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Lügenärzte

Der Ton ist härter geworden. Auch beim Arztbesuch.

Vielleicht ist es auch nur psychisch: Wartezimmer einer Gruppenpraxis in Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)
Vielleicht ist es auch nur psychisch: Wartezimmer einer Gruppenpraxis in Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Bei der Ärztin.

Ärztin: Jetzt haben wir bereits fünf Röntgenbilder gemacht, und ich erkenne immer noch nichts.Patient: Unmöglich, mein Bein ist gebrochen.Ärztin: Gebrochen ist es auf keinen Fall, das würde ich sehen.Patient: Aber ich spüre, es ist gebrochen!Ärztin: Alle Fakten sprechen dagegen, vielleicht hat Ihr Schmerz einen anderen Grund.Patient: Jetzt wollen Sie also besser wissen als ich, was ich empfinde? Das ist so elitär.Ärztin: Nein, ich sehe, dass Sie leiden, aber nach den Auswertungen schliesse ich darauf, dass Ihre Schmerzen von einem Organ ausstrahlen könnten oder es psychische Gründe ...Patient: Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind? Nur weil Sie studiert haben und irgendein medizinischer Doktortitel vor Ihrem Namen steht, müssen Sie nicht glauben, zu verstehen, was mir und meinem Bein fehlt. Sie haben keine Ahnung von den Sorgen, die ich jeden Tag mit meinem Bein habe!Ärztin: Ich gebe Ihnen Schmerzmittel mit. Am besten, Sie beobachten das noch zwei Tage und kommen dann wieder.Patient: Das würde Ihnen so passen. Die Kunden mit Mittelchen ruhighalten, die von Ihrer Pharma-Lobby kostenlos geliefert werden. Hauptsache, dem Establishment geht es gut. Aber mich führt das direkt in die Katastrophe!Ärztin: Es tut mir leid, mehr kann ich für Sie nicht tun, ich habe viele andere Patienten.Patient: Wer? Wer kommt noch?Ärztin: Das Wartezimmer ist voll.Patient: Voll von wem? Wieso sind die anderen jetzt plötzlich so wichtig?Ärztin: Weil sie auch Schmerzen haben.Patient: Denen glauben Sie also? Diesen Dahergelaufenen glauben Sie und mir nicht? Die haben doch gar keine Schmerzen, die tun nur so!Ärztin: Vielleicht fällt Ihnen in der Zwischenzeit ein, was vorgefallen ist, bevor die Schmerzen kamen. Aber jetzt muss ich wirklich ...Patient: Was vorgefallen ist? Ich kann Ihnen mal sagen, was vorgefallen ist! Vor einigen Jahren waren Sie noch ein Mann, der Warteraum war leer, der Arzt hatte unendlich viel Zeit, und eine süsse Pflegerin hat mein Bein eingegipst.Ärztin: Die süsse Pflegerin war Hilfsärztin, und das war ich!Patient: Sie? Da können Sie mal sehen, was aus Ihnen geworden ist. Abgeschlafft und arrogant sind Sie geworden. Sie haben nicht genügend Kondition für den Job!Ärztin: Was?Patient: Sie müssen sich überhaupt nicht mehr wundern, wenn ich einen anderen Arzt wähle, weil es mir reicht hier mit Ihrem lateinischen Gerede, in dem ich gar nicht vorkomme. Da ist mir jeder andere lieber als Sie. Sogar einer, der kein Arzt ist, wäre mir lieber. Alle meine befreundeten Unternehmer können das besser als das, was Sie hier veranstalten! Kriminell ist, was Sie hier tun. Fast schon terroristisch. Ich bring Sie noch hinter Gitter, das sag ich Ihnen! Sperrt sie ein! Ich bin Jurist und habe die besten Beziehungen, ich sperre Sie ein!

Der Patient geht wutentbrannt. Ein nächster Patient tritt ein.

Patient 2: Guten Tag.Ärztin: Wenn er Jurist ist, dann hat er doch auch studiert? Patient 2: Wer? Was? Ärztin: Ach, entschuldigen Sie, ich bin ein wenig durcheinander. Ich weiss nicht, was los ist, aber seit drei Wochen werde ich beschimpft als Heuchlerin, Kriminelle, Lügenärztin, elitäre Schlampe. Das war mir vorher nie passiert. Patient 2: Der Ton ist härter geworden.Ärztin: Ist Ihnen das auch aufgefallen?Patient 2: Na klar, deshalb bin ich ja hier.Ärztin: Vielleicht sollte ich meinen Patienten besser zuhören, vielleicht habe ich die Verbindung zu den Menschen verloren ... Also, ich möchte Ihnen jetzt wirklich zuhören. Wie geht es Ihnen? Wie kann ich Ihnen helfen?Patient 2: Ich habe ... Vielleicht ist es auch nur psychisch, aber seit den US-Wahlen vor drei Wochen habe ich Bauchschmerzen, dicke, fette Bauchschmerzen.

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