Warum wir Heuchler sind

Wer misstrauisch ist, tut Dinge, die er anderen niemals durchgehen lassen würde – das gilt auch in sozialen Medien.

Irgendwann verdächtigt jeder jeden, bloss ein Scheinheiliger zu sein: Szene aus dem Film-Kammerspiel «The Party» (2017). Bild: Filmcoopi

Irgendwann verdächtigt jeder jeden, bloss ein Scheinheiliger zu sein: Szene aus dem Film-Kammerspiel «The Party» (2017). Bild: Filmcoopi

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Wenn die empörte Masse durch die sozialen Medien tobt, bekommen die Angeklagten die volle Härte kollektiver Ächtung zu spüren. Ob von rechts, von links, von Männern, von Frauen, von Autofahrern oder von Radfahrern spielt keine Rolle. 

Weshalb erlauben sich die Streithähne verschiedener Lager Dinge, die sie ihren Gegnern nie durchgehen lassen würden? Eine Antwort auf diese Frage steckt in einer Studie der Psychologen Alexa Weiss, Pascal Burgmer und Thomas Mussweiler von der Universität Köln. Darin zeigen die Wissenschaftler: Wo Vertrauen verloren geht, neigen die Menschen zunehmend zu Doppelmoral und Selbstgerechtigkeit.

Von jeher erleben Scheinheilige Ablehnung. Erst kürzlich haben Psychologen um Jillian Jordan von der Universität Yale in «Psychological Science» gezeigt, dass Heuchler im Vergleich zum gewöhnlichen Lügner besondere Verachtung provozieren. «In anderen Worten», schreiben nun die Psychologen um Alexa Weiss, «wir misstrauen Heuchlern aus guten Gründen. Und dieses fehlende Vertrauen kann uns selbst zu Heuchlern machen.»

Es ist ein potenzieller Teufelskreis: Grundsätzlich den Absichten anderer zu misstrauen, befeuere heuchlerisches Verhalten in einem selbst und seinem Gegenüber – und das erhöhe die Chance, dass Vertrauen erst recht verloren geht und sich moralische Doppelstandards noch weiter verbreiten, argumentieren die Forscher. Die Spirale dreht also immer weiter.

Selber trinkt man Wein

In vier Experimenten entdeckten die Psychologen Indizien dafür, dass Misstrauen die eigenen ethischen Standards aufweicht. Zunächst stellten sie fest, dass Personen mit misstrauischem Wesen sich selbst eher Dinge erlauben, die sie anderen nicht zugestehen würden.

Zwei weitere Versuche drehten sich um Verfehlungen eines Kollegen – einen ähnlichen Fehltritt, den die Probanden selbst begangen hatten. Dabei manipulierten die Psychologen die Situationen so, dass entweder Misstrauen geschürt wurde oder eher Vertrauen herrschte. Schauten die Teilnehmer argwöhnisch auf andere, beurteilten sie eigene Vergehen grosszügiger.

Schliesslich stellten die Forscher in einem vierten Experiment fest, dass ein weiteres Persönlichkeitsmerkmal die Wahrscheinlichkeit erhöht, sich Wein zu genehmigen und andere zum Wassertrinken aufzufordern: Wer sich besonders leicht angegriffen oder übervorteilt fühlt, reagiert eher mit Mitteln, die er anderen aus moralischen Gründen niemals erlauben würde.

Wer die Opferrolle annimmt und sich angegriffen fühlt, verhält sich häufiger unkooperativ.

Die Psychologen Philipp Süssenbach und Mario Gollwitzer haben zudem Hinweise dafür gefunden, dass, wer leicht eine Opferrolle annimmt und sich angegriffen fühlt, als Reaktion eher unkooperatives und egoistisches Verhalten zeigt. Vermutlich, um sich selbst davor zu schützen, von anderen über den Tisch gezogen zu werden.

Diese Punkte sind womöglich für viele Debatten in den sozialen Medien relevant. Empörung treibt Auseinandersetzungen an und lässt sie eskalieren. Die Streithähne regen sich über Aussagen anderer auf, kochen vor Wut und reagieren mit Gegen-attacken, oft ohne Milde und Menschlichkeit, und werfen der Gegenseite genau das vor.

Die fiesen Unmenschen, das sind immer die anderen: In jedem steckt das starke Bedürfnis, sich als integren, guten Menschen zu betrachten.

Böse sind nur die anderen

Wesentlicher Teil dieser Form der Heuchelei, so haben es zum Beispiel Forscher um Shaul Shalvi von der israelischen Ben-Gurion-Universität in den «Current Directions in Psychological Science» beschrieben, ist die kreative Suche nach Rechenschaft: Begründungen für eigenes Fehlverhalten zu finden, versetzt einen erst in die Lage, sich egoistisch oder verwerflich zu verhalten und zugleich als moralisch einwandfreie Person zu fühlen und aufzuspielen.

Eine häufige Universalausrede und Standardbegründung für verbale Entgleisungen besteht darin, dass die Gegenseite böse sei und man deswegen nichts als Schlechtes von ihr erwarten dürfe. «Wenn wir Menschen grundsätzlich vertrauen, erwarten wir, dass sie gute Absichten hegen und in unserem Interesse handeln», sagen Weiss und Burgmer. «Misstrauen richtet die Aufmerksamkeit hingegen auf potenziell schlechte Absichten anderer.»

Herrscht Misstrauen, steigt also die Neigung, ambivalente Aussagen und zweideutiges Verhalten negativ zu interpretieren und als Folge eines verdorbenen Charakters zu betrachten. Die eigenen Absichten betrachten Menschen grundsätzlich als wohlwollend und gut.

Misstrauen Ehepartner einander, gestatten sie sich selbst eher einen Fehltritt und hintergehen den anderen. 

Dann heisst es: Was ist von alten konservativen Männern oder von versifften Gutmenschen schon zu erwarten ausser Boshaftigkeit? Also haut man einmal fest drauf. Und wenn dann die angegriffenen Gegner ihrerseits zurückfeuern, wird das als Beleg für den eigenen Standpunkt gewertet: Seht her, getroffene Hunde bellen – habe ich doch gleich gesagt, da ist der Beweis!

Grassiert Misstrauen, auch das haben verschiedene Studien gezeigt, gelingt Menschen diese Form der geistigen Akrobatik besonders leicht. Sie finden mühelos Gründe dafür, sich tugendhaft zu fühlen und trotzdem Gift zu spritzen. Das ist auch aus Versuchen mit Ehepartnern bekannt: Misstrauen sie einander, gestatten sie sich selbst eher einen Fehltritt und hintergehen den anderen.

Umgekehrt aber, wenn zwei einander felsenfest vertrauen, dann ist der Effekt genau umgekehrt: Dann erlauben sie sich selbst weniger als ihrem Partner.

Was sich daraus für Auseinandersetzungen im Netz und anderswo ableiten lässt? Vielleicht sollte man mehr darauf vertrauen, dass ein Gegenüber nicht automatisch ein Unmensch ist, nur weil er empörende, nicht zum eigenen Weltbild passende Meinungen äussert. Das ist sehr schwer umzusetzen, wäre aber ein kleiner Anfang.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2018, 17:09 Uhr

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