Linkshänder habens schwer

Sie gelten als kreativ, weil die Benutzung der linken Hand die rechte Gehirnhälfte aktiviert. Doch auch heute noch müssen Linkshänder Hürden überwinden.

Je nach Quelle sind zwischen 6 und 30 Prozent der Bevölkerung Linkshänder: Ein Junge schreibt mit der linken Hand. Foto: Getty Images

Je nach Quelle sind zwischen 6 und 30 Prozent der Bevölkerung Linkshänder: Ein Junge schreibt mit der linken Hand. Foto: Getty Images

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Computermaus, Sparschäler, Dosenöffner oder Schere – unsere Welt ist für Rechtshänder gemacht, Linkshänder müssen sich anpassen. Notfalls unter Zwang. Noch bis in die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts war es in der Schweiz teilweise üblich, dass Kinder von der linken zur rechten Hand umerzogen wurden. Man glaubte damals, den Kindern damit das Leben leichter zu machen – was keineswegs der Fall war.

Im Gegenteil: Heute weiss man, dass umgeschulte Linkshänder sehr viel Energie und Konzentration aufwenden müssen, um die nicht dominante Hand zu benützen. Der Mangel an Kraft, Ausdauer und motorischer Geschicklichkeit muss durch das Gehirn ständig ausgeglichen werden, um eine präzise Leistung erbringen zu können. Jeder Rechtshänder, der einmal verletzungsbedingt auf die linke Hand angewiesen war, kann nachvollziehen, wie mühsam das ist. Versuchen Sie einfach, mit der linken Hand mit einer Rechtshänderschere ein Stück Papier zu zerschneiden!

Vererbt oder Zufall

Linkshändigkeit kann vererbt werden oder sich spontan entwickeln. So können auch Kinder von rechtshändigen Eltern Linkshänder sein. Die sogenannte Händigkeit legt sich ungefähr zwischen dem 2. und dem 6. Lebensjahr fest. Doch nicht immer ist es eindeutig, ob rechts oder links dominiert (siehe Interview unten). Gerade kleinere Kinder kopieren gerne ihre rechtshändigen Eltern oder Geschwister, beispielsweise beim Halten des Farbstifts. Oder die rechtshändigen Eltern geben dem Kind ganz automatisch den Löffel in die rechte Hand, statt diesen in der Mitte hinzulegen, damit das Kind selber wählen kann, mit welcher Hand es diesen greifen will.

Berühmte Künstler wie Leonardo da Vinci, Charlie Chaplin oder Wolfgang Amadeus Mozart waren Linkshänder.

Der Anteil der Linkshänder in unserer Gesellschaft wird je nach Quelle zwischen 6 und 30 Prozent geschätzt. Sie gelten als kreativ, weil die Benutzung der linken Hand die rechte Gehirnhälfte aktiviert – den Ort im Gehirn, an dem auch die Kreativität, das Bilddenken und die Emotionalität beheimatet sind. Tatsächlich waren berühmte Künstler wie Leonardo da Vinci, Charlie Chaplin oder Wolfgang Amadeus Mozart Linkshänder. Wissenschaftliche Beweise für die These gibt es allerdings nicht. Allenfalls sind Linkshänder erfolgreichere Sportler, weil die gegnerischen Rechtshänder sich weniger gut auf ihre Aktionen einstellen können.

Hilfsmittel für den Alltag

Eltern und Lehrpersonen können viel dazu beitragen, dass es ein linkshändiges Kind in unserer Rechtshänder-Welt leichter hat. Viele Alltagsgegenstände wie Scheren, aber auch Schulbedarf wie Massstab, Füller oder Spiralhefte gibt es speziell für Linkshänder zu kaufen. Trotzdem brauchen kleine Linkshänder bei Schulbeginn Unterstützung.

Sauber und lesbar schreiben – das ist für alle Kinder am Anfang schwierig, für Linkshänder aber ganz besonders. Unsere lateinische Schrift wird von links nach rechts geschrieben, die linke Hand fährt also über die eigene Schrift und deckt sie zu. Um das zu vermeiden, wird häufig das Handgelenk stark gekrümmt – Fachleute nennen dies Hakenhaltung –, was wiederum anstrengt und verkrampft. Wichtig ist also, dass auf eine entspannte Haltung beim Schreiben geachtet wird. Ausserdem sollte das Licht von rechts auf den Arbeitsplatz fallen. Idealerweise sitzt ein Linkshänder-Kind am Zweiertisch auf der linken Seite, damit es seinen Nachbarn nicht stört beim Schreiben.

Gut zu wissen: In den schulischen Leistungen konnten gemäss verschiedensten Studien keinerlei Unterschiede zwischen rechts- und linkshändigen Kindern nachgewiesen werden.


«Für das Kind ist eine falsche Einstufung eine grosse Belastung»

Interview Linkshänder brauchen in der Schule keine Sonderbehandlung, aber am Anfang Unterstützung, sagt die Körperpsychotherapeutin und zertifizierte Linkshänderberaterin Brigitte Eichkorn.

Frau Eichkorn, wie können Eltern die natürliche Händigkeit herausfinden?
Durch Beobachtung. Je nachdem kann man schon bei sehr kleinen Kindern erkennen, welche Hand es bevorzugt, beispielsweise wenn es ein Spielzeug greift. Wichtig ist aber, dass man dem Kind die Wahl lässt, also die Gegenstände in die Mitte legt, statt in die rechte Hand.

Was kann man tun, wenn die Händigkeit nicht eindeutig ist?
Wer unsicher ist, sollte die Händigkeit von einer Fachperson abklären lassen. Dies, um zu verhindern, dass das im Grunde linkshändige Kind als Rechtshänder eingestuft wird. Für das Kind ist das eine grosse Belastung, die sich auch negativ auf den Schulerfolg auswirken könnte.

«Leider sind Lehrer im Umgang mit Linkshändern häufig nicht vertraut.»

Wann sollte eine solche Abklärung gemacht werden?
Idealerweise vor Schuleintritt. Linkshänder brauchen zwar keine Sonderbehandlung in der Schule, aber am Anfang des Schreiblernprozesses Unterstützung: die richtige Sitz- und Schreibhaltung, wie man das Heft hinlegt und den Stift hält. Dies muss man dem Kind zeigen, damit es unverkrampft und ohne allfällige Schmerzen schreiben kann. Und selbstverständlich sollten Utensilien benützt werden, die speziell für Linkshänder gemacht sind.

Sind Lehrpersonen im Umgang mit Linkshändern vertraut?
Leider häufig nicht, denn dies gehört nicht zu ihrer Ausbildung. Aber nach meiner Erfahrung sind sie sehr offen, wenn gut informierte Eltern auf die besonderen Bedürfnisse aufmerksam machen.

Wo können sich Eltern von Linkshänder-Kindern informieren?
Es gibt Beratungsstellen, meist Ergotherapeuten, die Händigkeitstests anbieten. Zudem helfen Bücher mit Tipps und Übungen.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 08.09.2018, 12:27 Uhr

Tipps für Eltern von Linkshändern


  • Lassen Sie Ihrem Kind die Wahl: Zwingen Sie es niemals dazu, etwas mit rechts zu tun, was es lieber mit links machen möchte.

  • Unterstützen Sie Ihr Kind, indem Sie ihm die geeigneten Hilfsmittel geben, damit es auch mit links im Alltag zurechtkommt.

  • Achten Sie beim Schreiblernprozess darauf, dass sich Ihr Kind nicht verkrampft und so die Freude am Schreiben verliert.

  • Lassen Sie sich allenfalls von einer Fachstelle beraten, wie Sie Ihr Kind beispielsweise bei Schreibarbeiten unterstützen können.

  • Im Übrigen sollten Sie die Linkshändigkeit Ihres Kindes als eine ganz normale Verhaltensweise betrachten.

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