Wie nach einem heftigen Beziehungsstreit

Die #MeToo-Bewegung ist an einem Wendepunkt angelangt. Nun müssen wir uns Gedanken über Versöhnung machen.

Reden ist besser als Rache: Demonstrantin für Frauenrechte in Paris. Foto: John van Hasselt (Getty)

Reden ist besser als Rache: Demonstrantin für Frauenrechte in Paris. Foto: John van Hasselt (Getty)

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Es fühlt sich an wie der Moment nach einem grossen Beziehungsstreit. Wenn beide alles gesagt haben, sich erschöpft gegenübersitzen und nicht mehr wissen, wie es jetzt weitergehen soll. So lässt sich der Zustand nach einem Vierteljahr #MeToo beschreiben. Nicht, dass die Wirkung bereits verpufft oder die Bewegung bereits an ihr Ende gekommen wäre. Es wird immer noch viel gesagt und geschrieben, gestritten, werden Übergriffe bekannt, läuft die Diskussion weiter. Aber die wichtigsten Positionen sind ausgesprochen und stehen im Raum – allem Anschein nach unversöhnlich.

Zum Beispiel diese Woche. Die französische Tageszeitung «Le Monde» veröffentlichte den Brief eines Autorinnenteams, unterzeichnet von über 100 Frauen, unter anderem Catherine Deneuve. Darin verteidigen sie das Recht auf «missglückte Flirtversuche» und warnen vor einer Hexenjagd und einer totalitären Gesellschaft in der Folge von #MeToo. Das spiele den Feinden der sexuellen Freiheit, nämlich den Extremisten in die Hand.

Der Brief fand grosse Beachtung und führte bei Feministinnen zu einem erneuten Aufschrei: Das sei «Backlash-Schwachsinn», hiess es, man vermische bewusst «Verführung, die auf Respekt und Vergnügen beruht, mit Gewalt».

Vielleicht wäre es für alle mal an der Zeit, tief durchzuatmen, die Argumente zu sortieren und sich zu erinnern, dass man eigentlich auf derselben Seite steht. Der häufigste Einwand gegen #MeToo: dass nicht unterschieden werde zwischen harmlosen Flirtversuchen und schweren Straftaten. Doch hier beginnen bereits die Schwierigkeiten. Versteht man unter #MeToo die sozialen Medien, trifft der Vorwurf zu. Hier wird tatsächlich unterschiedslos über qualitativ nicht zu vergleichende Erlebnisse berichtet.

Ein anderes Bild zeigt sich, wenn man Artikel mit konkreten Enthüllungen liest, angefangen bei Harvey Weinstein über Roy Moore bis zu Charles Dutoit oder Werner De Schepper. Hier kann von Ungenauigkeit keine Rede sein, hier geht es um sauber recherchierte und genau beschriebene Vorwürfe. Dennoch vermischen sich auch hier die Ebenen. Das hat mit der öffentlichen Reaktion auf solche Vorwürfe zu tun.

Nehmen wir den Fall Charles Dutoit: Er soll schon seit Jahren in der gut vernetzten Klassikszene einen einschlägigen Ruf gehabt haben. Dennoch huldigte man ihm kritiklos weiter, weil er ein so toller Dirigent sei. Als dieselben Vorwürfe schliesslich öffentlich wurden, konnten sich jene, die Hinweise auf Fehlverhalten zuvor ignoriert hatten, nicht schnell genug von ihm abwenden und die Vernichtung seiner Existenz in Kauf nehmen. Dann war es plötzlich auch egal, ob es sich um «ungeschickte Flirtversuche» handelte oder handfeste sexuelle Übergriffe.

Das hat mit dem öffentlichen Druck durch die #MeToo-Bewegung zu tun, aber man kann solches Verhalten nicht dieser Bewegung anlasten. Vielleicht sollte man sich darauf einigen, dass wir alle eine Gesellschaft ohne sexistische Diskriminierung anstreben. Und dafür sind alle verantwortlich.

Was ist zumutbar?

Damit sind wir bei der Gretchen-Frage, um die es eigentlich geht: Wie können wir das erreichen? Wie funktioniert Sexismus, und wie können wir ihn abbauen? Wie sind welche Handlungen in welchem Kontext und mit welchen Beteiligten zu bewerten? Was ist zumutbar und was nicht? Das sind schwierige Fragen, und es ist gerade hier unabdingbar, sehr genau zu sein.

Denn ein und dasselbe Verhalten ist je nach Kontext und Person unterschiedlich zu bewerten: Ein ungeschickter Flirtversuch in einer Bar mag für manche lustig, für andere lästig und wieder für andere nicht der Rede wert sein. Passiert das Ganze aber während eines Bewerbungsgesprächs oder versucht ein 50-jähriger Chef eine 20-jährige Praktikantin während der Arbeitszeit mit demselben «ungeschickten Flirtversuch» anzumachen, ist die Sachlage eine ganz andere.

In der Diskussion heisst es immer, ein bisschen gesunder Menschenverstand würde doch genügen. Praktisch aber ist es nicht so einfach. In bestimmten Situationen können schon aufdringliche Blicke sehr unangenehm und beängstigend sein, während in einem anderen Kontext selbst eine innige Umarmung kein Problem darstellt. Das Gesetz regelt sexuelle Gewalt. Aber Sexismus ist oft diffus, dann gibt es keine scharfen Grenzen, keine klaren Definitionen: Letztlich zähle das Empfinden der belästigten Person, sagen Gleichstellungsbeauftragte. Aber zwischen Personen gibt es immer spezifische Dynamiken, die vom Verhalten beider Personen beeinflusst werden.

Gerade deswegen kann man die Adressatin einer womöglich sexuell motivierten Interaktion nicht ausser Acht lassen. Will sie Grenzüberschreitungen vermeiden, muss sie zuerst ihre Grenzen markieren. Dies gilt natürlich nicht für handfeste Übergriffe, aber es gilt für all jene Verhaltensweisen, um die jetzt gestritten wird: missglückte, vielleicht sogar aufdringliche Anmachversuche und Ähnliches.

Auch hier muss man einschränken, dass man das nicht von jeder Frau einfach so erwarten kann. Gerade jungen Frauen oder solchen, die Missbrauch erlebt haben, fällt das sehr schwer. Und bei einem beträchtlichen Machtgefälle trägt der Mächtigere auch mehr Verantwortung.

Was wir jetzt brauchen, ist kein neuer Streit darum, ob jemand eine Feministin oder eine Backlash-Apologetin ist. Wir brauchen keine gegenseitigen Beleidigungen, wir müssen einander zuhören: den Männern, den anderen Frauen. Wir müssen andere Positionen ernst nehmen, selbst wenn wir sie nicht teilen. Wir müssen uns auf das Gemeinsame konzentrieren, wir müssen einen Weg finden, wie wir mit diesen schwierigen Themen umgehen lernen können. Und wir müssen über Versöhnung nachdenken.

Der afroamerikanische Komiker Dave Chapelle sagt es in seinem neusten Netflix-Special so: «Ihr habt den Bösewichten Angst gemacht, das ist gut. Aber Angst macht keinen bleibenden Frieden. Südafrika ist ein gutes Beispiel. Versöhnung hat funktioniert, weil letztlich alle Opfer eines inhumanen Systems waren. Weil jeder einfach gestehen konnte, was er getan hatte, und dann machte man Frieden.»

Ein schöner Gedanke. Für Männer und Frauen gleichermassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2018, 19:40 Uhr

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