Kirchlich beglaubigte Omertà

Statt in Rom die Bischofssynode über die Jugend durchzuführen, müsste der Papst die Kirchenspitze über das Thema Missbrauch debattieren lassen.

Der Papst darf nicht länger schweigen: Franziskus feiert eine Messe in Dublin, Irland (26. August 2018).

Der Papst darf nicht länger schweigen: Franziskus feiert eine Messe in Dublin, Irland (26. August 2018).

(Bild: Keystone Matt Dunham)

Michael Meier@tagesanzeiger

«Die Betreuung und Begleitung der Jugendlichen gehört zur Berufung der Kirche.» So beginnt das Arbeitspapier der weltweiten Bischofssynode, die am Mittwoch in Rom zusammenkommt. Wie zynisch das tönt! Jetzt, da die Kirche wegen sexueller Ausbeutung der Jugend unter Anklage steht, wollen die Bischöfe über deren Glauben und Berufung debattieren.

Die Synode kommt zur Unzeit. Wenn schon, müsste Franziskus die Bischöfe über das Thema sexuelle Gewalt reden lassen – nicht erst, wie von ihm geplant, in einem halben Jahr. Vor allem müsste er sich zu den Vorwürfen äussern, Missbrauchskardinal Theodore McCarrick gedeckt zu haben. Auch zum Umstand, dass er seinerzeit als Präsident der argentinischen Bischofskonferenz ein Entlastungsgutachten für Julio Caesar Grassi ausarbeiten liess. Der Priester wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er sich in seinen Waisenheimen an Kindern vergangen hatte.

Franziskus tut die Vorwürfe als «Spaltungsversuche» ab, denen man am besten «mit Schweigen und Gebet» begegnet. Nein, der Papst darf nicht länger schweigen. Sonst wird man ihm das als Verlängerung des systematischen Schweigens zu Missbräuchen auslegen, als kirchlich beglaubigte Omertà.

Franziskus hat nicht erkannt, dass das Thema sexuelle Gewalt keinen Aufschub duldet.

Franziskus muss reden und handeln. Er muss endlich das schon 2015 versprochene Gericht für Bischöfe, die Missbräuche gedeckt haben, schaffen. Er muss die Bistümer weltweit anhalten, die staatliche Justiz einzuschalten und die Kirchenarchive für sie zu öffnen. Auch die kircheninternen Sanktionen muss er verschärfen bis hin zur Exkommunikation. Er muss die Prävention und die Priesterausbildung überdenken. Er muss Wege suchen, wie man das von ihm erkannte Hauptübel überwinden kann: den systemimmanenten Machtmissbrauch zölibatärer Priester.

Die «heilige Ordnung» der Kirche sei durch den Missbrauchsskandal unter Druck geraten, schreibt der Schweizerische Katholische Frauenbund. Der Missbrauch von Macht in solchem Ausmass sei nur in einem geschlossenen patriarchalen System möglich.

Doch die ab Mittwoch tagende Bischofssynode bleibt ein patriarchales und klerikales Unterfangen. Dass Franziskus die Kardinäle von Burma, des Irak, von Madagaskar und Papua-Neuguinea als Leiter der Synode bestimmt hat, ist skurril. Diese Würdenträger aus politisch instabilen, aber angeblich missbrauchsfreien Regionen sind mit anderem beschäftigt als mit den Problemen der Jugend. Der Papst dürfte ganz bewusst keine Leiter aus Europa oder den USA ernannt haben. Denn diese Bischöfe könnten mit ihren teils liberaleren Positionen zur Sexualmoral die Synode polarisieren.

Franziskus hat nicht erkannt, dass das Thema sexuelle Gewalt keinen Aufschub duldet. Bis zur Bischofsversammlung im Februar werden weitere Länder Missbrauchsstudien veröffentlicht und Gerichte über Kardinäle und Bischöfe geurteilt haben. Das alles könnte den Leib der Kirche so stark erschüttern, dass er sein Haupt nicht länger tragen kann.

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