Mehr Langeweile statt Leistung

Die Ökonomin Evi Hartmann vermisst den Leistungswillen der Jungen. Sie scheint in einer Parallelwelt zu leben. Eine Replik.

Der Leistungsdruck in der Gesellschaft überfordert viele: Ein Mann hört Musik auf einer Couch. Bild: iStock

Der Leistungsdruck in der Gesellschaft überfordert viele: Ein Mann hört Musik auf einer Couch. Bild: iStock

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Hört man gewissen Leuten beim Argumentieren zu, fragt man sich, ob die Parallelwelten-Theorie nicht doch zutrifft. «Ihr kriegt euren Arsch nicht hoch», heisst eine Streitschrift der deutschen Ökonomin Evi Hartmann, in der sie den Millennials die Leviten liest.

Von Haus aus verwöhnt und verzärtelt, würden sie in den Schulen von leistungsschwachen Schülern ausgebremst, seien als Studenten nicht fleissig genug und wollten als Arbeitnehmer nur das Leben geniessen, anstatt sich mit den grossen «Herausforderungen» herumzuschlagen, als da wären: Klimawandel, Digitalisierung, multiresistente Keime und so fort.

Die Lage muss schlimm sein, denn sie gehe durch alle Hierarchieebenen, von Familien über die Schule bis in die Behörden, Regierungen und Unternehmen, so der Kern ihrer These, die sie im Interview mit DerBund.ch/Newsnet ausführte.

Kinder mit Burn-out

Dass die Lage schlimm ist, darauf kann man sich einigen. Nur scheint Frau Hartmann in einer anderen Welt zu leben als eine befreundete Kinderpsychologin, mit der ich mich diese Woche unterhielt. Am Telefon erläuterte sie mir die Probleme, mit denen sie sich hauptsächlich herumschlägt: Eltern, die ihre Kinder unter einen solch gigantischen Leistungsdruck setzen, dass sie krank werden.

Kinder, die ein volles Schulpensum absolvieren, dazu Stunden zur Vorbereitung auf die Gymiprüfung, privater Nachhilfeunterricht, Klavierstunden, viermal Sporttraining die Woche und am Wochenende Matches, dazu noch eine Fremdsprache. Und das alles mit etwas mehr als zehn Jahren. Fast wöchentlich spazierten kleine Patienten mit Burn-out-Symptomen oder Angststörungen in ihre Praxis – und die Eltern wunderten sich dann, was mit ihnen los sei.


«Zu vielen fehlt das Leistungsethos» Evi Hartmann beklagt in ihrem Buch «Ihr kriegt den Arsch nicht hoch» die Anspruchsmentalität. (Abo+)


Sowohl Hartmanns Beobachtungen wie diejenigen der Kinderpsychologin sind natürlich anekdotisch, ihre Aussagekraft ist begrenzt. Studien sind da etwas zuverlässiger, auch wenn sie natürlich ebenfalls nur einen kleinen Ausschnitt zeigen. Eine Schweizer Studie zum Umgang Jugendlicher mit Stress und Leistungsdruck aus dem Jahr 2015 besagt etwa, dass für über 90 Prozent der Jugendlichen Erfolg in Schule, Ausbildung, Studium und Beruf wichtig, für rund die Hälfte sogar sehr wichtig seien und dass sie sich den Druck vor allem selber machen, weil sie alles möglichst gut erledigen wollen. Der Motor dieses selbst gemachten Leistungsdrucks ist Angst: 47 Prozent der Mädchen und 39 Prozent der Jungs geben dies als Grund an. Bei den Migranten sogar 75 Prozent.

Ist Leistung wirklich alles?

Nun könnte man natürlich argumentieren, die Jugendlichen seien nur deshalb so gestresst, weil sie einfach weniger hart im Nehmen seien und mit einem Pensum, das früher absolut normal war, an den Rand des Burn-outs gerieten. Dem widerspricht jedoch, dass Druck und Anforderungen an Schüler und Studenten (etwa mit dem Bachelor-System) zugenommen haben und sie immer jüngere Kinder betreffen. Der erhöhte Leistungsdruck mag für die Karriereaussichten einiger weniger gut sein, aber für viele ist er zu viel, wie die Zunahme psychischer Leiden bei Kindern und Jugendlichen zeigt.

Und sie leiden nicht etwa deswegen, weil sie NICHT leisten wollten, sondern weil sie es eben zu sehr wollen und sich damit überfordern. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass sie keine geeigneten Methoden zur Entspannung und Freizeitgestaltung mehr kennen, weil sie ihre Freizeit auf Instagram verbringen und sich dort neuen und anderen Druck machen, der zu noch mehr Stress führt.

Vor allem aber argumentiert Hartmann selber aus einer elitistischen Position. Zwar anerkennt sie, dass Arbeit auch einen Ausgleich brauche, aber sie findet es falsch, wenn «Work» als Gegensatz zu «Life» betrachtet werde, als Übel, das es zu minimieren gelte. Idealerweise sollte man auch in der Freizeit das «volle Potenzial seiner Möglichkeiten» ausschöpfen, weil es «Spass macht und zu einem erfüllten Leben beiträgt», wie sie im Interview sagt.

Ganz offensichtlich geht sie dabei von sich selber aus – oder all jenen, die tatsächlich das Glück haben, einen Job zu machen, der sie erfüllt und mit dem sie sich auch gern beschäftigen. Aber leider ist ein so erfüllender Beruf, dass man auch in der Freizeit noch davon zehren kann, nur einer kleinen Minderheit vergönnt. Und auf der anderen Seite ist schwer vorstellbar, dass diejenigen, die sich einen solchen Job ergattern konnten, den nur «mit angezogener Handbremse» erledigen, weil sie einfach zu wenig leistungsorientiert sind.

Kreativität braucht Leerlauf

Nicht zuletzt verkennt diese unbedingte Orientierung am Leistungsprinzip eine andere Tatsache. Dass Erholung braucht, wer Leistung zeigt, ist unbestritten. Aber es fehlt die Einsicht, dass diese Erholung ein wesentlicher Bestandteil der Leistung ist. Genau so wie Kinder sich ab und zu langweilen müssen, damit sie kreativ werden können. Kreativität ist etwas, das sich nicht erzwingen lässt, und sie braucht manchmal Leerläufe, damit sie sich entfalten kann. Das ist für Leistungsethiker zwar schwer zu ertragen, aber es ist ganz wesentlich für die psychische Gesundheit des Menschen – vor allem längerfristig.

Wer in seinem Studium nur auf Kosteneffizienz schielt und fleissig Punkte sammelt, ohne sich mit dem Inhalt vertieft auseinanderzusetzen, ohne sich den Freiraum einzuräumen, vertieft nachzufragen, oder seinen eigenen Zugang, der hat eine grosse Chance vertan. Irgendwann wird sich diese Frage nämlich von selbst stellen.

Als ich diese Woche mit einem 21-jährigen HSG-Studenten sprach und er mir von seinem Studium und den nächsten Plänen erzählte, staunte ich über das Pensum, das er sich da aufhalse. Als ich ihn darauf ansprach, sagte er nur: «Das ist mir ganz recht so, dann muss ich weniger darüber nachdenken, was ich mit mir und meinem Leben eigentlich anfangen soll.» Doch das ist eine ganz wesentliche Frage, nicht nur für das persönliche Wohlergehen, sondern auch für das gesamtgesellschaftliche. Ich hoffe deshalb, dass er bald mal wieder Gelegenheit hat, sich richtig zu langweilen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2018, 16:41 Uhr

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