Sie bezwang 44 Viertausender

Porträt

Auch mit 67 Jahren hat Ruth Schaffer aus Studen im Kanton Bern von den Bergen noch nicht genug. Während ihrer Karriere hat sie alle 44 Viertausender der Schweiz bestiegen.

Die Bernina-Gruppe im Abendlicht: Als letzten aller Schweizer Viertausender bestieg Ruth Schaffer den Piz Bernina (in der Mitte).

Die Bernina-Gruppe im Abendlicht: Als letzten aller Schweizer Viertausender bestieg Ruth Schaffer den Piz Bernina (in der Mitte).

(Bild: Keystone)

Schaut Ruth Schaffer in Studen von ihrem Wohnzimmer – geschmückt mit Fotos von ihren Touren – zum Fenster hinaus, fällt der Blick auf den Jäissberg und den Chasseral. Beides nicht unbedingt Berge, welche die aktive Rentnerin in Bergsteigerlaune versetzen. Auch wenn es ihr in Studen, wo sie seit fast 40 Jahren wohnt, gefällt: «Am liebsten habe ich es, wenn es aufwärts einem Gipfel entgegen geht.» Und aufwärts ist sie auf ihren unzähligen Touren in den vergangenen 40 Jahren oft gegangen und geklettert.

Das Virus des Bergsteigens bekam Schaffer nicht von den Eltern eingeimpft. Vielmehr war es der zweijährige Aufenthalt in Kanada, der bei der damals 25-Jährigen die Lust am Reisen und Erkunden der Natur weckte. Nach der Rückkehr war mit der Dom-Besteigung – der höchste ganz in der Schweiz liegende Viertausender – der Bann gebrochen. «Ab diesem Zeitpunkt war das Bergsteigen eine Sucht, von der ich bis heute nicht mehr losgekommen bin», erzählt sie rückblickend. Sie betont, dass nicht der Gipfelerfolg, sondern die Kameradschaft, der Teamgeist und die Naturverbundenheit im Vordergrund standen. Und damals sei das Bergsteigen eine Männerdomäne gewesen, Frauen waren wenige anzutreffen.

Knapp dem Tod entronnen

«Als Jahre später einige Kollegen prahlten, wie viele Schweizer Viertausender sie schon bestiegen hatten, merkte ich plötzlich, dass mir noch drei fehlten.» Mit dem Besteigen des Piz Bernina – des einzigen Bündner Viertausenders – konnte Schaffer 1994 ihre «Sammlung» komplettieren.

Risiken und Gefahren, welche Bergsteigen mit sich bringen, ignorierte die Seeländerin nie. «Ich bin den Bergen immer mit Respekt begegnet, Angst ist ein schlechter Begleiter.» Selber hatte Schaffer nie einen schwerwiegenden Unfall. Sie musste aber hautnah miterleben, wie ein Kletterkamerad zu Tode stürzte. «Es hätte damals auch mich treffen können, das Ganze hing an einem dünnen Faden. Ich bekam damals ein zweites Leben geschenkt», sagt Schaffer nachdenklich. Blockiert und schockiert sei sie nachher gewesen. Und doch: «Ich bin schon bald wieder in die Berge zurückgekehrt.»

Möglichkeiten, mit dem Bergsteigen auch fremde Kulturen kennen zu lernen, hatte die Seeländerin viele. Ausser in Ozeanien schnupperte sie auf allen Kontinenten Höhenluft. Im Hohen Atlas in Marokko, in Ostafrika, Tibet sowie in Südamerika stellte sie sich neuen Herausforderungen. «Auf fremde Kulturen, Sitten und Gebräuche zu treffen, war immer spannend.»

Mit dem Besteigen des Kilimandscharo überquerte sie zum ersten Mal die 6000-Meter-Grenze. Weitere acht Gipfel mit dieser Höhe sollten noch folgen. Als ganz besondere Expedition bezeichnet Schaffer die Besteigung des Pik Lenin im Jahre 1983. Mit 7134 Metern ist der im heutigen Tadschikistan gelegene Berg der höchste von Schaffer bestiegene Gipfel.

Herausforderung Klettersteig

In den letzten Jahren hat es die Rentnerin etwas ruhiger genommen. «Die Sucht ist etwas gestillt, ich muss nicht mehr jedes Wochenende einen Berg besteigen.» Ganz lassen kann sie es aber nicht. Schon dreimal hat sie in den letzten Jahren die Haute Route von Zermatt nach Chamonix gemacht. Dazu gekommen ist eine neue Leidenschaft: die Klettersteige. Mit leuchtenden Augen erzählt sie vom Erklimmen des als schwer eingestuften Allmenalp-Klettersteigs bei Kandersteg. Ruth Schaffer kommt ins Schwärmen. Und ihre Worte sprudeln wie ein Bergbach.

hk/Bieler Tagblatt

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