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Schöner leben in Nordkorea

Reitclub, Delfinarium und danach ins Wiener Café? Man darf jetzt sogar reich werden in Nordkorea. Solange man sich vor dem Regime verbeugt.

Der Marschall amüsiert sich: Kim Jong-un (Mitte rechts) besucht einen Vergnügungspark in Pyongyang. Foto: KCNA (Keystone)
Der Marschall amüsiert sich: Kim Jong-un (Mitte rechts) besucht einen Vergnügungspark in Pyongyang. Foto: KCNA (Keystone)

Zehnmal ist Kim Jong-un persönlich zur Baustelle gekommen. Jedes Mal haben sie ihm vorher den dunklen Schreibtisch vor die Tür geschleppt und einen Kristallaschenbecher daraufgestellt. Wenn er mit seiner Entourage kam, setzte er sich an den Tisch, die anderen standen. Meistens zündete er sich eine Zigarette an, niemand sonst rauchte. Dann liess er sich den Baufortschritt erläutern für die Reithalle und die Rennbahn. Wenn Kim Jong-un Anmerkungen hatte, schrieben seine Beamten mit. Vor-Ort-Anleitungen nennen sie das in Nordkorea. Ein eigenes Amt wacht darüber, dass die Anordnungen später auch umgesetzt werden.

«Eine der weisen Ideen von Marschall Kim Jong-un war es, die Arena mit Sägespänen einzustreuen», sagt Ri Yong-nam, er ist der Trainer des neuen Reitclubs in Pyong­yang. «Wenn die Pferde pinkeln, wird der Geruch absorbiert, und wenn jemand abgeworfen wird, kann er sich nicht verletzen.» Auch das Braun der Wände und die Holzverkleidung habe der Diktator angeordnet. Das wirke beruhigend auf die Tiere.

Es ist Vormittag und ein ganz normaler Arbeitstag in Nordkorea. In der Arena laufen ein Dutzend Orlow-Traber, es sind russische Pferde. In den Sätteln sitzen Kinder und Frauen, sie tragen Reithelme und Lederstulpen. Sie gehören zur neuen Oberschicht aus Pyong­yang. «35 Dollar», sagt Trainer Ri, «kostet die Stunde.» Eine Frau unterbricht ihn: «35 Dollar, das sind die Kosten für Ausländer, Koreaner bezahlen nur 5 Dollar.» Das ist der Lohn, den ein Fabrik­arbeiter jeden Monat ausgezahlt bekommt.

Langsamer Wandel

Lange Zeit war Nordkorea das abgeschottetste Land der Welt, den Kollaps des Ostblocks überdauerte das System wie in einer Zeitkapsel, unberührt von der sich globalisierenden Weltwirtschaft. Das ändert sich nun allmählich.

Noch vor ein paar Jahren war Pyong­yang eine trostlose Stadt, überall heruntergekommene Plattenbauten, ständig fiel das Licht aus. Auf den dunklen Trottoirs mussten die Menschen abends aufpassen, nicht zusammenzustossen. Heute wird an vielen Ecken gebaut, die neue Hochhaussiedlung am Taedong-Fluss nennen die Diplomaten Little Dubai.

Das Jahr 1

Im Reitclub war Kim Jong-un, inzwischen seit drei Jahren an der Macht, zuletzt am 7. Juni 103. So steht es über dem Eingang. Wo immer er hinkommt, hängen sie später ein rotes Schild mit goldener Schrift auf. Der 7. Juni 103 war vor ­einem halben Jahr. In Nordkorea haben sie eine eigene Zeitrechnung. Das Jahr 1 ist das Geburtsjahr des Grossvaters und Staatsgründers Kim Il-sung: 1912.

Einige Meter abseits der Reithalle ist auf Kims Anordnung eine fensterlose Blockhütte errichtet worden. Es ist ein Museum, das erste, in dem Kim Jong-un gehuldigt wird. In Vitrinen sind Jacken ausgestellt, die er beim Reiten getragen hat. An den Wänden hängen Fotos: Kim Jong-un als Sieben- oder Achtjähriger und als Teenager auf einem Schimmel. Dazu viele aktuelle Bilder: Kim Jong-un im Galopp oder mit verspiegelter Sonnenbrille im Sattel. «Marschall Kim Jong-un reitet wie ein professioneller Jockey», lobt Ri Yong-nam, der Reittrainer.

Das Dilemma der Mächtigen

Kim Jong-un ist der Allmächtige in Pyong­yang. Und doch steckt er in einem fast unauflösbaren Dilemma. Zu viele in Nordkorea wissen längst, wie es um das Land wirklich steht. Sie können die ­Unterschiede selbst sehen, zum Beispiel in südkoreanischen Seifenopern, die auf DVDs und USB-Sticks aus China geschmuggelt werden. Nordkorea ist nicht das Arbeiterparadies, wie die Propaganda behauptet.

Doch was ist der Ausweg? Einfach das Land wirtschaftlich öffnen, wie es vor 35 Jahren die Chinesen gemacht haben? Das kann Kim Jong-un nicht, er müsste sich von Vater Kim Jong-il und Grossvater Kim Il-sung distanzieren. Zudem: Als Chinas Reformer Deng Xiaoping 1979 die Volksrepublik wieder an die Weltwirtschaft ankoppelte, hatte er – anders als dies heute bei Kim Jong-un der Fall wäre – eine gute Ausgangslage. Das Chaos der Kulturrevolution konnte er der Viererbande um die Mao-Witwe anlasten. Und: Die Chinesen mussten sich den Wohlstand erarbeiten. Sie konnten nicht einfach in ein reicheres Land flüchten. Nordkorea aber ist umzingelt von prosperierenden Nachbarn.

Smartphones – ohne Internet

Deshalb gibt es nun einen neuen Deal in Nordkorea: Wer zu viel weiss, wer ohnehin schon politisch zur Elite gehörte, darf jetzt reich werden. Loyalität gegen Geld. Es ist Kim Jong-uns Wette auf die Zukunft. Für seine Neureichen hat er den Reitclub eröffnet, ein Delfinarium mit Salzwasserpipeline zum Meer bauen lassen, ein Fitnesscenter und mehrere Vergnügungspärke. Das alles sind ­Konzessionen an die neue, wachsende Oberschicht in der Hauptstadt, die sich fast alles kaufen kann.

Die Neureichen gehen ins Kino, ihre ­Kinder fahren auf Rollerblades durch Pyong­yang, und natürlich telefonieren sie mit Smartphones. Die einzige Ein­schränkung: Sie haben keinen Zugriff auf das Internet. Auch die Supermärkte sehen in Pyong­yang inzwischen aus wie überall auf der Welt: lange Regale mit Chips, Kosmetika und Schokolade, Spiri­tuosen­ecken sowie Tiefkühlabteilungen mit Rindfleisch und Poulet. Dass man in Nordkorea ist, merkt man nur an den Porträts von Kim Jong-il und Kim Il‑sung, die am Eingang hängen. ­Bezahlt wird in Dollar, Euro oder chine­sischen Yuan.

«Pizza und Spaghetti»

Wem nach einem Cappuccino ist, kann zum Kim-Il-sung-Square fahren, dem Aufmarschplatz des Regimes. Dort ist in einem Gebäude ein Wiener Caféhaus untergebracht. Es gibt Kuchen, Limonade, der Espresso kostet 2,75 Euro. Es gibt italienisches Essen in einer der beiden neuen Pizzerien. «Pizza und Spaghetti» steht auf Englisch und Koreanisch über dem Eingang. Zur Mittagszeit ist der Laden an der Strasse der Befreiung gut besucht, die Gäste sitzen an Tischen mit orangen Plastikdecken. Die Küche ist einsehbar, eine Köchin wiegt gerade Nudeln ab: 125 Gramm pro Portion. Wer möchte, kann Coca-Cola trinken, aus schlanken Dosen – importiert aus Italien.

Will man die offizielle Version hören, wie es um Nordkoreas Wirtschaft bestellt ist, schickt das Regime Professor Ri Ki-song von der Akademie der Sozialwissenschaften. Er ist zum Gespräch ins Yanggakdo-Hotel gekommen, das auf ­einer Insel im Taedong-Fluss liegt. Das Yanggakdo ist eines der wenigen Hotels, in denen Ausländer übernachten dürfen, über 40 Etagen und 1000 Betten hat das in die Jahre gekommene Haus. Meistens sind nur wenige Etagen belegt.

Ri sitzt in einem der Konferenzräume des Hotels. Er trägt einen schwarzen Anzug und am Revers einen roten Pin, so wie alle Nordkoreaner. Seit 1972 trägt das ganze Land diese Anstecker. Sie sind wie Rangabzeichen an der Uniform. Männer vom Geheimdienst haben oft einen kleinen runden Pin mit dem Gesicht von Kim Jong-il. Der begehrteste Anstecker ist allerdings ein Doppelporträt von Kim Il-sung und Kim Jong-il auf rotem Grund. Vor allem hohe Kader wie der Professor haben einen solchen.

Ein oligarchisches System

Ri hat Dokumente mitgebracht, Zahlen, die sein Land erklären sollen. Die Wirtschaftsleistung sei zwischen 2007 und 2011 im Schnitt jährlich um 9 Prozent gewachsen, sagt er. Aktuellere Zahlen könne er nicht preisgeben. Sie sind ein Staatsgeheimnis. Dann trägt er weiter vor: 375 ausländische Unternehmer gebe es in Nordkorea. 230 davon seien aus China. Wieder veraltete Zahlen. Sie stammen aus dem Jahr 2009. Die Behörden in Peking haben längst weit mehr als 350 chinesisch-nordkoreanische Partnerunternehmen registriert, die meisten sind Bergbaufirmen, deren Interesse Nordkoreas Magnesium­vorkommen gilt. Ein Grossteil des Geldes, das derzeit in Pyong­yang verbaut wird, dürfte aus den Vorauszahlungen der Bergbaufirmen stammen. Wie viel an wen fliesst, lässt sich nicht klären.

Wie Neureiche an ihr Geld kommen, lässt sich in der Parteizeitung nachlesen. Man muss die Meldungen nur dechiffrieren können. Früher, im Kalten Krieg, war eine Ahnung in «Kremlogie» gefragt, heute geht es um Kenntnisse in den angewandten Pyong­yang-Wissenschaften. Viele Nordkoreaner beherrschen diese.

Kim Jong-un und der Freibrief zum Geldmachen

Wenn Kim Jong-un einer Militäreinheit mehr Raum zur Selbstverwaltung überträgt oder die Eigenverantwortung eines Werksleiters lobt, dann ist das oft ein Freibrief zum Geldmachen. Solche Karrieren gibt es viele: Es fängt zum ­Beispiel damit an, dass ein hoher Offizier die Fischereirechte in einer Gegend bekommt, es folgt ein Res­taurant für Meeresfrüchte in Pyong­yang und zuletzt der Export von Krabben nach China.

Mit Duldung der Familie Kim ist so ein nahezu oligarchisches System entstanden. Professor Ri räumt ein, dass die Führung den Direktoren vieler Staatsfirmen mehr Freiheiten gewährt: «Sie können Joint Ventures gründen und selbstständig Aussenhandel treiben.» Ein­zige Voraussetzung: Die vom Staat festgelegten Planziele müssen erreicht sein.

Zu den Profiteuren gehören Männer wie Min Il-hong. Er ist der Direktor des Textilkombinats Kim Jong Suk in Pyong­yang. In der Fabrik spinnen 8500 Arbeiter im Dreischichtbetrieb Polyester­fäden. Dass Min zur Elite gehört, kann man im firmeneigenen Kim-Museum ­sehen. Kim Il-sung besuchte die Fabrik 48-mal, Kim Jong-il kam 13-mal, und auch der Enkel war schon dreimal da. «90 Prozent der Produktion», sagt Direk­tor Min, seien für das Inland bestimmt. Den Rest liefert er ins Ausland, vor allem nach China. Den Exportanteil will er in den kommenden Jahren aber steigern. Was passiert dann mit den eingenommenen Devisen? Er habe die Löhne der ­Arbeiter erhöht, sagt Min. Um wie viel? «Gehälter», sagt er, «sind doch überall auf der Welt ein Geheimnis.»

Ein bisschen Boom

Was in Pyong­yang verkauft wird, kommt fast alles aus China. Das Samsung Re­search Institute in Seoul geht davon aus, dass China 90 Prozent des Öls liefert, 80 Prozent der Konsumgüter und 45 Prozent der Nahrungsmittel. Die chinesischen Statistiker geben ein Handelsvolumen von etwa sieben Milliarden Dollar an. Nordkorea veröffentlicht seit mehr als 50 Jahren keine Zahlen mehr.

Aber es gibt nicht nur chinesische Waren. Auf den Strassen der Hauptstadt stauen sich auch Autos aus Deutschland und Japan. Laut den Sanktionslisten von EU und UNO dürften viele der Wagen ­eigentlich nicht in Nordkorea zu sehen sein. Kostet ein Auto mehr als 15'000 Euro, gilt es offiziell als ein Luxusgut. Doch chinesische Händler haben einen Weg gefunden, wie sich trotzdem teure Autos verkaufen lassen. Fahrzeuge, ­deren eigentlicher Preis über der Limite liegt, kosten 14'999 Euro – inklusive Rechnung. Der Rest wird schwarz bezahlt. Ob Porsche oder Mercedes: Die chinesischen Händler besorgen alles.

Und so driftet das Land immer weiter auseinander. Während die Hauptstadt fast ein wenig boomt, erzählen Diplomaten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die im Land herumkommen, dass die neuen Autos nur in der Hauptstadt zu sehen sind. In den anderen Provinzen sind die Lebensmittel knapp. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass für 85 Prozent aller Haushalte die Versorgung «grenzwertig» sei. Die meisten Nordkoreaner können sich genau daran erinnern, wann sie ihr letztes Ei oder Stück Fleisch gegessen haben.

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