«Parteipräsident ist ja einer der verschissensten Posten überhaupt»

Kommune, kurzer Jupe und ein Heirats-Trick: Franz Steinegger und Ruth Wipfli im grossen Sommer-Interview.

Das gemeinsame Geschäft: nicht optimal. Trotzdem funktioniert die Beziehung von Ruth Wipfli und Franz Steinegger auch nach drei Jahrzehnten noch. Foto: Dominique Meienberg

Das gemeinsame Geschäft: nicht optimal. Trotzdem funktioniert die Beziehung von Ruth Wipfli und Franz Steinegger auch nach drei Jahrzehnten noch. Foto: Dominique Meienberg

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Zweimal wollte Franz Steinegger in den Bundesrat, und zumindest beim ersten Mal spielten Sie, Frau Wipfli, eine wichtige Rolle. Sie lebten 1989 im Konkubinat, in «komplizierten Verhältnissen», was mit ein Grund für die Nichtwahl Ihres Mannes war. Wie oft haben Sie sich gewünscht, Sie wären damals verheiratet gewesen?
Ruth Wipfli: Es wäre sicher besser gewesen. Ich kann mich gut an die Szene im «SonntagsBlick» erinnern, ich trug einen blauen Jupe, und man sah meine Knie – was mir ganz viele unangenehme Anrufe einbrachte. Es war schon eine spezielle Situation, plötzlich war da dieser Druck.

Franz Steinegger: «Sein schönster Makel heisst Ruth», lautete die Schlagzeile. Doch die Lebensverhältnisse waren nicht entscheidend für meine Nichtwahl. Kaspar Villiger passte besser, ­hatte eine grössere Hausmacht, den gewünschten Hintergrund.

Aber mitgeschwungen hat das sicher.
Steinegger: Ja, klar. Es war die Ausrede für alle, die mich so oder so nicht wollten. Ruth hat das damals alles vorausgesehen und mir schon länger gesagt, wir sollten unseren Status jetzt endlich legalisieren. Sie hat auch früher gespürt, dass Elisabeth Kopp in Schwierigkeiten geraten würde. Ich habe diese Dinge ­etwas verdrängt.

Wipfli: Ja, die Schlagzeilen wären zu vermeiden gewesen!

Tuschelte man denn auch im Dorf über Ihre Lebensumstände?
Steinegger: Hier war das überhaupt kein Problem. Alle wussten es und wählten mich trotzdem mehrmals zum Gemeindepräsidenten. Hier war es eine Tatsache, ein Ereignis wurde es erst auf nationaler Ebene. Schuld war auch die Kopp-Affäre, die eine stärkere Beobachtung des Lebensumfeldes der Bundesratskandidaten zur Folge hatte. Ein Jahr später, bei Moritz Leuenberger, was das alles kein Problem mehr. Auch er lebte im Konkubinat.

Wipfli: Es war ja nicht nur das Kon­kubinat. Du warst auch noch nicht geschieden.

Steinegger: Ich hatte einfach keine Zeit!

Feierten Sie Ihre Hochzeit 1993 dafür umso opulenter?
Wipfli: Im Gegenteil!

Steinegger: Es war eine schlichte Legalisierung. Ruth war schwanger, wir konnten nicht mehr länger warten. Die Heirat war der pragmatischste Weg. ­Damit es keine grosse Kiste wurde, ­haben wir es extra in Realp gemacht. Da kannte ich den Zivilstandsbeamten und wusste, der sagt es niemanden.

Wipfli: Mir hat das nicht gepasst, den Heiratstermin vom Wetter abhängig zu machen.

Steinegger: Darum habe ich meinen damaligen Gemeindeschreiber als Trauzeuge mitgenommen. Er war auch ­Zivilstandsbeamter, und wäre der Weg nach Realp zugeschneit gewesen, hätten wir notfallmässig auch unterwegs heiraten können.

Diese oberpragmatische Haltung, wurde Ihnen die von zu Hause ­mitgegeben, Herr Steinegger?
Steinegger: Ich weiss es nicht. Meine Mutter war eine sehr starke Persönlichkeit, emanzipiert in dem Sinne, dass sie immer geschaut hat, dass noch Geld neben der Arbeit meines Vaters reinkam. Wir mussten schon früh für uns selber schauen, und das hat uns geprägt. Wir machten einfach. Und entwickelten uns entsprechend unterschiedlich. Eine Schwester wurde Klosterfrau, die jüngste eine echte 68erin, mit eigenem Demonstrationskalender.

Und Sie waren irgendwo dazwischen, an der Uni Zürich, wo Sie studierten.
Für Blocher war die Zeit an der Uni für sein späteres politisches Leben ­prägend. Bei Ihnen auch?
Steinegger: Ich verfolgte den Aufruhr der 68er interessiert, aber auch mit einer gewissen Distanz. Im Gespräch mit den einzelnen Besetzern wurde schnell klar, dass nicht bei allen der grosse politische Plan vorhanden war und viele aufbegehrten, weil das gerade in ihr Leben passte. Mein Protest war konkreter: Ich lehnte mich gegen Autoritäten auf, die nicht mehr hinterfragt wurden. Professoren, die uns stundenlang wie römische Schreibsklaven irgendwelche Texte abschreiben liessen. Aber mit der ganzen 68er-Bewegung konnte ich am Schluss wenig anfangen. Ich kaufte mir ein Büchlein von Studentenführer Daniel Cohn-Bendit und versuchte, es zu lesen. Unmöglich! Eine neomarxistische Suada, verschränkt und verdrechselt.

Frau Wipfli, Sie waren 1968 zwölf. Haben Sie die Rebellion verpasst?
Wipfli: Im Gegenteil! Mein Aufbegehren war wohl intensiver als jenes von Franz. Ich ging in Altdorf in eine Schule, in der die Mädchen keine Hosen anziehen durften, ausser es war wirklich bitterkalt. Wenn jemand ein ärmelloses Kleid trug, legten die Klosterfrauen Zeitungspapier aufs Pult, um die Arme zu bedecken. Es war das Hinterletzte. Nach der Primarschule wurde es besser. Plötzlich gab es Manchesterhosen, die Batikleibchen, Patschuli und Flowerpower!

Franz Steinegger und Ruth Wipfli im Jahr 1989. Foto: Keystone

Aber Sie waren immer noch in Altdorf.
Wipfli: Ja, aber an einer neuen Schule. Es gab zwei Gymnasien, und nur eines nahm Mädchen auf. Da waren wir dann, gemeinsam mit 120 Buben aus der restlichen Schweiz. Wir trugen Hotpants und gestrickte Strümpfe. Ha! Es war ein ständiges Balancieren zwischen Angepasst- und Unangepasstsein.

Kippte es einmal gänzlich auf die unangepasste Seite?
Wipfli: Fast. Mit 17 reiste ich in eine Kommune im Tessin, die sich selber ­verwaltete und vor allem Kartoffeln ­anbaute. Ich lebte da sehr gesund, es gab viel Musik, und trotzdem wusste ich rasch: Das ist nichts für mich.

Warum?
Wipfli: Es war zu kommun für mich. Wir haben jeden Abend gemeinsam gegessen, und dann gab es eine grosse Befindlichkeitsrunde: Wie fühlst du dich? Wie geht es dir? Wie war dein Tag? Dieses ewige Offenbarenmüssen der eigenen Gefühle ging mir auf den Geist.

Hatten diese Erfahrungen später Konsequenzen für Ihr gewähltes Familienmodell?
Wipfli: Ich würde schon sagen, ja. Für mich war immer klar: Ich werde nicht sofort heiraten, Kinder haben und dann zu Hause bleiben.

Wo waren Sie eigentlich, ­Herr Steinegger, als Ihre spätere Frau in einer Kommune im Tessin hauste?
Steinegger: Im Militär . . .

Sie kannten sich also noch nicht?
Steinegger: Nein, das war erst später.

Wipfli: Es gab schon Begegnungen. Ich weiss noch, wie wir gemeinsam auf einem Podium einer Rotary-Veranstaltung sassen. Er als Anwalt und ich als Studentin. Danach gingen die Männer zusammen nach Flüelen zum Bier – und liessen mich einfach sitzen. Später sass ich dann mal an einer Rotary-Weihnacht neben Franz. Es war damals ein eher stierer Abend . . .

Wie war es dann, als sie ein Paar wurden und Steinegger Präsident der FDP Schweiz?
Wipfli: Er war halt nie da. Aber das Umgekehrte wäre unangenehmer gewesen. Ich brauche meine Freiheiten und hatte meine eigenen Engagements. Das Wichtigste war, nicht in eine wartende Position zu kommen – das wäre der Tod für die Beziehung gewesen. Solange man ähnliche Vorstellungen über Nähe und Distanz hat, funktioniert es auch.

Steinegger: Wir hatten Glück, dass das funktioniert hat. Parteipräsident ist ja einer der verschissensten Posten überhaupt. Man ist immer unterwegs. Immer unter Druck.

War es schwierig, einen Mann zu haben, der so im Rampenlicht steht?
Wipfli: Ja, nein, es ging, weil ich damals schon eine eigene Berufswelt hatte. Aber es gab schon blöde Situationen. Man ist zu zweit unterwegs, und dann kommt jemand und gibt nur ihm die Hand. Ah, Herr Steinegger, ich habe da eine Frage. Da steht man dann einfach daneben und wartet.

«Ich machte die
Begleiterin, weil es selbstverständlich war. Für ihn ist das anders.»
Ruth Wipfli

Wie ist Ihre Beziehung heute?
Wipfli: Anders, ha!

Steinegger: Man kann es so sagen: Früher war ich fort, und sie hütete das Büro. Und jetzt hüte ich das Büro.

Wipfli: Ganz so krass ist es nicht.

Steinegger: Bizli scho.

Ist es einsam im Büro?
Steinegger: Nein. Da ist immer ein bisschen Betrieb.

Wipfli: Es ist ja auch nicht so, dass ich immer weg bin. Ich habe einfach hie und da Verpflichtungen wegen meiner Engagements im Sport und in politischen Ämtern.

Haben Sie, Frau Wipfli, das Gefühl, jetzt an der Reihe zu sein?
Wipfli: Nein, das nicht. Aber manchmal fällt mir auf, wie unterschiedlich ­Frauen und Männer ihre Aufgaben verstehen. Einmal hat er zu mir gesagt: «Ich bin nicht zum Begleiten geboren.» Und da hat er recht. Ich selbst habe mir diese Frage einfach gar nicht gestellt. Ich habe die Begleiterin gemacht, weil es ­selbstverständlich war. Für ihn ist das anders.

Was stört an der Rolle des Begleiters?
Steinegger: Diese Organisationen, in denen sie mitwirkt (Swiss Tennis, Swiss Olympic u.a., Anm. d. Red.), sind eine grosse Familie. Egal, wo man sich trifft: immer die gleichen Leute, immer die gleichen Gespräche. Da gehe ich in der Regel nicht mit. Ich habe einfach andere Prioritäten. Nur um am Abend im gleichen Zimmer zu sein, lohnt es sich nicht . . .

Wipfli: . . . das ist genau das, was ich früher mit dir gemacht habe . . .

Steinegger: Du warst manchmal auch plötzlich wieder weg.

Wie sieht es bei anderen Aufgaben aus? Wer kocht? Wer putzt? Wer kauft ein? Hat sich das auch verschoben?
Wipfli: Leicht verschoben, ja. (lacht) Das macht jetzt mein Mann.

Steinegger: Also nicht alles. Wir haben eine Hilfe für den Haushalt. Aber wenn wir am Wochenende gemeinsam essen, übernehme ich das Kochen.

Ist diese Flexibilität bei der Rollen­verteilung ein Grund, warum Ihre Beziehung immer noch funktioniert?
Steinegger: Wir sind ja nicht ständig im Paarmodus. Im Büro zum Beispiel ist sie nicht eigentlich meine Ehefrau. Da empfinde ich sie eher als Mitarbeiterin.

Wipfli: Was?

Steinegger: Vom Verhältnis her.

Wipfli: Mitarbeiterin!

Steinegger: Meine Wahrnehmung bei der Arbeit ist einfach anders. Und im Übrigen hat jeder auch ein bisschen sein eigenes Leben. Da reden wir uns auch nicht drein.

Ist das gemeinsame Geschäft eine Belastung für die Beziehung?
Wipfli: Ja, ich finde das nicht optimal. Es ist kein erstrebenswertes Gebilde. Aber bei uns ging das einfach nicht anders. Als er Politik machte, musste jemand von uns halt hier die Stellung halten. Das wäre nicht anders gegangen. Aber es ist sicher kein Wunschmodell.

Was sind denn die negativen Seiten?
Wipfli: Sie hören es ja: Ich bin die Mitarbeiterin. Wir stecken in sehr vielen unterschiedlichen Rollen. Hinzu kommt, dass es auch noch Personal gibt. Wenn wir eine Sitzung haben mit allen Teammitgliedern, kann ich nicht einfach so reden, wie ich zu Hause mit ihm spreche. Für die Beziehung ist das nicht positiv.

Sehen Sie das gleich, Herr Steinegger?
Steinegger: Ja. Das gemeinsame Geschäft ist ein Auslöser für Differenzen.

Wenn Sie auf Ihre Biografie zurückschauen: Gibt es etwas, was Sie heute anders machen würden?
Steinegger: Ich bin immer wieder in Situationen hineingeschlittert und musste dann versuchen, mit Anstand herauszukommen. Das war zum Beispiel so bei Frau Kopp. Vielleicht würde ich versuchen, mich Problemen rascher zu stellen und sie weniger zu verdrängen.

Wipfli: Es ist nicht ein Wunschmodell, mit dem Partner zusammenzuarbeiten. Heute würde ich versuchen, das anders zu lösen. Aber damals, in den 80er-Jahren, ging das einfach nicht.

Sie würden aber nicht einen anderen Jupe anziehen, wenn der Fotograf vom «SonntagsBlick» kommt?
Wipfli: Es ging ja damals nicht nur um mein Knie. Auf dem Bild waren auch die Stiefsöhne aus erster Ehe zu sehen. Sie waren genau gleich alt wie ich. In der Kindheit hatten wir zusammen gespielt. Das sah schon ein etwas eigenartig aus.

Steinegger: Dass wir ein bisschen quer zu den Generationen stehen, hat sich immer wieder gezeigt. Wenn ich mich an den Elternabenden der Klasse unseres Sohnes umgeschaut habe, erkannte ich unter den Eltern plötzlich bekannte Gesichter: Mädchen, die früher mit meinen Stiefsöhnen auf dem Zimmer verschwunden sind. (lacht)

Wipfli: Wir machen ja jedes Jahr so einen Familienausflug.

Wer ist wir?
Wipfli: Wir zwei, unser Sohn, seine Stiefsöhne und alle, die irgendwie noch dazugehören. Inzwischen sind das etwa 50 Leute. Es wird immer bunter.

Komplizierte Verhältnisse?
Wipfli: Kompliziert? Eigentlich nur auf dem Papier. Faktisch ist es ganz einfach. Es ist einfach ein Kuchen. Und fertig.

Steinegger: Ja. Gemeinsam mit Moritz Leuenberger, Christoph Blocher, Martin Ebner. Mit Leuenberger haben wir oft diskutiert, unten in der alten Kantorei. Er war intellektuell etwas überhöht. Blocher war selten da, und wenn, dann immer mit Krawatte und grosser Mappe.

In der Serie «Summer of Love» reden wir mit Paaren über die Liebe und darüber, was sich seit 1968 verändert hat. Bisher erschienen: Tamy Glauser und Dominique Rinderknecht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.07.2018, 23:09 Uhr

Collection

Summer of Love

Sommerserie (2/6)

In der Serie Summer of Love reden wir mit fünf Paaren und einmal einer Gruppe von Freundinnen über die Liebe und darüber, was sich seit 1968 verändert hat.

«Komplizierte Verhältnisse»

Am 14. Januar 1989 schaltete sich auch die NZZ in die Diskussion ein: «Kandidatinnen und Kandidaten, die sich in der Nachfolge Elisabeth Kopps um das Amt eines Bundesrats bewerben, sind sich gewahr geworden, dass ihr privates und familiäres ‹Umfeld› intensiver beobachtet und diskutiert wird, als dies früher der Fall war.» Es folgte eine detaillierte Auflistung der «komplizierten Verhältnisse» des Bundesratskandidaten Franz Steinegger, die bereits der «SonntagsBlick» beleuchtet hatte. Steinegger hatte 1975 die Witwe jenes Mannes geheiratet, der ihn als damaliger Gemeindepräsident von Flüelen «in die Politik» geholt hatte, wie die NZZ schrieb. Der FDP-Präsident lebte in Trennung, war aber noch nicht geschieden und bereits mit seiner späteren Frau Ruth Wipfli zusammen. In der Schweiz des Jahres 1989: ein grosses Thema. Gut zwanzig Jahre nach dem «Summer of Love» diskutierte das Land, ob sich solche Verhältnisse für einen Bundesrat geziemen würden. Und kam zum Schluss: eher nicht. (los/lnz)

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