Genug von Rom

Die feministische Theologin Doris Strahm tritt mit fünf weiteren prominenten Frauen aus der katholischen Kirche aus.

In den Jubel über den angeblichen Reformpapst Franziskus hat Doris Strahm nie eingestimmt.

In den Jubel über den angeblichen Reformpapst Franziskus hat Doris Strahm nie eingestimmt. Bild: PD

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Wer sich mit feministischer Theologie oder interreligiösem Dialog befasst, kommt an Doris Strahm nicht vorbei: Die 65-Jährige hat zu diesen Themen an verschiedenen Universitäten als Lehrbeauftragte doziert, Artikel und Bücher verfasst. Die promovierte Theologin hat den «Interreligiösen Think-Tank» und die «IG feministische Theologinnen» mitbegründet.

Strahm, eine Intellektuelle und Theologin aus Leidenschaft, gehört zu den bekanntesten Schweizer Vertreterinnen ihres Fachs. Nur: Eine kirchliche Anstellung hatte sie nie. Doch war sie immer Mitglied der katholischen Kirche und hat sich als freie Publizistin mit dieser auseinandergesetzt. Dabei hat sie stets auf Veränderung gehofft.

Doch damit ist es nun vorbei. Gestern hat sie ihren Abschied von der Kirche öffentlich gemacht. «Den römisch-katholischen Machtapparat mit seiner patriarchalen Theologie wollen wir mit unserer Mitgliedschaft nicht länger unterstützen», heisst es in einem mit «Wir gehen!» überschriebenen Communiqué. Mit Strahm geben fünf weitere prominente Schweizer Feministinnen ihren Austritt bekannt. Es sind dies die frühere Zürcher Stadträtin Monika Stocker, die ehemaligen Nationalrätinnen Cécile Bühlmann und Ruth-Gaby Vermot, Regula Strobel, Theologin und Hotelière, sowie Anne-Marie Holenstein. Als frühere Direktorin des Hilfswerks Fastenopfer war sie am stärksten an die Kirche gebunden.

Abtreibung ist kein Auftragsmord

Wie Doris Strahm und Cécile Bühlmann, die Initiantinnen der Allianz, sind die Frauen älter, die meisten im Pensionsalter. Sie alle haben keinen kirchlichen Job zu verlieren. Gemeinsam ist ihnen auch, dass sie ihr bis­heriges Leben lang glaubten, in der Kirche etwas bewirken zu können für die Sache der Frauen. Der Zeitpunkt des Austritts kommt laut Strahm nicht von ungefähr. Papst Franziskus, der zu Beginn Hoffnungen auf Reformen geweckt hatte, ist dabei, diese umso nachhaltiger zu enttäuschen.

Die päpstliche Äusserung, Abtreibung sei wie ein Auftragsmord, war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: «Frauen in einer Notlage werden zu Kriminellen gestempelt, während Verhütungsmittel streng verboten sind», heisst es im Schreiben. Die Frauenfeindlichkeit habe in der katholischen Kirche System: Kleriker predigten eine menschenfeindliche ­Sexualmoral und stellten den Schutz der zölibatären Männerkirche über alles. Dies zeigen die viele Missbrauchsfälle und deren Vertuschung.

Den Blick über das Christentum hinaus gerichtet

In den Jubel über den angeblichen Reformpapst hat Strahm nie eingestimmt. Kritisch kommentierte sie dessen Lehrschrift «Amoris Laetitia». Darin bezeichne Franziskus das traditionelle Modell von Ehe und Familie sowie die Komplementarität der Geschlechter als gottgewollt. Damit schreibe er diese für alle Ewigkeit fest. Empört hat Strahm auch das definitive Nein zum Frauenpriestertum, das im letzten Mai aus Rom kam.

Natürlich, Strahm ist nicht auf Franziskus allein fixiert. In ihren Artikeln: «Ist Religion schlecht für Frauen?» oder «Frauen und Religion – (k)ein Traumpaar?» richtet sie den Blick über das Christentum hinaus. Den Austritt versteht sie als Zeichen. Äusserlich wird er für sie kaum etwas ändern: Wie bisher wird sie frank und frei über feministische und kirchliche Belange schreiben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2018, 21:11 Uhr

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