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Muslime sind keine Juden

Analogie: Historische Vergleiche bringen wenig Erkenntnis.

Es gibt Denkfehler, die sich ständig wiederholen. Historiker, die es von Berufes wegen besser wissen müssten, pflegen eine genauso häufige wie ärgerliche Methode: Sie vergleichen gegenwärtige Zustände mit der Vergangenheit, in der durchaus gut gemeinten Absicht, aus der Geschichte zu lernen, um Böses zu verhindern. Bloss sind die meisten dieser Analogien wenn nicht an den Haaren herbeigezogen, so doch mit unzähligen Haken versehen. Das heisst: Obwohl die Unterschiede und Differenzen grösser sind als die Ähnlichkeiten, werden Letztere in einem geradezu populistischen Masse hervorgehoben.

Das jüngste Beispiel dieser sinnentstellenden Sichtweise liefert der amerikanische Historiker Timothy Snyder in einem Interview mit Redaktion Tamedia: «Was die Juden 1930 waren, sind heute die Muslime.» Abgesehen davon, dass nicht jedes mehr oder weniger gravierende Ereignis der Gegenwart gleich mit der dunkelsten Epoche des letzten Jahrhunderts verglichen werden sollte, stellt sich neben der Frage, ob die Analogie berechtigt ist, auch die Frage nach dem Erkenntnisgewinn. Wenn es zutrifft, dass die Muslime die neuen Juden sind, wer sind dann die Nazis? Gibt es eine Bewegung, die es auf die Auslöschung einer ganzen Religionsgemeinschaft abgesehen hat? Und wer ist dann der neue Hitler? Aber doch nicht Trump, bitte sehr!

Was lernen wir aus solchen Aussagen über die Geschichte? Welche Handlungsanweisung sollen wir befolgen – ausser Widerstand zu leisten gegen eine historische Schimäre? Die Seriosität der Geschichtswissenschaften liegt nicht in der Aufdeckung des ewig Gleichen und der damit verbundenen Mahnung vor ganz Schlimmem, sondern in der Analyse der stets sich ändernden Differenzen. Das ist, zugegeben, viel weniger spektakulär als der schnelle Hinweis auf die Wiederkehr des Holocaust, trägt aber mehr bei zum Verständnis unserer aktuellen Lebenswelt.

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