Mit Heiligen Vätern gegen den Autoritätsverlust

Papst Franziskus spricht Paul VI. heilig – den Papst, der mit dem Pillenverbot den Machtverlust der Kirche über die Gewissen der Gläubigen einläutete.

Papst Paul VI. entfremdete die Kirche von ihren Mitgliedern. Foto: Getty Images

Papst Paul VI. entfremdete die Kirche von ihren Mitgliedern. Foto: Getty Images

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Die in Rom tagende Bischofssynode zur Jugend hat es schwer: Wie kann sie unter dem Druck der Missbrauchsdebatte Glaubwürdigkeit beanspruchen? Die Autorität von Papst und Bischöfen ist erschüttert. Seltsame Koinzidenz: Just zur Mitte der Synode, am Sonntag, wird Franziskus Papst Paul VI. (1963–1978) heiligsprechen, der vor 50 Jahren mit seiner Enzyklika «Humanae vitae» die künstliche Verhütung verbot und damit die bisher grösste Autoritätskrise der Kirche auslöste. Schon bei der Seligsprechung Pauls 2014 sprach Franziskus vom «demütigen und mutigen ‹Propheten› der neuen Zeit der Kirche». 

Wie alles bei Franziskus ist auch diese Heiligsprechung mehrdeutig. Paul VI. gilt vielen als Reformpapst, weil er bis 1965 das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende führte. Mit dem Bekenntnis zur Glaubensfreiheit, der Anerkennung anderer Religionen als Dialogpartner und der für die Volkssprache geöffneten Liturgie versuchte er, die Kirche mit der Moderne auszusöhnen.

Im Nachgang zum Konzil eröffnete Paul VI. im August 1968 die Versammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Medellín, die sich die Option für die Armen und damit die Befreiungstheologie zu eigen machten. Von diesem Ereignis her kann Franziskus eine Brücke schlagen zum anderen am Sonntag von ihm gekürten Heiligen, zu Oscar Romero. Zwar kein Befreiungstheologe der ersten Stunde, bekannte er sich als Bischof unter der Gewalt des salvadorianischen Militärs in den Siebzigerjahren zu den Armen.

Mit dem Pillenverbot kämpfte er gegen die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung. 

Von Paul VI. aber bleibt vor allem das Verbot der Kontrazeptiva in Erinnerung –darum «Pillen-Paul». Die nur einen Monat vor der Versammlung in Medellín erschienene Enzyklika «Humanae vitae» war gegen die linke Kulturrevolution von 1968 gerichtet. Verhütungsmittel öffneten einen «breiten und leichten Weg zur ehelichen Untreue» und zur hedonistischen Sexualisierung der Beziehungen, argwöhnte Paul.

Mit dem Pillenverbot kämpfte er gegen die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung. Der einzig legitime Ort der Sexualität sei die Ehe, und auch nur dann, wenn sie in Liebe offen ist für die Zeugung. So bündelt sich im Lehrschreiben die ganze Sexualmoral der Kirche mit ihrem Sexverbot für ausserehelich Liebende, Wiederverheiratete und Homosexuelle. Für Hans Küng hat die Kirche mit diesem «lehramtlichen Pyrrhussieg die Macht über das Gewissen der Gläubigen verloren». Zu  ergänzen wäre, dass im Schatten dieser Klerikermoral der sexuelle Missbrauch wuchert.

Grösste Dichte an Heiligen Vätern

Kommt dazu: Die Heiligsprechung von Päpsten ist so fragwürdig wie selten. Es war die frühe Kirche bis zum 6. Jahrhundert, die als Märtyrer verstorbene Päpste zu Heiligen machte. In den letzten 900 Jahren vor Franziskus haben es dann nur drei Päpste in den Kanon der Heiligen geschafft, Männer wie Pius V. (1566–1572), Grossinquisitor und Verfolger von Ketzern, Juden und Protestanten.

Allein Franziskus spricht nun nach Johannes XXIII. und Johannes Paul II. bereits den dritten Papst heilig und beschert so dem nachkonziliären Papsttum die historisch grösste Dichte von Heiligen Vätern. Zu glauben, er huldige damit der Unfehlbarkeit der Päpste, wäre wohl eine Unterstellung. Zumindest aber ist es der fragwürdige Versuch, mit heiligen Männern an der Hierarchiespitze die seit Paul VI. schwindende Autorität der Kirche wiederherzustellen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.10.2018, 22:28 Uhr

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