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Gerade so sind sie eben nicht

Schizophrene Menschen werden äusserst selten gewalttätig. Die meisten sind von Angst zerfressen.

Der Wahnsinnige vom Dienst: Jack Nicholson in «The Shining». Foto: Getty Images
Der Wahnsinnige vom Dienst: Jack Nicholson in «The Shining». Foto: Getty Images

Noch wissen wir nicht, warum die 75-Jährige, psychisch schwer gestörte Frau vor zwei Wochen einen 7-jährigen Buben in Basel mit einem Messer tötete. Die Täterin soll unter einer paranoiden Schizophrenie leiden, ist zu lesen, sie war bereits wegen einer Straftat in der Psychiatrie interniert gewesen.

Die Öffentlichkeit tendiert dazu, Schizophrenie und Gewalt als Synonyme wahrzunehmen, wobei ihnen diese Gewalt immer besonders grausam vorkommt. Diese Wahrnehmung scheint sich ein ums andere Mal zu bestätigen. Regelmässig lesen wir von Männern, die ihre Eltern zerstückeln, Wahnsinnigen, die mit einem Messer auf Politiker einstechen, Amokläufern, die mit einer Axt durch die Strassen laufen, Männern, die Frauen bestialisch ermorden oder ohne einen ersichtlichen Grund Passanten angreifen. Und von denen es jeweils heisst, sie seien nicht zurechnungsfähig gewesen.

Liessen sich diese Menschen zu einem Bild verdichten, dann ist es die Fratze von Jack Nicholson in Stanley Kubricks «Shining» nach einem Roman von Stephen King, der selber eine schreckliche Kindheit durchlitt und mit Vorliebe Horrorgeschichten schreibt. Nicholson spielt in Kubricks Film den Schriftsteller Jack Torrance, der mit Frau und Sohn ein leeres Berghotel in den Bergen von Colorado den Winter über hütet. Als seine Frau realisiert, dass ihr Mann nicht an seinem neuen Theaterstück schreibt, sondern seit Monaten den einen selben Satz in seine Schreibmaschine haut, «All work and no play makes Jack a dull boy», ist es zu spät: Jack, wie er auch im Film heisst, hat den Verstand verloren. Und will, wie schon ein Kellner des Hotels vor vielen Jahren, seine Familie «korrigieren», das heisst töten.

«In einem von 2000 Fällen kann es zur Gewaltanwendung kommen.»

Etwa ein Prozent der Bevölkerung leidet an Schizophrenie, die Zahl ist über alle Zeiten und Kulturen konstant und wird heute, jedenfalls zum Teil, auf eine Stoffwechselstörung im Gehirn zurückgeführt. Oft wächst sich die Krankheit nach einigen Episoden aus, manchmal wird sie chronisch, wieder andere Kranke durchleiden Phasen und leben zwischendurch unauffällig.

Von diesem einen Prozent der Erkrankten kann es in einem von 2000 Fällen zur Gewaltanwendung kommen. Die Gefahr steht also in absolut keinem Verhältnis zur Angst vor ihr. Die meisten Schizophrenen erleben sich selber als Opfer. Viele durchleiden schreckliche Ängste. Sie hören Stimmen, die ihnen im Befehlston sagen, dass ihr Leben nichts wert sei. Sie können nicht kohärent denken, reden unverständlich, manche verstummen ganz.

Und weil der Grössenwahn die klinische Schwester der Paranoia ist, fühlen sich schizophrene Patienten oft in Wahnsystemen gefangen, bei denen ein Geheimdienst hinter ihnen her ist und in den Büschen Scharfschützen auf sie lauern. Schlagzeilen, ein absichtsloser Satz in einem Bus enthalten Botschaften, welche nur die Kranken deuten können. Manche Schizophrene reden laut oder leise vor sich hin, andere laufen ziellos durch die Strassen, wieder andere schliessen sich zu Hause ein, lassen sich auf Sekten ein oder sehen den Weltuntergang kommen. Medikamente können die Symptome dämpfen, aber auch eine stabile psychotherapeutische Beziehung ist entscheidend, weil Schizophrene ein grosses Misstrauen haben und wegen ihrer Symptome komplett vereinsamt sind. Sie leben in einer Hölle, die sie selber geschaffen haben.

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