Italiens Problem mit den Frauen

«Femminicidio», Frauenmord, wird das Phänomen bereits genannt: In Italien starben 2012 über 120 Frauen durch die Hand eines Mannes, den sie kannten. Nun wird über Sexismus und häusliche Gewalt debattiert.

Veraltetes Frauenbild? Kultureller Verfall? Demonstrantinnen an einer Kundgebung gegen Gewalt an Frauen im Februar 2013 in Rom.

Veraltetes Frauenbild? Kultureller Verfall? Demonstrantinnen an einer Kundgebung gegen Gewalt an Frauen im Februar 2013 in Rom.

(Bild: Keystone)

Es kann die Ehefrau sein, die Freundin, die Ex oder eine Frau, die seine «Liebe» nicht erwidert: Fälle, in denen ein Mann eine Frau tötet, sorgen regelmässig für Aufregung in Italien. «Schon wieder ist eine Frau umgebracht worden, als würde man ein Hindernis aus dem Weg räumen, als sei sie nichts wert», kommentierte «La Stampa» das, was dieser Tage Schlagzeilen macht: Ein Pilot soll seine schwangere Geliebte getötet und ihren Selbstmord vorgetäuscht haben.

Im Jahr 2012 starben in Italien mehr als 120 Frauen durch die Hand eines Mannes, den sie kannten. Das Phänomen hat einen Namen bekommen: «femminicidio», Frauenmord. Nun hat die Regierung Enrico Letta einen Gesetzesentwurf ins Parlament gebracht, der bedrohten Frauen helfen soll. Er sieht härtere Strafen für Misshandlungen und Stalking vor und eröffnet die Möglichkeit des Hausverbots für Gewalttäter.

Müssen Italiens Mädchen und Frauen vor ihren Partnern geschützt werden? Eine Diskussion, die schon länger läuft. UNO-Zahlen zeigen zwar, dass die Zahl der Morde an Frauen seit Jahren konstant ist. Es gibt aber keine verlässlichen Zahlen. Und doch ist jede dieser Bluttaten für die Medien tagelang ein riesiges Thema, ein «giallo», also «Krimi», über den sich die Zeitungen seitenlang auslassen.

Sexismus der Italiener

Ein Verdacht erhitzt die Gemüter: Die italienische Gesellschaft, das ist die Sorge, krankt immer noch an einem Frauenbild, das Männer dazu verleitet, Frauen als ihr Eigentum zu sehen – und sie in der Folge auch so zu behandeln.

Laura Boldrini, Präsidentin der Abgeordnetenkammer, hat die Verabschiedung des Gesetzesentwurfs zu ihrem persönlichen Projekt gemacht. Sie hat selbst Erfahrung mit dem Sexismus ihrer Landsleute: Kurz nach ihrer Nominierung tauchten im Internet obszöne Fotomontagen von ihr auf, sie bekam Hunderte anonyme Nachrichten, Vergewaltigungsfantasien und Morddrohungen.

Die Anti-Gewalt-Zentren Di.re («Frauen vernetzt gegen Gewalt») kommentierten, diese Vorfälle spiegelten den kulturellen Verfall, der das Land seit Jahrzehnten präge. «Die gewaltsame Sprache ist Ausdruck einer Kultur, die die Würde, Freiheit, Gedanken und Autorität der Frau negiert. Es ist die Kultur des ‹femminicidio›.»

In der Tat erschreckt die blindwütige Raserei, die in vielen dieser Morde zum Ausdruck kommt. Erst Ende Mai, als das Parlament die EU-Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt ratifizierte, ging der schreckliche Tod der 15-jährigen Fabiana Luzzi durch die Medien. Ihr 17-jähriger Freund hatte sie geschlagen und 20-mal auf sie eingestochen. Sie überlebte noch zwei Stunden – bis er sie schliesslich anzündete.

Geschlechterstereotypen tief verwurzelt

Ein Bericht von Rashida Manjoo, UNO-Sonderberichterstatterin über Gewalt gegen Frauen, aus dem Jahr 2012 dürfte Italiens Politikern noch in den Ohren klingen. Geschlechterstereotypen, so Manjoo, seien noch tief verwurzelt in Italien. Sie zitierte unter anderem eine Untersuchung von 2006, die ergeben hatte, dass die meisten Frauen, die im italienischen Fernsehen zu sehen sind, kein Wort sagen.

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen zum Schutz vor häuslicher Gewalt, kritisierte die Berichterstatterin, seien bisher lediglich Stückwerk. Die Strafen für die Täter seien nicht angemessen, Opfer könnten oft nicht auf Entschädigung hoffen. Dies und die Langsamkeit der italienischen Justiz trage bei zur Verschleierung des Problems.

Der neue Gesetzesentwurf wird als Schritt in die richtige Richtung gefeiert. Doch es gibt auch Kritik: Nadia Somma, Leiterin eines Beratungszentrums für Frauen, schrieb in ihrem Blog, das Gesetz behandle Frauen wie schwache, schutzbedürftige Subjekte und gehe das Problem auch nicht grundsätzlich an. Zudem trage der Entwurf nicht ausreichend zu einer Vorbeugung der Gewalt bei.

kpn/sda

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