Pensionierte trinken zu viel

Bei Senioren ist problematischer Alkoholkonsum weitverbreitet. Was Betroffenen und Angehörigen helfen kann.

Nach der Pensionierung wird das Gefühl der Leere oft mit Alkohol bekämpft. Foto: Esther Michel

Nach der Pensionierung wird das Gefühl der Leere oft mit Alkohol bekämpft. Foto: Esther Michel

Roland Gamp@sonntagszeitung

Der Alkohol begleitet Peter Suter* schon, als er noch im Aussendienst arbeitet. «Wenn ich von Tür zu Tür ging, bot mir jeder Zweite ein Gläschen an», erinnert er sich. Ausschlagen will der ­gesellige Berner die Einladungen nicht. «Das waren ja nur ein paar Gläser Wein am Tag», sagt Suter. «Ich war überzeugt, dass ich jederzeit aufhören kann.»

Er kann nicht. Aus den Gläsern werden ganze Flaschen. «Eskaliert ist die ­Situation nach meiner Pensionierung», erzählt Suter. «Plötzlich hatte ich den ganzen Tag Zeit.» Vor allem aber fehlt eine Aufgabe, die ihn vom Konsum abhalten würde. «Ich sass im Restaurant, trank stundenlang, ging nach Hause und fiel besoffen ins Bett.» Am nächsten Tag wiederholt sich dieser Ablauf – der triste Alltag von Tausenden Rentnern, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie von Sucht Schweiz im Auftrag des Bundes zeigt. In keiner Altersgruppe ist der chronische Risikokonsum so verbreitet wie bei den 65- bis 74-Jährigen. Betroffen sind laut Umfrage 6 Prozent aller Männer und 9 Prozent aller Frauen im entsprechenden Alter. Bei Jugend­lichen unter 20 Jahren sind die Quoten nicht einmal halb so hoch.

Leer und hoffnungslos

Analysiert wurden zudem die Behandlungen in Schweizer Spitälern wegen ­Alkoholsucht oder einer Alkoholvergiftung über einen Zeitraum von elf Jahren – mit dem gleichen Resultat. «Die höchsten Raten finden sich bei 55- bis 74-jährigen Männern beziehungsweise bei 45- bis 74-jährigen Frauen», schreiben die Autoren. Danach nehmen die Zahlen zwar wieder ab. Das wird aber darauf ­zurückgeführt, dass die Mortalität bei chronischen Trinkern hoch ist. Gerade die Pensionierung ist ein Wendepunkt: Jeder dritte betagte Alkoholsüchtige wird erst als Rentner abhängig.

«Nach 48 Jahren in meinem Job hatte ich plötzlich das Gefühl, nichts mehr wert zu sein», sagt Suter. Er fragt sich, was da noch komme. Und findet keine zufriedenstellende Antwort. «Irgendwann würde ich meinen Führerschein abgeben müssen, dann mein Haus verlieren, am Schluss auch die Gesundheit.» Diese Aussicht frustriert ihn so sehr, dass er Schmerzen im Brustkorb verspürt. Er ertränkt sie im Alkohol. Bis sich die Sucht nicht mehr leugnen lässt. Er stürzt mehrmals, unter anderem mit dem Roller. Ändern will er sich trotzdem nicht. «Wieso sollte ich mit dem Trinken aufhören?», fragt sich Suter. «Ich bin ­sowieso nur noch da, um die Kläran­lage zu belasten.»

Rund die Hälfte der Klientel beim Blauen Kreuz ist über 50

Aussagen hinsichtlich der Perspektivlosigkeit hört Andrea Kaspar vom Blauen Kreuz immer wieder. «Ab einem gewissen Alter rechtfertigen die Leute ihren Konsum oft auch damit, dass sie gar nicht mehr funktionieren müssen», sagt die Beraterin. «Man muss ihnen auf­zeigen, dass das nicht stimmt. Dass sie noch viel vor sich haben.»

Rund die Hälfte der Klientel beim Blauen Kreuz ist über 50 Jahre alt. «Dieser Anteil wird sich bei der aktuellen ­demografischen Entwicklung wohl noch erhöhen», sagt Kaspar. Es würden sich zunehmend Spitex-Anbieter oder Altersheime melden, «um abzuklären, ob sie ihren Klienten auf Wunsch Alkohol geben sollen oder nicht».

Sucht wird aus Scham verheim­licht

In der Verantwortung sieht Kaspar auch das persönliche Umfeld. «Angehörige sind oft der Meinung, dass man einem Pensionär nichts vorschreiben oder vorenthalten dürfe. Dabei könnten gerade sie die Betroffenen erreichen und zu einer Beratung bewegen.»

Das funktionierte auch bei Peter Suter. Immer wieder log er seine Frau an, wollte seine Sucht aus Scham verheim­lichen. «Bis alles nur noch eine grosse Lüge war, mit der ich nicht mehr leben konnte», sagt er. Seine Frau habe bewundernswert reagiert und trotz allem zu ihm gehalten. «Das gab mir die Kraft, eine Therapie zu beginnen.»

Es braucht mehrere Anläufe. Doch mit Medikamenten und Beratung schafft Suter schliesslich den Entzug. Heute ist er seit elf Monaten trocken. Er betreut derzeit 16 Bienenvölker, malt und fertigt Holzschnitzereien an. «Am wichtigsten ist es, seinem Leben einen Inhalt zu ­geben. Dafür ist man nie zu alt.»

* Name geändert

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