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Sind Onlinekommentare stillos?

Wer den Kopf aus dem Fenster streckt, muss mit allem rechnen.

Man würde meinen, dass man sich in sozialen Medien im besten Licht präsentiert. Foto: Pexels.com
Man würde meinen, dass man sich in sozialen Medien im besten Licht präsentiert. Foto: Pexels.com

Ich, weiblich, 53, bin interessiert am Weltgeschehen und lese intensiv Zeitung, hauptsächlich online. Ich finde das praktisch. Aber ich bin auch schockiert, wenn ich die Kommentare lese. Wieso sind so viele davon so böse? Mir tun Journalisten manchmal fast leid. Und ich frage mich: Ist es nicht stillos, als Leser immer und überall seinen Senf dazuzugeben?P. K.

Liebe Frau K.,

es ist überaus liebenswürdig von Ihnen, dass Sie sich um das Wohlergehen der journalistischen Zunft sorgen. Es rührt mich grad ein wenig, so viel Mitgefühl.

Dennoch wollen wir nicht jammern. Alle jammern sie heute dauernd und sind verletzt und beleidigt und betupft und schreien nach einem Careteam und sehen sich als Opfer. Wir hier in dieser unserer kleinen Rubrik sind von einem anderen Schlag. Wir nehmen, was auch immer kommt, aufrecht stehend und ­erhobenen Hauptes hin, gerade weil in dieser Zunft gilt: Wer den Kopf aus dem Fenster streckt, muss damit rechnen, dass es hin und wieder einmal draufregnet.

Das alles ändert indes nichts daran, dass Sie mit Ihrer Beobachtung recht haben. Die Kommentarspalten, nicht nur in den Onlinemedien, sondern in den sozialen Medien überhaupt, sind jetzt nicht gerade das, was man erheiternd nennen könnte.

Würde man nicht denken, dass man sich auf solchen Plattformen im besten Licht präsentiert?

Was so merkwürdig daran ist: wie viele es um jeden Preis darauf anlegen, besonders schmallippig rüberzukommen. Humorlos. Nörgelig. Schlechtlaunig. Hässig. Und damit leider auch: unsympathisch. Ich meine: Würde man nicht denken, dass man sich auf solchen Plattformen im besten Licht präsentiert? Dass man also, gerade wenn man in Realität eventuell nicht so gesegnet ist mit äusseren Reizen oder Schlagfertigkeit, den virtuellen Raum nutzt, um dort mit geistreichen, witzigen, überraschenden Bemerkungen aufzufallen? Wobei: Wenn es schon immer heisst, die Schweizer sässen alle mit diesem hässigen Gesichtsausdruck im Tram, dann schreiben dieselben Schweizer halt wohl auch hässige Kommentare.

Und was den Senf anbelangt: Er ist einfach sehr verbreitet, der Mitmensch, der denkt, es sei von ungeheurem Interesse, was in ihm vorgehe. Derselbe Typus wird im realen Leben besonders gerne aktiv am Ende von Sitzungen, aus der irrtümlichen Überzeugung, sein Votum sei nun noch dringend gefragt.

Dabei ist die Welt doch laut und lärmig genug. Es sollte sozusagen mehr der Stille gelauscht werden. Schweigen ist vornehm. Keifen nie.

Bettina Weber

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