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«Nicht erst reklamieren, wenn man alles gegessen hat»

Mit Rauchen ist es in Zürcher Restaurants bald vorbei. Doch welche Rechte hat man sonst als Gast? Ein Rechtsanwalt und Koch gibt Auskunft.

Schmeckt's? Nur wenn das Essen objektiv gesehen ungeniessbar ist, darf der Gast den Teller zurückgeben.
Schmeckt's? Nur wenn das Essen objektiv gesehen ungeniessbar ist, darf der Gast den Teller zurückgeben.
Keystone

Herr Walder, eine Leserin berichtet, sie habe in einem Restaurant im Zürcher Niederdorf einen Tisch reserviert, und als sie hinkam, war alles besetzt. Der Wirt gab freimütig zu, dass er sein Lokal überbucht. Das finde ich allerhand. Da es im Niederdorf viele Restaurants zum Ausweichen gibt, kann die Leserin aber nicht mal viel machen - es entsteht ihr kein Schaden. Anders wäre es etwa in einem abgelegenen Ort, wo es nur noch ein anderes, teureres Restaurant gibt. Hier könnte man vom überbuchenden Wirt verlangen, dass er den Mehrpreis des Essens übernimmt. Generell kann man auch Taxi- und Telefonspesen geltend machen, die mit einem Lokalwechsel verbunden sind.

Gibts auch eine Entschädigung für den Ärger, wenn ich zum Beispiel meinen Chef einladen wollte und der Wirt trotz Reservation keinen Tisch frei hat? Eine ziemlich peinliche Situation, aber für solche «Schäden» kann man in der Schweiz nichts verlangen.

Nehmen wir den umgekehrten Fall: Ein Wirt verlangt Schadenersatz, weil ein Gast einen Tisch reserviert hat und ohne Absage nicht erschienen ist. Das darf er grundsätzlich, es stellt sich aber die Frage nach der Schadenhöhe. Wahrscheinlich müsste man einen durchschnittlichen Menüpreis nehmen, abzüglich gesparter Warenkosten. Der Wirt hat allerdings eine sogenannte Schadenminderungspflicht. Das heisst, er muss den Tisch nach einer gewissen Zeit - ich würde sagen nach etwa einer halben Stunde - anderweitig vergeben. Wenn ihm das gelingt, erleidet er keinen Schaden.

Das heisst aber auch, dass ein stark verspäteter Gast nicht damit rechnen darf, dass der reservierte Tisch noch frei ist. Ja, deshalb empfiehlt es sich, kurz anzurufen, wenn man markant verspätet ist.

Um viel Geld kann es gehen, wenn jemand im Hinblick auf einen speziellen Anlass für ein paar Dutzend Personen reserviert hat. Nehmen wir an, ein Sohn reserviert den Saal eines Lokals für ein Fest zum 70. Geburtstag seines Vaters, der kurz vor dem grossen Tag verstirbt. Wenn der Sohn dem Wirt gesagt hat, dass es um den 70. seines Vaters geht, hat er buchstäblich Glück im Unglück. Der Vertrag ist für ihn unverbindlich, weil er sich bei der Reservierung in einem wesentlichen Punkt geirrt hat. Er war davon ausgegangen, dass sein Vater diesen Tag erlebt. Deshalb liegt ein sogenannter Grundlagenirrtum vor, eine Auffassung, die allerdings nicht ganz unumstritten ist. Anders wäre es, wenn eine Mutter zur bevorstehenden Lehrabschlussprüfung ihrer Tochter ein Fest organisiert, ohne dem Wirt diesen Grund anzugeben, und die Tochter die Prüfung nicht besteht. Damit musste die Mutter rechnen. Deshalb ist sie verpflichtet, den Wirt voll zu entschädigen.

Bei privaten Anlässen in Lokalen geht es ja häufig recht laut zu und her. Darf ein Gast eine Bestellung annullieren, wenn plötzlich eine Festgesellschaft reinkommt - oder eine Gruppe Singstudenten? In krassen Fällen ja, sofern er sofort reklamiert und nicht wartet, bis das Essen kommt. Allerdings muss er dem Wirt die Chance geben, das Problem zu lösen. Dieser könnte ihm zum Beispiel einen Tisch in einer ruhigen Ecke anbieten. Nicht akzeptieren muss man, wenn in einem Nichtraucherrestaurant jemand anfängt zu rauchen.

Kommen wir zur Qualität des Essens. Als gelernter Koch haben Sie sicher einen feinen Gaumen. Was tun Sie, wenn die Spaghetti nach Abwaschwasser schmecken oder der Fruchtsalat nach Fisch riecht? Ich gebe den Teller zurück und verlange einwandfreie Speisen. Das ist das Recht jedes Gastes. Wichtig ist, dass man sofort reklamiert und nicht erst, wenn man alles gegessen hat. Zudem kann man verlangen, dass der Kellner die Teller von Begleitpersonen ebenfalls wieder mitnimmt und nötigenfalls warm stellt. Denn wer zusammen ins Restaurant geht, muss nicht nacheinander essen.

Was, wenn dem Koch auch der zweite Versuch misslingt? Dann kann man auf den Gang verzichten und muss ihn nicht bezahlen. In einem solchen Fall sollte man sich aber immer fragen, ob es an der eigenen Empfindlichkeit liegen könnte. Denn es ist ein Unterschied, ob einem ein Gericht bloss nicht schmeckt oder ob es objektiv gesehen mangelhaft ist, weil zum Beispiel der darübergestreute Parmesan schimmlig ist...

... oder die Rahmsauce geronnen ist, weil der Rahm alt war? Genau. Und auch die Zutaten müssen stimmen. Ein Coupe Belle Hélène muss Birnen enthalten, ein Pêche Melba Pfirsiche. Beim Fleisch ist die Sache etwas komplizierter: Ein richtiges Wiener Schnitzel besteht zwar aus Kalbfleisch, aber wenn es bloss 15 Franken kostet, muss man sich wohl mit Schweinefleisch begnügen.

Und das berühmte Zürcher Geschnetzelte? Klassisch besteht es aus Kalbfleisch, Champignons und Kalbsnieren. Dass Letztere hineingehören, ist gemeinhin unbekannt - auch bei vielen Wirten. Ich habe jedenfalls noch nirgends ein Zürcher Geschnetzeltes mit Nierli serviert bekommen, nicht einmal in der Kronenhalle. Es wäre daher etwas gesucht, wenn man deswegen reklamieren würde.

Diesen Sommer habe ich in einem Tessiner Lokal eine «Fisch-Variation aus dem Lago Maggiore» bestellt. Einer davon war ein Lachs... Das geht natürlich nicht. Sie hätten den Teller zurückgeben und statt des Lachses einen anderen Fisch verlangen können.

Wann kann man eine Flasche Wein zurückgeben? Beim Wein gilt dasselbe wie beim Essen. Ist er ungeniessbar, etwa weil er «Zapfen» hat, kann man eine neue Flasche verlangen. Schmeckt er bloss nicht, ist das das Problem des Gastes.

Und wenn einem der Kellner den Wein statt ins Glas übers Hemd leert? Dann muss der Wirt für die Reinigungskosten aufkommen oder, wenn sich die Flecken nicht entfernen lassen, sogar für ein neues Hemd. Ganz schön ins Geld gehen kann es, wenn der Kellner dem Gast etwas Heisses - etwa eine Suppe - über die Haut leert und dieser sich verbrennt, möglicherweise sogar einige Zeit arbeitsunfähig ist.

Heisst das auch, dass man ein Schmerzensgeld zugute hat, wenn man sich mit einer heissen Suppe den Mund verbrennt? Nein, wer eine Suppe probiert, muss damit rechnen, dass sie heiss ist.

Aber wenn ich mir wegen einer verdorbenen Speise eine Magenverstimmung hole, haftet der Wirt schon? Nur sofern sich der Zusammenhang beweisen lässt. Das dürfte etwa gelingen, wenn bei einer Lebensmittelvergiftung der Magen ausgepumpt und der Inhalt untersucht wird. Oder wenn andere Gäste das Gleiche gegessen haben und ebenfalls erkranken.

Ein häufiges Ärgernis sind auch lange Wartezeiten. Wie lang muss ich aufs Essen warten, bis ich das Restaurant ohne zu zahlen verlassen darf? Bevor Sie einfach verschwinden, müssen Sie dem Wirt eine realistische Frist ansetzen. So können Sie zum Beispiel nach 45 Minuten zum Kellner sagen: «Wenn das Essen in einer Viertelstunde nicht da ist, muss ich gehen.» Wie viel Zeit man gewähren sollte, hängt von den Umständen ab. Wenn das Restaurant voll ist, muss man grosszügiger sein, als wenn in einem leeren Lokal zwei Kellner herumstehen und schwatzen. Was man bereits konsumiert hat, muss man bezahlen.

Und wenn der Kellner auch keine Zeit hat zum Kassieren? Es hält sich ja hartnäckig das Gerücht, dass man ohne zu zahlen gehen darf, wenn das Servicepersonal trotz dreimaliger Aufforderung die Rechnung nicht bringt. Das ist ein Gastromärchen. Das Geld bleibt geschuldet. Wenn man wirklich dringend weg muss, sollte man seine Visitenkarte oder einen Zettel mit seiner Adresse hinterlassen, damit der Wirt die Rechnung nach Hause schicken kann.

Sonst macht man sich wegen Zechprellerei strafbar? Zechprellerei begeht nur, wer sich der Bezahlung entziehen will. Wenn jemand nichts hinterlässt, könnte auf diese Absicht geschlossen werden.

Finstere Gestalten stehlen ja auch Mäntel und Jacken aus Garderoben. Kann man den Wirt dafür verantwortlich machen? Die Grenzziehung ist hier schwierig. Klar ist der Fall, wenn ich vom Personal eine Garderobenmarke erhalte. Damit kommt ein Hinterlegungsvertrag zustande, und der Wirt haftet. Ein Wirt in der Nähe von St. Moritz musste das schmerzlich erfahren, als der Nerzmantel eines Gastes im Wert von 25'000 Franken gestohlen wurde - das Bundesgericht hat ihn zu Schadenersatz verknurrt. Sonst haftet der Wirt in der Regel nicht. Da spielt es auch keine Rolle, ob ein Hinweis «Für Garderobe wird nicht gehaftet» an der Garderobe angebracht ist oder nicht. Das dient lediglich zur Information der Gäste.

Zum Schluss eine Frage, die offenbar vielen Restaurantkunden unter den Nägeln brennt: Darf der Wirt für ein Glas Wasser etwas verlangen? Arbeiten Sie gratis?

Nicht ganz. Eben. Der Wirt braucht Service- und Küchenpersonal, um das Wasser zu servieren und das Glas abzuwaschen. Deshalb darf er dafür auch etwas verrechnen. Allerdings sollte «Hahnenburger» im Restaurant weniger kosten als Mineralwasser.

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