Leiden Geizige unter ihrem Geiz?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Umgang mit Geld.

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Peter Schneider@PSPresseschau

Was halten Sie von geizigen Menschen (meine Mutter zählt leider auch zu dieser Spezies)? Wird einem der Geiz in die Wiege gelegt? Sind sich geizige Menschen ihres Geizes bewusst? Obwohl man hierzulande nicht selten auf Geizhälse trifft, würde kaum einer zu seiner Knausrigkeit stehen. Leiden gar geizige Menschen unter ihrem Geiz und würden gerne grosszügig sein, wenn sie nur könnten? Ähnlich einem schüchternen Menschen, der gerne mehr Mut hätte, um auf seine Mitmenschen zuzugehen. Welche Formen von Geiz gibt es? Woran merkt man, dass einer geizig ist? Gibt es ein gesundes Mass an Geiz? Ab wann ist Geiz krankhaft? Ist Geiz therapierbar?

B. B.

Liebe Frau B.

Das sind so viele Fragen, dass ich wahrscheinlich nur einen Teil beantworten kann. Und je zügiger ich zum Thema komme, desto mehr. Also: Geiz ist eine Untugend. Die dazugehörende Tugend ist die Sparsamkeit. Sie verhält sich zum Geiz wie Grosszügigkeit zur Verschwendungssucht. Geizige und Verschwender übertreiben, wenn auch in verschiedene Richtungen. Ein Geiz-Gen dürfte es wohl nicht geben; allerdings glaube ich auch nicht, dass man allgemeingültige Entwicklungsfaktoren aufzählen kann, die in den Geiz münden. Zumal ja der Rand zwischen Geiz und Sparsamkeit unscharf ist und auch interessante Mischformen zwischen Geiz und Verschwendungssucht existieren, wie bei der Schnäppchenjagd. Ist man verschwenderisch, weil man einem Schnäppchen nicht widerstehen kann, oder hat das Ansammeln von günstigen Gelegenheiten vor allem etwas Geiziges an sich? Die wenigsten würden sich selbst als geizig bezeichnen, und wenn, dann würden sie ihren Geiz wahrscheinlich rationalisieren: Das sieht jetzt extrem knausrig aus, aber ich bin nun einmal sparsam. Das zeigt, dass man auch durchaus unter dem eigenen Geiz leiden kann und man gerne anders sein möchte, es aber leider nicht fertigbringt.

Dann gibt es freilich auch diejenigen, die den Geiz zu einer Art eigener Lust erhoben haben: Sie beschäftigen sich ständig mit Geld und ziehen Freude aus dessen abstrakter Eigenschaft, ein Tauschwert für Waren zu sein, den sie jedoch niemals in einen Gebrauchswert verwandeln würden. Marxistisch gesprochen sind die Geizigen die Helden der Akkumulation, doch unfähig zur produktiven Verausgabung des Besitzes. Geiz ist Gier, die sich kapitalistisch nicht verwerten lässt.

Ob Geiz krankhaft ist? Wahrscheinlich dann, wenn er mit irrationalen Verarmungsängsten verbunden ist. Jedenfalls ist er gesellschaftlich dysfunktional, er lässt den Geizigen zu einer einsamen Insel im Meer des Austausches werden.

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