Lässt man Essen auf dem Teller zurück?

Die Antwort auf eine Stilfrage zum Anstandsrest.

Vermutlich geht es darum, dass der disziplinierte Mensch nicht einfach alles in sich reinschaufelt. Foto: Pixabay, Pexels.com

Vermutlich geht es darum, dass der disziplinierte Mensch nicht einfach alles in sich reinschaufelt. Foto: Pixabay, Pexels.com

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Wir stellen seit einiger Zeit fest, dass es für zahlreiche Gäste – sei es bei Bankettessen wie aber auch bei privaten Einladungen (!) – offenbar zum guten Ton gehört, beim Genuss der Hauptspeise immer ein kleines Restchen Fleisch und/oder Beilagen, etwa eine Mundportion, auf dem Essteller zurückzulassen. Sind das die neusten Essgewohnheiten? Ist das Stil? Snobismus? Oder einfach eine üble Mode?
W. B.

Lieber Herr B.,
das ist mir jetzt also entgangen: dass der Anstandsrest ein Comeback feiert!

In meiner Umgebung essen alle brav auf. Wobei, wenn ich es recht bedenke, die Frauen hin und wieder nicht, aber die legen ja ohnehin häufig ein eher angespanntes Verhältnis zur Nahrungs­aufnahme an den Tag. Mich verblüfft nicht einmal mehr, wenn eine den Salat «aber bitte ohne Sauce» bestellt. Aus einem inneren Zwang heraus muss ich dann jeweils nach der Pizza grad noch ein abartiges, enorm dick machendes Dessert bestellen. Und von diesem bleibt dann kein Krümelchen übrig, aber sicher nicht.

Von daher würde ich jetzt so vom Schiff aus behaupten, dass dieses Zurücklassen von Essen auf dem Teller wenig bis rein gar nichts mit der Rückbesinnung auf alte Sitten und Gebräuche zu tun hat. Früher gehörte das in der Tat zum guten Ton, nur ist das längst überholt (ausser im asiatischen Raum).

Und es wäre ja wirklich kurios, wenn ausgerechnet jetzt, in einer Zeit, in der es mit dem Anstand rasantestens bergab geht, wo man schon froh ist, wenn das Vis-à-vis das Messer nicht abschleckt oder die Spaghetti zerschneidet, eine derartige Benimmregel wieder enthusiastisch befolgt würde.

Langeweile zu verbreiten, ist immer unanständig.

Nichts da. Vermutlich geht es eher darum, dass der nicht alles aufessende Mitmensch demonstrieren will, dass er diszipliniert ist. Dass er also nicht einfach alles in sich reinschaufelt, sondern Acht gibt auf sich und seine Ernährung und seinen Körper und so. Er macht mit dieser stummen Geste deutlich, dass er sich im Griff hat und sein Gewicht sowieso. Und natürlich: dass er ein bewusster Esser und damit ein bewusster Mensch ist.

Wahrscheinlich geht er auch joggen. Oder rennt Marathon. Oder trägt einen Schrittzähler. Und natürlich macht er Wellness und tut detoxen und spricht von Work-Life-Balance und ist überhaupt wahnsinnig langweilig.

Und just das ist das Problem mit jenen, die fein säuberlich die Reste im Teller platzieren: Sie sind letztlich unhöflich. Weil es immer unanständig ist, Langeweile zu verbreiten.
Bettina Weber


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2017, 08:04 Uhr

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