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«Man rief mich Mörderbub und sagte, ich sei des Teufels»

Der 86-jährige J. A. wuchs als Verdingkind auf. Seit Kurzem kann er über die Misshandlung reden, die ihm das Leben schwer machte.

«Wer meine Geschichte verstehen will, muss die Geschichte meines direkten Vorfahren kennen, den ich nicht Vater nennen kann. Er hatte es schwer als Protestant im tiefkatholischen Obwalden. Sein Leben lang kämpfte er mit den Behörden. Stockbetrunken erschoss er in Flüeli-Ranft einen Bauer. Vermutlich war es ein Unfall.

Anfang der 1930er-Jahre schwängerte er meine Mutter, die er nicht heiraten durfte. Die Gemeinde hat wohl die Kosten gefürchtet. Ich wuchs bei einer Pflegemutter auf, die mich anständig behandelte. Aber ihre ältere Tochter schlug mich. Als ich einmal das Bett genässt hatte, stellte sie mich mit feuchten Lacken um den Kopf vor die Tür. Einmal setzte sie mir Feldmäuse zum Essen vor, damit das Bettnässen nachlasse. Das ist die Wahrheit. Genützt hat der ganze Aberglaube, der damals in der Innerschweiz weit verbreitet war, natürlich nichts. Nestwärme gab es keine für mich. Man rief mich Mördersohn und sagte, ich sei des Teufels. Ich wurde wie ein Kalb oder ein Hund aufgezogen und wurde aufmüpfig.

Schläge von einem Kranzschwinger

Als die alte Frau mit mir nicht mehr zurecht kam, wurde ich als Zweitklässler zu einem Bauern versetzt. Ich lief in eine wüste Sache rein. Er bekam für mich Geld von der Gemeinde, und ich musste anpacken im Stall. Einmal steckte ich sein Sackmesser ein. Der Bauer erwischte mich und schlug mich halbtot. Er war Kranzschwinger. Fortan waren Schläge Mode. Alle wussten davon. Unternommen hat niemand etwas. Ich verwahrloste. Es wurde je länger, je struber. In der Schule ging es nicht mehr. Die Tortur dauerte zweieinhalb Jahre.

Item. Als der Bauer wegen des Kriegs einrücken musste, kam eine Haushälterin auf den Hof. Sie reklamierte wegen meiner Behandlung bei der Gemeinde. Ich wurde zuerst zu einer anderen Bauernfamilie versetzt, wo ich es einigermassen gut hatte. Später kam ich in ein Heim in der Nähe von Olten. Dort lernte ich Manieren. Weil ich nicht mit Messer und Gabel essen oder aufrecht sitzen konnte, wurde ich immer wieder zurecht gewiesen. Aber irgendwie war es eine schöne Zeit. Später landete ich in einem Erziehungsheim, einer Art Jugendgefängnis, preussisch geführt von einem deutschen Bruderpaar.

Psychische Komplexe und Rückenleiden

Meine Schlosserlehre schloss ich mit Ach und Krach ab. Als junger Erwachsener hatte ich Minderwertigkeitskomplexe. Ich scheute mich, mit Frauen zu reden oder ein Restaurant zu betreten.

Später musste ich meine Arbeit als Monteur aufgeben, da mich ein Rückenleiden plagte. Der Arzt, der mich untersuchte, fragte mich, ob ich früher geschlagen worden sei. Zum Glück fand ich bis zur Pensionierung eine andere Stelle. Vor ein paar Jahren traf ich nach einem Aufruf im Fernsehen andere ehemalige misshandelte Verding- und Pflegekinder. Erstmals konnte ich über mein Schicksal reden. Ich will nicht mich nicht beklagen. Andere – beispielsweise im Emmental – traf des härter. Eine offizielle Entschuldigung an sie wäre dringend nötig.

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