Zum Hauptinhalt springen

Ihr könnt mich mal!

Patchworkfamilien gelten als Modell der Zukunft. Unsere Autorin lebt in einer – und findet: Es ist zum Kotzen.

Nicht immer so harmonisch: Leben in einer Patchwork-Familie. Foto: iStock
Nicht immer so harmonisch: Leben in einer Patchwork-Familie. Foto: iStock

Der kleine Jan und ich waren allein in der Hütte, die anderen auf dem Feld, Heu machen vielleicht, was man eben so tut in den Sommerferien auf einer Tiroler Alm. Ich war dringeblieben, weil es mir nicht so gut ging an dem Tag. Die Sonne schien zu kräftig, mir war übel. Und nun hatte sich auch noch dieser achtjährige Junge in einem der Schlafzimmer unterm Dach verbarrikadiert. Ich weiss nicht mehr, was das Problem gewesen war, er war wegen irgendetwas beleidigt, das nichts mit mir zu tun hatte. Ich weiss nur, dass in dem Schlafzimmer das Fenster offen stand. Ein Fenster, das so niedrig war, dass man sehr schnell hinausfallen konnte.

Ich konnte Jan nicht einschätzen. Würde er aus dem Fenster springen? Er wirkte damals auf mich wie ein sehr wütender und gleichzeitig sehr sensibler Junge, einer, den man nie richtig zu fassen bekam. Ich hatte Angst. Sein Vater war nicht da, also war ich verantwortlich für Jan. Ich drückte die Klinke herunter. Er stemmte sich gegen die Tür. Ich drückte wieder, diesmal fester. Nach dreimaligem Dagegenstemmen bekam ich die Tür auf, und kaum stand sie offen, rannte er aus dem Zimmer.

Ich sah ihn erst eine halbe Stunde später wieder, als er mit den anderen laut lachend vom Heumachen kam, an der Hand seines Vaters. Und ich weiss noch genau, wie ich da stand, verwirrt und etwas ohnmächtig, und dachte: Worauf hast du dich da bloss eingelassen? Es dauerte nicht mehr lange, bis mir klar wurde: Patchwork ist nicht das, was Bücher und Frauenmagazine versprechen. Patchwork ist schwierig und kompliziert und nicht selten ein Spiel, bei dem alle verlieren. Patchwork ist, Verzeihung, zum Kotzen.

Konventionelle Familien sind auch schwierig und kompliziert, klar. Nur: Alles, was dort kompliziert sein kann, ist es in Patchworkfamilien erst recht. Immer. Man muss sich nicht nur mit seinem Partner in Termin- und Erziehungsfragen abstimmen, sondern im Zweifel auch noch mit zwei weiteren Erwachsenen. Wenn man sich rat- und hilflos fühlt, weil mit den Kindern gerade nichts rundläuft, fühlt man sich noch rat- und hilfloser, denn es sind noch nicht mal die eigenen. Wenn es nervt, dass alles so viel kostet, gibt es im Zweifel noch mehr Konten, auf die jeden Monat Geld fliesst. Hinzu kommen: Zeitmangel, Logistikfragen, Eifersucht.

Der Graben bleibt

Als ich mich in meinen Freund Max verliebte, wusste ich längst, dass er zwei Kinder hat. Wir waren Kollegen bei einer Zeitung, begegneten uns immer wieder auf dem Flur, beim Kaffeeholen, in der Mittagspause, und – der Klassiker – auf der Weihnachtsfeier. Er war 15 Jahre älter als ich und schon eine Weile von seiner Ex-Freundin getrennt. Die zwei Kinder, die aus dieser Beziehung hervorgegangen waren, sah er regelmässig, so viel hatte ich schon über den Flurfunk gehört. Es war nicht das, was ich suchte. Wie das eben so ist: Wir wurden verrückt nacheinander.

Vier Monate nachdem wir zusammengekommen waren, lernte ich seine Kinder kennen. Jan war damals sieben, Henrik zwölf und ich 29. Das erste Treffen fand in Max' Wohnung statt. Wir gaben uns wirklich Mühe. Wir lächelten angestrengt und reichten uns beim Abendessen auf freund­liches Bitten hin Salz und Butter. Die Mühe hielt zwei Wochen an – bis Jan plötzlich auf der Strasse rief: «Sag mal, Papa, aber mit dieser Christine bist du nicht mehr zusammen?» Dabei schaute er nicht seinen Papa an, sondern mich. Solche Sätze fielen von da an immer wieder, ob es nun eine Christine war, die erwähnt wurde, oder (und besonders gern) die Mutter. Kein Problem, dachte ich, er will loyal sein, das verstehe ich – und zog mich dann einfach zurück.

Wer in der Öffentlichkeit darüber spricht, tut oft so, als sei Patchwork das Beste, was einem passieren kann.

Knapp ein Jahr später fuhren wir zusammen in eben jenen Sommerurlaub auf der Hütte, und langsam bekam ich eine Ahnung davon, dass durch diese zusammengeflickte Familie immer ein Graben führen würde, an dem in meiner Vorstellung ich auf der einen, Max und seine Kinder (und vielleicht auch die Ex) auf der anderen Seite stünden.

«Ich hatte Angst, dass er aus dem Fenster fällt oder springt, deshalb habe ich versucht, die Tür aufzubekommen!», erklärte ich Max nach Jans Verbarrikadiernummer. Ich war furchtbar aufgeregt. Würde er mir glauben? Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir nie gross über unsere Patchworksitua­tion gesprochen. Wir waren einfach nur frisch verliebt gewesen. War er ohne Kinder, gingen wir zum Italiener und in die Philharmonie, wir tranken in Bars, bis wir fast vom Hocker fielen, wir hatten grossartigen Sex. Waren die Kinder bei ihm, sahen wir uns seltener, ich arbeitete mehr und traf meine Freunde. Ich mochte seine Jungs, brachte ihnen manchmal Schokolade mit, spielte mit ihnen Tischtennis, schaute Roboterfilme, hatte bei alldem aber keine mütterlichen Gefühle. Das Drama begann nach unserer Rückkehr aus dem Tessin. Ich war schwanger. Wir wollten das Kind sehr. «Wir müssen es deiner Ex und den Kindern so schnell wie möglich sagen», beschwor ich ihn. «Ja», antwortete er. «Lass uns nur die drei Monate abwarten.»

Als er sich im vierten Monat mit ihr traf, fing sie sofort an zu weinen: «Ich musste dir das zweite Kind quasi aus den Rippen schneiden, und du zeugst jetzt einfach so ein drittes?» Max erzählte mir davon später am Abend, wir umarmten uns fest. Am nächsten Morgen, es war noch nicht sieben Uhr, klingelte sein Handy. Ich hörte ihr Geschrei bis ins nächste Zimmer, als plötzlich auch Max in den Hörer brüllte: «Lass mich einfach in Ruhe!»

Aus der Ferne sah Patchwork aus wie eine warme Decke

Patchworkfamilien gehören heute zur Normalität. Unter Sozialhilfe-Empfängern genauso wie bei Brangelina. Was mich wundert: Wer in der Öffentlichkeit darüber spricht, tut oft so, als sei Patchwork quasi das Beste, was einem passieren kann. Jedes Mal, wenn ich in Interviews halbwegs prominente Menschen ein Loblied darauf singen höre, wird mir anders. Meist fällt dieser eine Satz: Klar, es gab auch Schwierig­keiten, aber am Ende haben alle von unserer neuen Familie profitiert. Und ich denke: Sorry, ich glaube euch kein Wort.

Bei uns fing es klassisch an, mit dem Streit ums Geld.

Wer unglücklich ist, soll sich trennen. Bitte, unbedingt! Aber so zu tun, als sei das, was danach kommt – und das ist mit Kindern sehr oft Patchwork – ausschliesslich ein Segen, halte ich für Augenwischerei. Der Glücksanspruch, den schon konventionelle Familien haben, scheint in Patchworkfami­lien umso grösser. Das hat fast etwas Ironisches, denn eigentlich demonstriert eine Patchworkfamilie ja erst einmal: das Unglück. Es hat einen Bruch gegeben, vielleicht sogar ein Drama. Die Eltern mussten lernen, dass auch diese Liebe nicht hält. Die Kinder, dass Mama und Papa eben doch nicht immer da sein werden, jedenfalls nicht gleichzeitig, jedenfalls nicht so, wie sich die Kinder das wünschen.

Aber jetzt – Tusch! – das grosse Happy End. Nun gibt es eine Ersatzmama, einen Ersatzvater, in jedem Fall wieder rosarotes Liebesglück, also alles wieder gut! Wir sind doch erwachsen. Und die Kinder? Lieben es, mal hier, mal dort zu sein, aber vor allem: Im Sommer geht es zweimal in die Ferien! Als müsste der Bruch, der in diesen Familien so offensichtlich ist, besonders gründlich übertüncht werden. Ein neuer Akt bringt eine neue Kulisse. Der alte Anstrich ist noch da, aber immerhin erst mal verdeckt.

Bei uns fing es klassisch an, mit dem Streit ums Geld. Max hatte direkt nach der Trennung eine Zweizimmerwohnung in Laufweite zu seiner Familie gemietet, aus der Not heraus. Sie war ziemlich heruntergekommen, heruntergekommen-­romantisch. Die Trennung hatte ihn einiges Geld gekostet: neue Möbel, Kühlschrank, Waschmaschine, Kinderklamotten und den monatlichen Unterhalt. Die Mutter blieb mit den Kindern in der 120-Quadratmeter-Wohnung. Und da er so wenig Platz hatte, schien auch klar zu sein, wie man es mit den Kindern handhaben würde: Jedes zweite verlängerte Wochenende würde er sie sehen.

Als Max und ich uns drei Jahre später kennenlernten, verbrachten die Kinder aber etwa 40 Prozent der Zeit bei ihm. Fast die Hälfte der Zeit, aber eben nur fast, deswegen musste er den vollen Unterhalt zahlen: Um die 600 Euro damals nach der Düsseldorfer Tabelle. Genauso viel, wie er auch hätte zahlen müssen, hätte er einfach beschlossen, sich um seine Kinder überhaupt nicht mehr zu scheren. Stattdessen fuhr er sie mit dem Rad zur Schule, zum Arzt und zum Fussballverein. Er arbeitete ehrenamtlich als Trainer. Wenn sie nicht einschlafen konnten, massierte er ihnen mit Öl die Füsse. Waren seine Kinder da, schliefen sie im Schlafzimmer, und Max selbst zog um auf die Klappcouch im Wohnzimmer. Ich sah, wie er kaum Geld für sich selbst ausgab und sparte, wo es ging. Ich fand das alles masslos ungerecht. Aber was wusste ich schon. Ich wollte mich nicht einmischen, das schien mir in der Situation das Vernünftigste zu sein.

«Lies das mal»

Nun bekam ich mit, wie sie am Telefon immer öfter über Geld stritten. Wie er denn ein drittes Kind zeugen könne, er verdiene doch viel zu wenig. Dabei zahlte er pünktlich seinen Unterhalt, die Jungs gingen auf eine Privatschule, auf Klassenfahrt, ins Kino, und wenn es die teuren Sneaker sein mussten, mussten es die teuren Sneaker sein. Es war wahnsinnig ermüdend. Ich war genervt. Vor allem, weil ich nur ihre Stimme aus dem Handy kannte, sie aber nicht.

Als ich Sabine, seine Ex, endlich kennenlernte, wölbte sich mein Bauch bereits etwas. Sabine sprach über Max und die Kinder, er sei ja so und so und die Kinder so und so und so. Sie stellte mir keine einzige Frage. Vor dem Treffen war ich sehr nervös gewesen, ich hatte mich schön gemacht, ich wollte gemocht werden, klar, und ich wollte sie mögen. Nicht, dass wir Freundinnen werden mussten. Unser Treffen dauerte exakt 50 Minuten. Ich weiss das noch so genau, weil ich es nicht glauben konnte damals. Sie trank Hugo, ich eine Rhabarberschorle, ich wollte sie richtig kennenlernen und sie mich, das hatte sie gesagt, am Ende hatten wir noch nicht einmal eine Stunde miteinander gesprochen.

Ich war zum ersten Mal in meinem Leben eifersüchtig.

Meine Schwangerschaft verlief so, dass ich versuchte, Sabine zu vergessen, und Sabine versuchte, mich daran zu erinnern, dass es sie gab. Nun, da ich sie kennengelernt hatte, merkte ich, dass ihr jüngster Sohn, Jan, und sie fast wie aus einem Mund sprachen. Max habe die Familie verlassen, die Beziehung sei gescheitert, weil er als freier Schriftsteller damals so wenig verdient habe. Bei unserem Treffen hatte Sabine mir ein Buch über Patchwork empfohlen. «Das ist von Jesper Juul, den kennst du wahrscheinlich nicht, aber lies das mal», hatte sie gesagt.

Manchmal stritten sie so, als wären sie noch ein Paar

Ich las es. Und stellte mit der Zeit fest, dass sie in fast jedem Punkt das Gegenteil von dem tat, was der Profi in Patchworkdingen empfahl. Sie hielt sich nicht an Absprachen. Sie rief um 7 Uhr morgens an oder abends um 23 Uhr, ich sah Max das Zögern an. Was, wenn er nicht ranging, und es war was mit den Kindern? Und ich war zum ersten Mal in meinem Leben: eifersüchtig. Eifersüchtig darauf, dass Sabine auch nach der Trennung so präsent war in Max' Leben. Eifersüchtig auf die zehn Jahre, die sie als Familie verbracht hatten. Eifersüchtig sogar auf die Fotowand über seiner Küchenspüle, an der Bilder von ihr hingen. Eine schlanke dunkelhaarige Frau, die in schwarzer Lederjacke Zitrone über einen Fisch träufelt oder die mit dickem Bauch und Max an der Seite auf einem Ausflugsdampfer sitzt.

Die Ex an der Küchenwand – bei jedem anderen Mann hätte ich die Wohnung verlassen. Bei Max wusste ich: Sie hängt hier nicht als Ex, sondern als Mutter seiner Kinder. Jedenfalls hoffte ich das. Er nahm die Fotos dennoch ab, mir zuliebe.

Es hat schon seinen Sinn, dass man mit den allermeisten früheren Beziehungen abschliesst, den Kontakt abbricht oder wenigstens alltägliche Begegnungen vermeidet. Aber wenn Kinder da sind, geht das nicht mehr. Die Ex-Liebenden müssen, gerade am Anfang, wenn die Wunden noch richtig frisch sind, fast täglich Kontakt haben. Gelddinge klären, die oft schon in der Beziehung schwierig waren. Sie müssen sich aufeinander verlassen können, pünktlich sein und ehrlich. Wie sollte das überhaupt möglich sein?

Jeder Fetzen hatte seine eigene Geschichte, sein Gewebe, seine Farbe und Erinnerung.

Manchmal stritten Max und Sabine mit einer Wucht, als wären sie noch ein Paar. Wie sollte das erst werden, wenn unser Kind auf der Welt war? Mittlerweile hatten wir Erwachsene uns einen Satz angewöhnt, den wir immer wieder als Waffe einsetzten, wenn wir nicht mehr weiterwussten: «Es geht doch um das Wohl der Kinder!» Wir logen uns dabei in die Tasche. Denn es ging uns auch um uns. Sabine konnte nicht loslassen, ihre Kinder nicht, vielleicht auch Max nicht, ich wollte, dass sie vor allem Letzteres tat, und Max wollte endlich seine Ruhe.

Mir ging auf, dass Patchwork nur aus der Ferne aussah wie ein grosses Ganzes, eine gemütliche Decke, die einen wärmt. Aus der Nähe betrachtet, waren es eben doch vor allem Stofffetzen, die eher notdürftig aneinandergenäht worden waren. Jeder Fetzen hatte seine eigene Geschichte, sein Gewebe, seine Farbe und Erinnerung. Was, wenn sie nun gar nicht miteinander harmonierten? Sollte man die Decke wieder auftrennen und nach neuen Fetzen suchen?

Ich war das Greenhorn, die Anfängerin

Es fiel mir schwer, in meine Rolle hineinzufinden. Ich war nicht die Mutter der Jungs und doch mehr als nur die Freundin des Vaters, jedenfalls seit wir zusammenwohnten. Ich zahlte die Hälfte der Miete, natürlich entschied ich mit, ob man bei uns im Stehen pinkeln durfte oder was bei uns gekocht wurde.

Die Frage war nur: Durfte ich auch mal lauter werden, wenn schon wieder gelbe Flecken auf den Badfliesen waren? Oder sollte ich einfach selbst den Geschirrspüler ausräumen? Konnte ich das Tablet eines Jungen einfach an mich nehmen, wenn er zu lang dran sass, oder sollte ich den Vater damit beauftragen? Aber was, wenn der Vater gerade nicht da war? Ich hatte keine Ahnung, wie man mit einem Neun- und einem 14-Jährigen umgeht, in mir wuchs doch gerade erst ein Mensch heran, der noch nicht einmal geboren war. Und doch hatte ich zwei halbwüchsige Jungs zu Hause, die ich, ob ich es wollte oder nicht, mittlerweile miterzog, mitprägte.

Als ich Max hochschwanger ausfragte, wie das eigentlich bei den Geburten seiner ersten beiden Kinder gewesen war, konnte er sich an vieles nicht mehr erinnern. Ich gab es nicht zu, aber ich hatte das Gefühl hinterherzuhinken. Die Trias aus Schwangerschaft, Geburt und Stillen kannten Sabine und Max bereits, sie hatten sie miteinander durchlebt. Ich wusste nichts, war das Greenhorn, die Anfängerin.

Wer es nicht anders kennt, der nimmt die Dinge eben, wie sie sind.

Antonia war vier Tage alt, und ich lag, wund und zugenäht, noch im Bett, da kamen die Jungs zu uns nach Hause. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Max erst Henrik und dann Jan die fast verschwindend kleine Antonia in den Schoss legte. Plötzlich waren alle still, fast andächtig. Als wir den Kindern mitteilten, dass wir ein Baby bekommen würden, und Max sie fragte, wie sie das denn fänden, lautete der Kommentar von Henrik: «So mittel.» Es war das einzige Mal, dass er auf irgendeine Art Unmut über die Situation äusserte. Nun war er – fast 14 und mitten in der Pubertät – ganz gerührt von diesem kleinen Wesen, das kaum die Augen aufbekam. Sein jüngerer Bruder Jan steckte dem Baby den kleinen Finger in den Mund und jauchzte kurz auf, als es zu saugen begann. Irgendetwas löste sich bei ihm. Nach ein paar Monaten hörte Jan auf, von seiner «Halbschwester» zu reden, er sagte einfach: «Das ist meine Schwester Antonia.»

Zu ihrem ersten Geburtstag schenkten die Jungs ihr ganz stolz ein Playmobilmännchen, das nicht mehr die Mutter, sondern sie selbst ausgesucht hatten. Nach zwei Jahren, als Antonia ihnen ständig hinterherlief und begeistert nach «Jan!» und «Henrik!» schrie, tendierten sie schon, mal gerührt und mal genervt, Richtung Normalität.

Euer Papa ist auch mein Papa

Heute, nach mehr als drei Jahren, sind sie die meiste Zeit einfach zwei Brüder und eine Schwester. Die Jungs werden an den Tagen, an denen sie bei uns sind, immer etwas weicher, kindlicher, auch der mittlerweile 17-Jährige. Mich rührt es, wenn ich die Dreijährige zu ihren Brüdern sagen höre: «Ihr geht jetzt zu Sabine, weil Sabine ist ja eure Mama, aber bald kommt ihr wieder, weil hier wohnt euer Papa, und das ist auch mein Papa.» Es ist irre, aber es ist so. Sie kennt es nicht anders. Sie hatte nie eine klassische Familie: Mutter, Vater, Kind. Und wer es nicht anders kennt, der nimmt die Dinge eben, wie sie sind.

Patchwork bringt uns an den Rand dessen, was wir als Paar aushalten können.

Die Logistik ist nach wie vor anstrengend. Bei uns herrscht an Weihnachten nicht nur Gemütlichkeit, es gibt immer auch eine Staffelübergabe, meistens am 25. Dezember. Die Sommerferien werden neun Monate im Voraus aufgeteilt. Wir diskutieren aus, welche Partei diesmal den Geburtstags­kuchen backt. Wir schieben unterschiedliche Geldbeträge auf unterschiedliche Konten, in unterschiedlichen Konstellationen. Und jedes Mal, wenn Termine anstehen, berufliche oder private, lautet die Frage: Sind da die Kinder bei uns?

Es bleibt ein trügerischer Friede

Die Kinder aber scheinen ihren Frieden gemacht zu haben mit den Entscheidungen, die wir Erwachsenen für sie getroffen haben. Nur manchmal, wenn wir uns an Geburts­tagen doch einmal alle zusammen treffen, sehe ich ihre Blicke, während sich ihre Eltern zur Begrüssung umarmen. Dann zucken die Jungs und ich unmerklich zusammen. Ich aus vergangen geglaubter Eifersucht. Und die Jungs, weil dieser letzte Funke Hoffnung eben einfach doch nie so ganz verschwindet.

Ich habe keine Ahnung, ob unsere Familie auf Dauer funktionieren wird. Zu viele Komplikationen, zu viele lockere Zusammenschlüsse, die unter einen Hut gebracht werden müssen. Das glaube ich sofort. Unter uns Erwachsenen herrscht Waffenstillstand, aber es bleibt ein trügerischer Frieden, ein ungutes Lauern auf den nächsten Kampf. Das Vertrauen, wenn es denn je da war, ist verloren gegangen.

Aber da ist noch etwas anderes: Liebe. Bisher ist sie nicht verschwunden zwischen Max und mir. Sie ist sogar stärker geworden, trotz Türenknallen und Gebrüll, trotz Anrufen von der Ex, dem Zwischen-allen-Stühlen-Sitzen und der ewigen Angst vor diesem einen Satz: Du bist nicht meine Mutter! Patchwork bringt uns an den Rand dessen, was wir als Paar aushalten können. Aber ein Paar sind wir noch, nicht nur Eltern oder Ersatzeltern.

Wenn mir gerade wieder alles zu viel wird, beobachte ich einfach meine Tochter. Antonia ist gerade in einen neuen Kindergarten gekommen. Jedes Kind soll ein Familienfoto mitbringen, das über der Garderobe aufgehängt wird. Leider haben wir gemerkt, dass wir kein aktuelles haben, auf dem alle fünf drauf sind. Ich rechnete damit, nun eine längere Erklärung abgeben zu müssen. Da stellte sich Antonia einfach vor ihre neuen Erzieherinnen und sagte schulter­zuckend: «Wir müssen erst warten, bis meine Brüder aus dem Urlaub kommen. Die sind nämlich gerade mit Sabine weg, ihrer Mutter. Das dauert bei uns noch ein bisschen.»

Wir warten nun also darauf, dass die Jungs wiederkommen.

Zur Geschichte: Die Autorin wollte so ehrlich wie möglich über ihre Patchworkfamilie schreiben, aber die Kinder schützen. Die Namen der Autorin und aller vorkommenden Personen und Orte wurden deswegen geändert.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch