürfnis, sich auf bestmögliche Weise um seinen Nachwuchs zu kümmern. Dazu gehört eben auch das Stillen.» Doch längst nicht für alle Frauen wird das Stillen zur erfüllenden Erfahrung, wie aus dem neuen Buch «Stillen ohne Zwang» der Bernerin Sibylle Lüpold hervorgeht. Sei es, weil das Stillen nicht so einfach funktioniert, weil sich die vermeintliche Vorstellung vom «Mutterglück» nicht einstellt oder weil es nur schwer möglich ist, Arbeiten und Stillen zu vereinbaren.

Noch schnell auf die Toilette, um zwischen Sitzung und dem nächsten Telefonat Milch abzupumpen, oder über Mittag nach Hause eilen, um das Baby zu stillen. Alle Mütter, die nach dem Mutterschaftsurlaub wieder arbeiten und dennoch stillen wollen, kennen diese Situationen. Doch bei den meisten Frauen löst die Vereinbarkeit von Beruf und Stillen so viel Stress aus, dass sie lieber schon vor dem Zurückkehren an den Arbeitsplatz abstillen.

Viele stillen rasch wieder ab

Dafür sprechen auch die Zahlen. In der Schweiz starten gemäss Schweizerischer Stiftung zur Förderung des Stillens über 90 Prozent der Mütter mit dem Stillen, nach drei Monaten werden noch rund 55 Prozent der Säuglinge gestillt. Die Ursachen für das relativ rasche Abstillen sind zwar vielfältig, nicht zuletzt dürften aber mangelnde Unterstützung und gesellschaftliche Gründe eine Rolle spielen, wie Sibylle Lüpold ausführt.

Dies obwohl sich die Einstellung zum Stillen seit dem Ende des letzten Jahrhunderts positiv verändert hat – unter anderem auch dank der Initiative von WHO und Unicef für das «babyfreundliche Krankenhaus» wurde Stillen wieder viel beliebter.

Gleichzeitig fühlen sich Mütter und Väter durch diesen Wandel aber teilweise unter Druck gesetzt. Der «Stillzwang» in unserer Gesellschaft ist denn auch ein wichtiges Thema, das Lüpold in ihrem Buch untersucht und dabei nicht nur die Situation der Frauen, sondern eine gesamtgesellschaftliche Perspektive einnimmt.

Sie bleibt aber auch kritisch und schreibt, dass die heute im Westen geführte Diskussion, ob Mütter unter einem Stillzwang leiden, ein Beweis für unsere privilegierte Lebensweise und letztlich eine Luxusfrage sei.

Doch überraschender als die Frage nach dem Stillzwang ist die Frage nach dem Abstillzwang. Lüpold: «Es gibt nicht nur Mütter, die sich zum Stillen gezwungen fühlen, sondern auch solche, die sich zum Abstillen gezwungen fühlen, obschon sie gerne weiterstillen möchten.» Dies geschieht besonders häufig dann, wenn die Frauen wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.

Seco möchte Stillen bezahlen

Dies obwohl in der Schweiz Stillpausen während der Arbeit gesetzlich geregelt sind. Je nach Hierarchiestufe ist es für die Arbeitnehmerinnen jedoch schwierig, ihren Wunsch nach Weiterstillen oder Abpumpen der Muttermilch am Arbeitsort einzubringen. Auch müssten laut Lüpold bessere Rahmenbedingungen gegeben sein, wie etwa längerer Mutterschaftsurlaub und flexiblere Arbeitszeiten und Arbeitsorte. Deshalb brauche es eine Infrastruktur, die es Müttern ermöglicht, überall in Ruhe stillen zu können – sowohl im öffentlichen Raum als auch am Arbeitsplatz. «Stillen darf nicht zur sozialen Isolation führen», sagt sie.

Handlungsbedarf sieht auch das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Denn Stillen am Arbeitsplatz wird heute zwar als Arbeitszeit angesehen. Das Gesetz äussert sich jedoch nicht explizit dazu, ob für diese Zeit ein Lohn geschuldet ist. So schlägt das Seco vor, dass Mütter während des ersten Lebensjahres ihres Kindes pro vollen Arbeitstag zwei Pausen à 45 Minuten bezahlte Stillzeit erhalten sollen, wie diesen Sommer erstmals einem in der «NZZ am Sonntag» publizierten Artikel zu entnehmen war. Der Vorschlag, um die bezahlte Stillzeit gesetzlich zu regeln, wurde kürzlich in der Eidgenössischen Arbeitskommission diskutiert, heisst es auf Anfrage beim Staatssekretariat für Wirtschaft. Bevor dieser dem Bundesrat unterbreitet wird, gibt es laut Seco-Mediensprecherin Marie Avet im Oktober eine Anhörung der betroffenen Kreise.

Vonseiten des Schweizerischen Arbeitgeberverbands begrüsst man zwar den Vorschlag des Seco, die bezahlte Stillzeit zu begrenzen. Allerdings soll diese kürzer sein als die vorgeschlagenen zwei Mal 45 Minuten pro Tag. «Wir halten zwei Pausen à 30 Minuten für angemessen», sagt Ruth Derrer, Mitglied der Geschäftsleitung beim Arbeitgeberverband.

Probleme gab es schon immer

«Ich finde es begrüssenswert, die Stillzeit am Arbeitsplatz zu entlöhnen und Mütter zu motivieren, ihr Kind auch nach dem Mutterschaftsurlaub weiterzustillen», sagt Lüpold. Denn letztlich profitierten auch die Arbeitgeber und die Wirtschaft vom längeren Stillen.

Realistischerweise sei zudem zu erwarten, dass bezahlte Stillzeiten nicht explosionsartig von allen arbeitenden Müttern genutzt werden, sodass sich die finanziellen Auslagen voraussichtlich gering halten, sagt sie. Doch Sibylle Lüpold räumt in ihrem Buch nicht zuletzt auch mit gängigen Vorurteilen auf: «Oft wird davon ausgegangen, dass heutzutage weitverbreitete Herausforderungen im Leben einer Mutter wie Doppelbelastung, Stress, Unsicherheit, Erschöpfungsdepressionen, Still- und Erziehungsprobleme moderne Zeiterscheinungen sind. (…) Tatsache ist jedoch, dass Stillprobleme schon entstanden sind, als die zuvor über Millionen von Jahren als Jäger und Sammler lebenden Menschen sesshaft wurden.»

Der Bund

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