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Moral braucht Demut

Warum beim viel gescholtenen Moralterror nicht die Moral, sondern der Terror das Problem ist.

Die Moral hat zurzeit miserable ­Karten. Wie eine krank machende Flechte scheint sie all unsere Lebensbereiche zu überziehen und uns mit Denkverboten zu gängeln. Unsere Gesellschaft sei dem «moralischen Totalitarismus» erlegen (Thea Dorn), wir seien von einem «Tugendwahn» befallen (Thilo Sarrazin) und würden von einem «aggressiven Moraladel» gebeutelt (Wolfgang Ullrich).

Die Botschaft ist klar: Die Moral muss ganz offensichtlich in ihre Schranken verwiesen werden. Doch wo diese Schranken verlaufen sollen, war immer schon eine strittige und damit umkämpfte Frage. Die Grenze zwischen Lebensbereichen, die der moralischen Prüfung standhalten müssen, und solchen, in denen wir tun und lassen können, was wir wollen, wird immer wieder neu gezogen.

So war zum Beispiel die Frage der sexuellen Orientierung lange Zeit auch bei uns ein Thema der Moral. Heute erachten wir diese Frage als gänzlich privat. Umgekehrt sind Ethikstandards mittlerweile auch in den Kuhstall eingezogen. Dass der Bauer sein Vieh nicht mehr behandeln darf, wie ihm beliebt, halten wir für einen moralischen Fortschritt.

Als moralinsauer und tugendwahnsinnig abzutun, wer die Grenzen des moralisch Erlaubten enger ziehen will, ist kein Argument, sondern ein Reflex.

Ob auch der anzügliche Witz, das Steak auf dem Grill oder der Flug auf die Kanaren moralisch anstössig sind, muss deshalb ausgehandelt werden. Die Frage, wo unsere Freiheit aus Gründen der Rücksichtnahme auf andere Menschen zu beschneiden ist, ist das zentrale Thema einer liberalen Gesellschaft. Zu behaupten, unsere moralischen Standards seien generell zu hoch, überzeugt nicht in einer Welt, die zwar besser wird, aber angesichts von Hungersnöten, Sexismus und Mastbetrieben sicher noch zu verbessern ist. Als moralinsauer und tugendwahnsinnig abzutun, wer die Grenzen des moralisch Erlaubten enger ziehen will, ist kein Argument, sondern ein Reflex – und zwar typischerweise von jenen, die ihre Privilegien bedroht sehen.

Dabei stimmt natürlich, dass der Diskurs der Moral vergiftet ist. Am viel gescholtenen Moralterror ist aber nicht die Moral problematisch, sondern der Terror. Das heisst – um bei der martialischen Sprechweise zu bleiben – das Geschütz, mit dem andere zur Ordnung gerufen werden. Man diffamiert, stellt an den Pranger, verunglimpft auf Verdacht hin. Wenn Wolfgang Ullrich für ein «moralisches Abrüsten» plädiert, dann ist sein Plädoyer insofern zu unterstützen, als die Waffen, mit denen in der Moralarena gekämpft wird, oft ihrerseits kritikwürdig sind. Denn einander respektvoll zu behandeln, ist das oberste Prinzip einer aufgeklärten Gesellschaft.

Respekt vor dem geistigen Gegner zu wahren, fällt leichter, wenn man sich der eigenen Fehlbarkeit bewusst bleibt. Hochtrabende Besserwisserei ist auch im Geschäft der Moral nicht opportun.

John Stuart Mill, einer der wichtigsten philosophischen Vordenker des Liberalismus, kann mit Fug und Recht als Moralist bezeichnet werden: Er prangerte Ungleichheit lauthals an und kämpfte mit scharfer Zunge gemeinsam mit seiner Frau Harriet Taylor Mill für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Es spricht für seine Klugheit, dass er trotz seiner hohen ethischen Standards in seiner Schrift «Über die Freiheit» mit Verve für die Meinungsfreiheit eintrat. Denn die Wahrheit ergebe sich allein durch den «Widerstreit mit dem Irrtum». Jedes Redeverbot sei deshalb eine «Anmassung von Unfehl­barkeit».

Wenn wir anerkennen, dass sich auch moralische Wahrheit nicht pachten lässt, sondern ergebnisoffen erarbeitet werden muss, verstehen wir, warum Wolfgang Ullrich für «Demut statt Dünkel» votiert. Demut allerdings ist nichts anderes als – ja, was denn? Eine moralische Tugend. Wir brauchen mehr Moral, nicht weniger.

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