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Qualität ist überlebenswichtig

Damit Zeitungen in gedruckter Form weiterbestehen können, ist ein Ausbau der indirekten Presseförderung dringend notwendig.

Die Mediennutzung verschiebt sich zu den globalen Plattformen – zu Facebook, Twitter, Youtube und anderen, wo keine professionellen, journalistischen Standards gelten. Karikaturen: Felix Schaad
Die Mediennutzung verschiebt sich zu den globalen Plattformen – zu Facebook, Twitter, Youtube und anderen, wo keine professionellen, journalistischen Standards gelten. Karikaturen: Felix Schaad

«Als ich so in den Anblick der Strömung versunken auf dem Flutwall stand, wurde mir klar, dass allen Gefahren zum Trotz das, was in Bewegung ist, immer besser sein wird als das, was ruht, dass der Wandel edler ist als die Stetigkeit, dass das Unbewegliche Zerfall und Auflösung anheimfallen muss und zu Schutt und Asche wird, während das Bewegliche sogar ewig währen kann.»

Mir gefällt diese Betrachtung der polnischen Literaturnobelpreisträgern Olga Tokarczuk in ihrem Roman «Unrast». Sie bringt zum Ausdruck, dass Wandel etwas Positives ist. Er fordert uns zwar heraus. Aber das ist besser als der Stillstand. Nun ist der Wandel in unserer Branche, den Medien, besonders rasant. Es ist unsere Verantwortung und unser Privileg, diese Herausforderung anzunehmen und den Wandel zu gestalten.

Bis zur Jahrtausendwende lief das Verlagsgeschäft wie geschmiert. Seither bedrängen neue digitale Angebote unser traditionelles Geschäftsmodell immer mehr. Die Werbeumsätze der Presse haben sich mehr als halbiert. Die Anzahl Zeitungstitel hat abgenommen, und die Gesamtauflage der verbleibenden Titel ist – unter Einbezug der E-Paper – um etwa ein Viertel gesunken.

Steigende Erträge im Digitalbereich werden die Rückgänge im Print bei weitem nicht kompensieren. Bemerkenswert ist, dass das Medienangebot in der Schweiz trotz dieser Entwicklung hervorragend bleibt. Sogar das bekanntlich kritische Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich kommt in seinem letzten Jahrbuch «Qualität der Medien» zum Schluss, dass die untersuchten Angebote gesamthaft betrachtet nur leicht verlieren. Die massgeblichen professionellen, journalistischen Standards werden als stabil beurteilt.

Wobei im letzten Jahrzehnt darüber hinaus neue Werte geschaffen wurden. Wie spektakuläre Recherchen gezeigt haben, ermöglicht die Nutzung grosser Datenmengen mit Computerhilfe und in internationaler Zusammenarbeit neue journalistische Qualitäten. Die Interviewserie über die Festtage ist ein Beispiel für neue Glanzpunkte auf traditionellerem Gebiet, wie es sie auf diesem Niveau früher nicht gab.

Der Medienjournalist Rainer Stadler hat in der NZZ festgehalten: «Journalistischer Fortschritt heisst Technologisierung plus Kooperation.» Diese Kombination ist sichtbar etwa beiden erwähnten Datenrecherchen.

Dennoch denke ich, dass der Durchbruch erst noch bevorsteht. Über den Datenjournalismus hinaus werden die Nutzerdaten uns helfen, unsere Angebote besser auf die Interessen und Bedürfnisse unseres Publikums auszurichten. Angesichts der unendlich vielen Alternativen, die ihnen zur Verfügung stehen, ist die Entwicklung dieser Fähigkeit von existenzieller Bedeutung.

Das heisst nicht, dass der Journalismus seine Autorität verlieren wird. Im Gegenteil: Überzeugende Beiträge sind wichtiger denn je. Sie sind der entscheidende Mehrwert, den die Publizistik leisten kann. Überblick, Common Sense, historisches Gedächtnis, kulturelles Bewusstsein und Einordnungskompetenz bleiben wichtig – nicht als Bevormundung, sondern im Sinne einer Dienstleistung. Denn wir können Relevanz nicht mehr einseitig vorordnen.

Persönlich glaube ich, dass im neuen Jahrzehnt zusätzlich die Fähigkeit zur Reduktion entscheidend sein wird. Zwar wird ein Rückgang der Medienvielfalt beklagt. Das mag stimmen, wenn man nur das Angebot traditioneller Zeitungstitel betrachtet, die es schon vor 50 Jahren gegeben hat. Insgesamt war das Informationsangebot aber noch nie so reichhaltig und die Konkurrenz um die Zeit der Menschen noch nie so gross wie heute.

Anlass zur Besorgnis gibt vielmehr der Wandel der Mediennutzung. Sie verschiebt sich zu den globalen Plattformen – zu Facebook, Twitter, Youtube und anderen, wo keine professionellen, journalistischen Standards gelten. Das immer grössere Medien­angebot führt zu einer Überforderung sowohl der Macherinnen und Macher als auch der Nutzerinnen und Nutzer. Im Überangebot wird Qualität über­lebenswichtig.

  • Wir müssen besser und professioneller werden, als wir es in der Vergangenheit waren. Denn was die traditionellen Medien betrifft, ist etwas an der Kritik am «Mainstream» dran. Das ist weniger eine Ressourcenfrage als eine Frage der Geisteshaltung.
  • Wir müssen noch konsequenter zwischen Berichterstattung und Meinung trennen. Wir müssen unsere Themen eigenständiger auswählen, tiefer bohren und unterschiedlichen Gesichtspunkten mehr Raum geben.
  • Und wir müssen den Nutzwert für die Leserschaft erhöhen, indem wir darstellen, was die Nachrichten für sie konkret bedeuten.

Die Orientierung an den Interessen und Bedürfnissen unserer zahlenden Leserschaft und der zunehmende wirtschaftliche Druck werden uns zwingen, die in Zukunft deutlich geringeren Mittel gezielter einzusetzen. Die Konzentration auf echte Mehrwerte, die Nutzung der neuen technologischen Möglichkeiten und Kooperationsfähigkeit sind Voraussetzungen für das Überleben von Bezahlmedien. Dabei stellt die digitale Transformation des Abonnementmodells die grösste geschäftliche Herausfor­derung des neuen Jahrzehnts dar.

In der Branche ist bereits ein bemerkenswertes Savoir-faire entstanden. Wir müssen jedoch realistisch sein. Die Preise für digitale Abonnemente liegen um die Hälfte bis zwei Drittel tiefer als für unsere bestehenden Print- und Mischabonnemente. Und der Werbemarkt wird unter Druck bleiben. Unter der optimistischen Annahme, dass es gelingt, den unabwendbaren Verlust traditioneller Abonnemente durch digitale Bezahlangebote zu kompensieren, werden unsere Einnahmen im nächsten Jahrzehnt um bis zu zwei Drittel zurückgehen. Das ist dramatisch.

Der Balanceakt zwischen inhaltlicher Arbeit und Kostenmanagement wird im neuen Jahrzehnt noch anspruchsvoller. Umso mehr als der Aufbau der digitalen Kompetenz hohe Investitionen erfordert und die grossen Kostenblöcke insbesondere beim Vertrieb gedruckter Zeitungen bestehen bleiben.

Das heisst nicht, dass gedruckte Medien keine Zukunft haben. Im Gegenteil – es wird weiterhin Menschen wie mich geben, die besonders gerne Zeitung lesen. Aber wenn wir sparen müssen – und darum werden wir leider nicht herumkommen –, dürfen wir nicht bei der digitalen Transformation sparen, sondern müssen wir bei den Kosten unserer gedruckten Angebote ansetzen. Alles andere wäre nicht nachhaltig.

Vieles lässt sich aus eigener Kraft erreichen. Allein auf die Vertriebs­kosten haben wir wenig Einfluss. Ein Ausbau der bewährten indirekten Presseförderung unter Einschluss der Frühzustellung ist darum dringend – als Kompensation für die bereits hohen Zustellkosten der Post und als Service public für die Leserschaft von Zeitungen, die politisch überdurchschnittlich interessiert ist. Zeitungen bilden heute und auf absehbare Zeit das Rückgrat der demokratischen Meinungsbildung in unserem föderalistischen Land.

Das Präsidium unseres Verleger­verbands geht davon aus, dass ohne Ausbau der indirekten Presseförderung in den nächsten drei Jahren ein Drittel der heutigen Zeitungstitel nicht überleben kann. Darum haben wir in den vergangenen Monaten in Zusammenarbeit mit der Post und dem Bundesamt für Kommunikation die technischen Grundlagen für den Einbezug der Frühzustellung in die indirekte Presseförderung erarbeitet. Dabei spüren wir die Unterstützung des Uvek, des zuständigen Departements von Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Wir werden uns in den nächsten Monaten dafür einsetzen, dass das Parlament die notwendigen gesetzlichen Grundlagen schafft.

Kurz- und mittelfristig stellt dieses Dossier die Priorität unseres Verlegerverbands dar. Langfristig bleibt die Förderung der Medienkompetenz unser wichtigstes Anliegen. Auch dafür sind wir auf gute Rahmenbedingungen angewiesen, die wir in Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand schaffen können. In der Medienpolitik wird dem Thema leider immer noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Aber im Verlegerverband hat es einen hohen Stellenwert. Über unser Medieninstitut investieren wir namhaft in neue Lehrmittel und weiterführendes Unterrichtsmaterial. Die öffentlich diskutierte Idee eines Qualitätslabels für Medien könnte gut dazu passen.

Das Verständnis der nächsten Generation für Medienqualität wird das zukünftige Medienangebot bestimmen. Darum kann der Stellenwert der Medienkompetenz nicht hoch genug eingeschätzt werden. Und darum bin ich glücklich, dass wir auf diesem Gebiet konkrete Fortschritte erzielen.

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