Jetzt belächelt sie keiner mehr

Bei Telebasel galt sie als TV-Küken. Heute hält man sie für das «Postergirl» der neuen Rechten. Wie sieht sich Tamara Wernli selbst?

Der Opferdiskurs der Feministinnen geht ihr auf die Nerven: Tamara Wernli in einem Basler Restaurant. Fotos: Kostas Maros (13 Photo)

Der Opferdiskurs der Feministinnen geht ihr auf die Nerven: Tamara Wernli in einem Basler Restaurant. Fotos: Kostas Maros (13 Photo)

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Ihre Lieblingsfigur aus «Game of Thrones» ist Cersei Lannister, die grausame Königin. Nicht Tyrion, der listige Zwerg, auch nicht die mächtige Drachenmutter Daenerys. Die Schurkin Cersei hat es Tamara Wernli angetan.

Das ist ziemlich weit entfernt vom Bild, das die Basler sich von «ihrer» Tamara Wernli lange machten. 20 Jahre lang moderierte sie die News auf Telebasel, in Basel ist sie eine Institution: geliebt, gehasst, belächelt und geschmäht; als Moderatorin mit «Hello Kitty»-Touch, schönste Baslerin, TV-Küken, Kultfigur und Klatschreporterin oder als apolitisches Naivchen, auf Kriegsfuss «mit dem Plusquamperfekt». Nur als Schurkin galt sie nicht.

Bis Markus Somm, Chefredaktor der «Basler Zeitung», ihr 2015 eine Autorenkolumne anbot, «Tamaras Welt». Seither schreibt Wernli über alles, was sie beschäftigt. Und sie hat gezeigt, dass sie nicht nur das Plusquamperfekt beherrscht, sondern auch ihr Geschäft. Zielsicher wählt sie Aufregerthemen aus und verarbeitet sie zu Kolumnen und Videoblogs (hier gehts zu Wernlis Youtube-Channel). Diese erscheinen auch auf «Tichys Einblick», einem deutschen Magazin mit liberal-konservativem bis rechtspopulistischem Publikum. Sie haben ihr in kurzer Zeit grosse Aufmerksamkeit gebracht.

«Postergirl der neuen Rechten? Wer sagt das?»

Es läuft so gut, dass sie im April ihren TV-Job kündigte. Sie wolle sich aufs Schreiben und auf ihren Videoblog konzentrieren, sagte sie. Das sorgte für hämische Kommentare. Und für ein neues Image: Tamara Wernli gilt jetzt unter Journalisten als «Postergirl der neuen Rechten».

Rehäugig, feingliedrig und lang­beinig sitzt die 45-Jährige im Basler Schützenhaus vor einem Glas Limonade. Nicht ihre Stimme verrät sie, es ist ihr Lachen. Spitz und keck, manchmal nervös interpunktiert es das Gespräch. Nur als die Rede auf ihr neues Image kommt, verstummt es: «Postergirl der neuen Rechten? Wer sagt das?»

Eine umtriebige Perfektionistin

Seit Tamara Wernli nicht mehr nur einfach die News abliest, sondern erzählt, was sie selber beschäftigt, redet man nicht mehr nur in Basel über sie. Das hat mit ihrem bislang erfolgreichsten Videoblog zu tun, Titel: «Zustand der Gesellschaft: Es brodelt».

Wernli durchforstete 20 deutsche Zeitungen von «Spiegel online» über die «Süddeutsche» bis zur FAZ auf Berichte hin, in denen sich Menschen in Deutschland dazu äussern, was sie bewegt. Das Resultat: Angst um die wirtschaftliche ­Zukunft, Angst vor Ghettobildungen in deutschen Städten, vor Bandenkriminalität und fehlender Integration. Die Zuwanderung belaste das subjektive Sicherheitsgefühl der Deutschen, so ihre Analyse. Und sie weiss auch, wer daran schuld ist: Angela Merkel.

Innerhalb von 48 Stunden erreichte Wernli mit dem Video 100'000 Menschen, mittlerweile haben es eine Viertelmillion gesehen. Seither gilt Tamara Wernli in einschlägigen Kreisen als Ikone der neuen Rechten.

«Man kann es nicht allen recht machen»: Tamara Wernli.

Sie sieht das anders. «Warum wird man als rechts bezeichnet, wenn man benennt, was etablierte deutsche Zeitungen schreiben?» Die meisten ihrer rund 20'000 Abonnenten seien keine Extremisten, sondern Menschen aus der Mitte, wie sie selbst. «Ich bin bürgerlich-liberal, ja. Aber näher bei der FDP als bei der SVP.»

Das weiss auch die FDP Basel, die Wernli vergangenen Herbst als mögliche Nationalratskandidatin umwarb. Sie lehnte ab. Die Basler Presse berichtete. Die «in AfD-Kreisen beliebte Youtuberin» als Nationalrätin?, spottete die «TagesWoche». Das könne nur «pure Verzweiflung» seitens der FDP sein. Wernli nimmt es sportlich: «Man kann es nicht allen recht machen. Ich will bloss Respekt.»

«Ihr Roman wurde zerfleischt wie ein Kalbskotelett
im Haifischteich.»

Den erarbeitet sie sich gerade, es ist ein langer Weg. Er führte sie als 21-Jährige mit ihrem Ersparten nach Los Angeles, wo sie sich an einer Schauspielschule und im Marketing ausbilden liess. Fünf Jahre schlug sie sich als Statistin in Serien wie «Friends» oder «Eine schrecklich nette Familie» durch.

Irgendwann prophezeite ihr eine Wahrsagerin eine Karriere im Fernsehen, zurück in Basel, bewarb sie sich auf eine Stelle bei Telebasel. Eine Ära begann. «Sie war von Anfang an sehr entschlossen», sagt ihr langjähriger Telebasel-Kollege Claude Bühler, «eine Perfektionistin, fordernd im Auftreten. Sie hatte einen Plan.»

Sie lernte den Teleprompter lesen, lernte, ihre quiekige Stimme dunkler zu färben. Und sie begann, selber Ideen zu entwickeln. Bald konzipierte und produzierte sie ihre eigenen Sendungen, die sie Telebasel verkaufte. Hinter den Kulissen organisierte sie alles selbst: holte Sponsoren, fragte Gäste an, organisierte Schauplätze, arbeitete 17 Stunden am Tag. Mit Erfolg.


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Sie und ihre Sendungen sind in Basel Kult, eine ganze Reihe National- und Verwaltungsräte schwitzten mit ihr am Kochherd, während sie sie mit Fragen brüskierte: «Haben Sie schon einmal für Sex bezahlt?», fragte sie den damaligen Polizeivorsteher Jörg Schild. Darüber redete tout Bâle. Vor allem redete man über Tamara Wernli.

Nur ernst genommen wurde die Selfmadefrau nicht. Trotz Beziehungen zu Grössen wie dem ehemaligen FCB-Trainer Christian Gross, trotz Sukkurs von Persönlichkeiten wie Anita Fetz oder dem Kolumnisten Minu verweigerte ihr die feine Gesellschaft den Zutritt, wie Beobachter sagen. Vielleicht verweigerte sie sich aber auch selbst.

Trotz ihrer forsch wirkenden Art ist Wernli auch scheu und unsicher. Als Jugendliche gehörte sie zur jungen Basler Hip-Hop- und Sprayer-Szene, heute spielt sie lieber «Call of Duty», als an Theaterpremieren Small Talk zu machen. Und dann war da auch noch der Roman, eine schwärmerische Liebesgeschichte, autobiografisch angehaucht. Er wurde von der Kritik zerfleischt wie ein Kalbskotelett im Haifischteich.

Keine Lust auf Fremdbestimmung

Wer nach einem Motiv sucht, warum ­Tamara sich am Applaus von rechts nicht stört, hier ist es: «Mit der Häme umzugehen, hat mich angriffiger und stärker gemacht.» Nicht umsonst ist ihre Lieblingsszene in «Game of Thrones» der Walk of Shame von Königin Cersei. Nackt muss diese vor ihre Untertanschaft treten und sich grausam quälen lassen. Aber anstatt daran zu zerbrechen, sammelt sie ihre Kräfte und schlägt zurück. Viele, die Tamara früher belächelt haben, zollen ihr heute Respekt.

«Im Vergleich zu ihrer früheren Arbeit ist ihr mit ihren Kolumnen ein qualitativer Quantensprung gelungen», sagt Bühler. Der Baselbieter Blogger Manfred Messmer meint: «Auch ich habe sie früher selbstgefällig belächelt. Heute nicht mehr. Ich zolle ihr Respekt. Weil hinter ihr keine Männer stehen, die meinen, sie müssten sie lenken. Tamara ist eine selbstbewusste Frau, die sich aus der Klatschecke, in die man sie ­gestellt hat, gerade eben rausschreibt. Etwas, was Minu nie gelungen ist.»

Wernli ist kein Schweizer Pendant zum Typus keifender Fox-News-­Moderatorinnen, auch wenn sie durchaus gern polemisiert, etwa gegen Feminismus. Was hat sie gegen Feministinnen? «Gar nichts!», ruft sie – nur der Opferdiskurs geht ihr auf die Nerven. «Wurde ich als Frau strenger beurteilt vor der Kamera? Natürlich. Fühle ich mich deswegen diskriminiert? Nein. Männer haben es anders schwer im Job. Jeder hat es irgendwie schwer.»

Es sind die Auswüchse, die sie nerven. Etwa eine Forderung der Grünen, Schönheitskonkurrenzen für weniger schöne Menschen abzuhalten. Ihr Kommentar: «Persönlich finde ich ja, man könnte noch weiter gehen: Damit sich niemand aufgrund seines Aussehens ausgegrenzt fühlt, sollte man Teilnehmer von Schönheitswettbewerben nicht nach ihrem Aussehen, sondern nach Bastelfertigkeiten beurteilen.»

«Ihre Wirbelsäule ist immer gestreckt, sie knickt nicht ein.»Claude Bühler, Telebasel-Kollege

Was ihr politisches Image betrifft, bleibt sie zurückhaltend. «Ich könnte in Deutschland mit dem Videoblog längst viel grösser sein, wenn ich jede Woche über Migration, Islam und diese Dinge bloggen würde. Ich wurde auch verschiedentlich aus AfD-Kreisen dafür angefragt», sagt sie. Sie hat alle Angebote abgelehnt. Der Vorwurf wird sie aber auch nicht davon abhalten, weiter über Reizthemen zu schreiben.

Auch politische Beobachter relativieren den Vorwurf, sie drifte nach rechts. Bühler: «Den Brückenschlag zur AfD zu machen, ist mir zu billig. Die Politik, die Geschichte und die Medienkultur von Deutschland und der Schweiz lassen sich nicht vergleichen.» Der Blogger Manfred Messmer meint: «Über ihre politische Ausrichtung mag man schnöden, aber was soll es. Eigentlich war sie schon immer so, auch in ihren Chuchisendungen. Nur hat es niemand gemerkt.»

Es ist auch nicht damit zu rechnen, dass Tamara Wernli vorschnell aufgibt: «Ich bin zu alt und zu eitel, um mich fremdbestimmen zu lassen.» Was sie anpackt, das macht sie richtig, und zwar, bis es fertig ist. «Die Wirbelsäule von Tamara ist immer gestreckt, sie knickt nicht ein», sagt Bühler. Das zumindest hat sie mit Königin Cersei gemein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2018, 10:13 Uhr

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