Narzissmus in der zweiten Pubertät

Die Antwort auf eine präventive Leserfrage zu dem, was Männern ab 40 möglicherweise blüht.

Einerseits lächerlich, andererseits beneidenswert: Mann auf einer Harley-Davidson. Foto: J Pat Carter (AP, Keystone)

Einerseits lächerlich, andererseits beneidenswert: Mann auf einer Harley-Davidson. Foto: J Pat Carter (AP, Keystone)

Peter Schneider@PSPresseschau

In meinem beruflichen Umfeld gibt es einige Männer zwischen 40 und Mitte 50, die von privaten und/oder beruflichen Problemen berichten. Ich vermute, diese haben viel mit ihren etwas narzisstischen Persönlichkeiten zu tun. In Unwissenheit, ob mir das auch blüht – wie könnte ich mich darauf vorbereiten?
J. K.

Lieber Herr K.
Die Wörter Ihrer Frage versteh ich wohl; allein, mir fehlt der Glaube an all die Implikationen, die darin stecken. Warum sollten Männer zwischen 40 und 55 nicht von beruflichen und privaten Problemen erzählen? Weil sie keine haben sollten? Oder nur nicht darüber reden? Und wieso sollten solche Probleme irgendetwas mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur zu tun haben? Und was befürchten Sie, könnte Ihnen blühen? Narzissmus? Probleme?

Ich versuche mal zu raten, was Sie mit Ihrer Frage meinen könnten: nämlich, ob Männer jenseits der vierzig sich durch eine besondere Form der Krisenanfälligkeit auszeichnen. Die Antwort lautet: Ja. Es handelt sich dabei um ein Phänomen, das man für gewöhnlich als Midlife-Crisis bezeichnet. Leider ist diese Krise derart mit Klischees überfrachtet, dass man sich kaum noch getraut, das Wort überhaupt in den Mund zu nehmen.

Das Klischee der Midlife-Crisis bezieht sich übrigens ausschliesslich auf Männer, während man bei Frauen die Krise in der Lebensmitte (ebenso klischeehaft und ausschliesslich) mit der Menopause in Zusammenhang bringt. Was bei den Frauen als ein biologisches Geschehen interpretiert wird, mit dem sie sich abzufinden haben, erscheint bei den Männern als eine Art zweites pubertäres Aufbegehren: einerseits lächerlich, andererseits aber auch beneidenswert.

Man muss sich mit der Begrenztheit seiner künftigen Möglichkeiten irgendwie ins Einvernehmen setzen.

Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so, wie es das Klischee erzählt: So reichlich wie die Jungfrauen im Märtyrerhimmel sind im echten Leben die jungen Blondinen nicht gesät, deren höchstes Lebensziel darin besteht, auf dem Soziussitz einer Harley von einem älteren Herrn über die Alpenpässe chauffiert zu werden.

Die zweite Pubertät unterscheidet sich von der ersten dadurch, dass sie nicht den grossen autonomen Neubeginn nach der Phase der kindlichen Abhängigkeit einläutet, sondern die Auseinandersetzung mit der Beschränktheit der Möglichkeiten. Während die erste Pubertät von Grössenfantasien angetrieben wird, was man alles erreichen kann und möchte, ist die zweite durchzogen von der melancholischen Bilanz, was man einerseits nicht erreicht hat und andererseits auch nicht mehr erreichen wird (das gilt für Frauen wie für Männer). Man muss sich mit der Begrenztheit seiner künftigen Möglichkeiten irgendwie ins Einvernehmen setzen.

Manchen gelingt das besser, manchen schlechter. Aber gegen diese Erfahrung gibt es keine Prophylaxe; da müssen Sie einfach durch.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

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