Vor dem Brexit: Tausende Rentner fliehen nach Frankreich

Der Deal: Sie retten kleine Dörfer vor dem Verfall – und dürfen dafür dauerhaft Europäer bleiben. Wenn da nur dieses eine Problem nicht wäre. Die Reportage.

Ein Hauch von Schottland – nur mit Rebbergen und viel Sonne: Das Dorf Bouteville im westfranzösischen Département Charente. Foto: Hervé Lenain (Alamy Stock Photo)

Ein Hauch von Schottland – nur mit Rebbergen und viel Sonne: Das Dorf Bouteville im westfranzösischen Département Charente. Foto: Hervé Lenain (Alamy Stock Photo)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Alison Turriff hat jetzt zwei Fragen: «Tea or coffee?» Und: «Isn't it lovely here?» Natürlich ist es schön hier. 2003 haben Alison und Steve Turriff den 300 Jahre alten Hof in Westfrankreich gekauft und restauriert. Das schottische Paar hat die tragenden Holzbalken und die Steine der mächtigen Mauern freigelegt, die Böden neu gemacht, die Fenster, die Heizung, die Elektrik, die Innenausstattung, alles. Nun geniessen die Turriffs, die beide um die 60 sind, stille Tage in Combiers, einem dieser vielen hübschen Dörfer in der Gegend nordöstlich von Bordeaux. Romanische Kirchlein und malerische Häuser stehen inmitten einer Landschaft aus Wiesen, Hecken und Bächen. «Das erinnert mich ein wenig an Schottland», sagt Alison Turriff. «Nur, dass es hier sonnig und warm ist.»

In ihrem alten, klapprigen Citroën von Alison Turriff fahren wir später durch den Ort. Sie will zeigen, wo in Combiers sonst noch Briten wohnen. In jedem dritten Haus nämlich: Von 104 Haushalten sind 31 britisch. Man erkennt sie daran, dass die Anwesen besonders gepflegt sind. Es gibt weitere Orte in diesem Landstrich und in anderen Regionen Frankreichs, da ist die britische Präsenz noch viel stärker.

Europa hat diese Dörfer gerettet.

Wenn man in Zeiten von Brexit fragt, was Europa wirklich bringt, dann kann man sagen: Europa hat diese Dörfer gerettet – vor dem Verfall, vor dem Vergessen. Das heisst, die Käufer aus dem Vereinigten Königreich haben das getan. Aber sie haben das dank Europa getan. Mehr als 150’000 Briten leben ständig in Frankreich, noch mehr haben dort einen Zweitwohnsitz. Heute erfreuen sie sich der EU-Grundfreiheiten: Sie schaffen ihr Geld problemlos nach Frankreich und lassen sich dann ungehindert dort nieder. Doch wenn im nächsten Frühling der Brexit kommt, stellt sich die Frage: Was passiert mit Frankreichs Briten?


Machen Sie mit bei «Die Schweiz spricht»: Die Aktion bringt Menschen ins Gespräch, die nahe beieinander wohnen, aber politisch unterschiedlich denken.


Französisch büffeln

Manche von ihnen ziehen schon wieder zurück in die Heimat. Andere kaufen jetzt erst recht. Wieder andere wollen nicht mehr nur leben wie Gott in Frankreich, sondern plötzlich sogar echte Franzosen werden. Nach Angaben des Innenministeriums in Paris stellen heute fünfmal mehr Briten Einbürgerungsanträge als vor dem Brexit-Referendum im Juni 2016. Und während in Brüssel noch mühsam die Modalitäten des EU-Austritts des Königreichs verhandelt werden, haben Franzosen und Briten in der Gegend um Combiers längst ihren eigenen, unausgesprochenen Brexit-Deal geschlossen: Die Briten retten die historischen Dörfer. Frankreich macht sie dafür zu Europäern.

Steve Turriff wartet mit seinem Einbürgerungsantrag lieber noch, bis sein Französisch besser ist, sagt er. Seine Frau Alison hat den Antrag schon gestellt. Ihr Französisch ist zwar soso lala, und die Behörden prüfen die Sprachkenntnisse genau. Doch Alison Turriff will ganz sichergehen, dass sie in Combiers bleiben darf. «Hier ist mein Zuhause», sagt sie. An ihrem Bauernhaus hat sie sogar eine Frankreich-Fahne aufgehängt. Als Bekenntnis. Und als stolzes Zeichen dafür, dass sie bei der vergangenen Kommunalwahl in den Gemeinderat gewählt wurde. «Ich fühle mich nicht als Britin, ich bin Europäerin», sagt sie. «Europa war für mich immer eine Verheissung.»

Das Ticket zur Heimischwerdung in Frankreich kostete die beiden etwa 300'000 Euro. So viel mussten sie für den Hof und die Restaurierung aufwenden. Das Budget ist typisch. Viele Briten erwerben eine Immobilie hier erst als Ferienhaus – aber mit dem Plan, als Rentner dauerhaft herzuziehen. Für die Turriffs kam dieser Zeitpunkt früher als erwartet. Er war Manager beim Industriekonzern General Electric, sie arbeitete bei der Stadt Aberdeen. Als beiden fast gleichzeitig Vertragsauflösungen samt Abfindung angeboten wurden, nutzten sie die Gelegenheit.

«Ohne uns wären die ländlichen Gemeinden in Südwestfrankreich am Arsch.»Trevor Leggett, Immobilienmakler

Im Nachbardorf La Rochebeaucourt hat Trevor Leggett seine Firmenzentrale. Er ist durch die von Europa beförderte Lust seiner Landsleute auf einen Platz an der Sonne reich geworden. Seit zwanzig Jahren verkauft er jeden Tag ein Stück Frankreich an eine überwiegend britische Kundschaft. Landesweit sind 500 Makler für ihn tätig; allein in La Rochebeaucourt, 360 Einwohner, arbeiten 70 Leute für Leggetts Immobilienfirma. «Ohne uns wären die ländlichen Gemeinden in Südwestfrankreich am Arsch», sagt Leggett. Er ist einer, der sich gern deutlich ausdrückt. «Die Wahrheit ist, dass die meisten Kunden viel zu viel Geld für eine Ruine ausgeben», sagt Leggett und lacht. «Aber sie nehmen das in Kauf. Das ist ihr Preis für ihren Anteil an französischer Kultur und am Lifestyle.» Er wäre der Letzte, der sich darüber beklagen würde.

20 neue Mitarbeiter

Man könnte meinen, dass Leggett wegen des Brexit ums Geschäft fürchtet. Die Investitionen der Briten sind für die Gegend ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Tatsächlich beschert der nahende Brexit Leggett jedoch eine unerwartete Sonderkonjunktur: 2017 stieg der Umsatz seiner Firma um ein Viertel, seit dem Brexit-Referendum hat er 20 Mitarbeiter neu eingestellt. Im Callcenter direkt neben Leggetts Büro laufen die Drähte von früh bis spät heiss. «Es gibt jetzt eine Welle von Panikkäufen», sagt Leggett. Viele Kunden fürchteten, nach Ablauf einer Brexit-Übergangsfrist 2020 werde es deutlich komplizierter, zu kaufen. «Sie wollen sich eine Verbindung zur EU erhalten», sagt Leggett. Sich ihr Europa retten.

Für den Fall, dass auf den Prä-Brexit-Boom die Post-Brexit-Flaute kommt, diversifiziert Leggett das Geschäft. Er wirbt in Belgien, den Niederlanden und in Deutschland um neue Kunden. Aber eigentlich glaubt Leggett, der Optimist, dass das Briten-Business gut weiterläuft. «Das Wetter in England bleibt schlecht, während hier die Sonne scheint, und der Wein und das Essen bleiben so hervorragend wie eh und je», sagt er und lacht wieder. «Das wird die Briten weiter locken.»

Alison und Steve Turriff leben seit 2003 in Combiers. Foto: Leo Klimm

Alison und Steve Turriff sind viel skeptischer. Sie fürchten einen harten Brexit und dass damit sowohl den Briten im französischen Südwesten als auch dem Gastland viel verloren geht. «Wenn der Brexit für Briten eine Rückkehr in den rechtlichen Zustand vor dem Maastricht-Vertrag bedeutet, wird der regionale Immobilienmarkt zusammenbrechen. Viele Häuser werden weiter verfallen», meint Steve Turriff. «Weil die nächste Einwandererwelle nicht kommen kann.» Durch die Abwertung des Pfunds haben die in Frankreich lebenden britischen Rentner bereits massive Einkommenseinbussen erlitten. Die Turriffs fragen sich, ob ihre Bezüge bald auch noch doppelt besteuert werden – also in Schottland und in Frankreich. Einige ihrer Nachbarn bangen um den vollen Zugang zur Gesundheitsversorgung in der neuen Heimat.

Angst vor Ausverkauf

Europa ist nicht einfach, auch nicht in diesem beschaulichen französischen Dorf. Fragt man Patrick Epaud, den Bürgermeister von Combiers, ob es Spannungen gibt zwischen Einheimischen und den Zuwanderern, so antwortet er zwar höflich: «Mais non!», aber nicht doch. Er sei froh, dass so viele Briten hier gekauft hätten und so die Verödung des Dorfs wenigstens bremsten.

Der Streit um die Immobilienpreise, der zu Beginn der britischen Kaufwelle herrschte, sei vergessen. Damals wurde in Frankreich behauptet, die Nachfrage von der Insel erhöhe die Preise und erschwere damit jüngeren Einheimischen den Zugang zu Wohneigentum. Bürgermeister Epaud deutet höchstens an, dass es ein Problem mit der Sprache gibt: «Wir Franzosen müssen halt unser Englisch aufbessern.»

«Bei den Dorffesten bleiben die Engländer immer unter sich.»Steve Turriff

Steve Turriff benennt die Sache klarer. «Viele Engländer bemühen sich nicht, Französisch zu lernen, sie wollen sich nicht integrieren», sagt er. «Bei den Dorffesten bleiben sie immer unter sich.» Kann schon sein, dass da die alte schottische Abneigung gegen Engländer mitschwingt und dass sie auf fremdem Boden nun umso heftiger hervorbricht. Es gibt aber den Beteuerungen des Bürgermeisters zum Trotz auch Spannungen zwischen Franzosen und Briten – und die können sogar tödlich sein: Ganz in der Nähe von Combiers erschoss im Juni ein 84-jähriger französischer Bauer seinen englischen Nachbarn mit einem Jagdgewehr. Er soll Angst gehabt haben, der vermögende Brite nehme ihm sein Pachtland weg.

Der Mann, der von dem Bauern niedergestreckt wurde, war ein Kunde von Trevor Leggett. Der Immobilienkönig aber will sich nicht lange mit dieser üblen Geschichte aufhalten. Die Geschäfte laufen blendend, und Negativ-PR kann er wirklich nicht gebrauchen. Leggett will weiter französische Dörfer retten. Oder ausverkaufen, je nach Sichtweise. Franzose – also Europäer – will er dagegen «nur zur höchsten Not» werden. Dabei beherrscht er die Sprache bestens. Fluchen jedenfalls kann er auch auf Französisch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.08.2018, 18:09 Uhr

Artikel zum Thema

Wie der Brexit das Sandwich der Briten bedroht

Kommt es zum harten Brexit, könnte vom klassischen britischen Sandwich nicht mehr viel übrig bleiben. Mehr...

Der letzte Sommer in der EU: Ein Brite auf Stop-Brexit-Tour

Ein 28-Jähriger hat seinen Job gekündigt und sein Bankkonto geleert und will mit einem Occasion-Van und GPS-Tracker in Europa eine Botschaft hinterlassen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Land ahoi! Die Superjacht «Sunseeker 74 P» wird auf einem Tieflader über eine Strasse transportiert. Ziel ist eine Wassersportmesse in Düsseldorf, Deutschland. (18. Dezember 2018)
(Bild: Sascha Steinbach) Mehr...