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Generation Stubenhocker

«Heute nicht» – viele Junge gehen kaum noch aus und verbringen ihre Abende auf dem Sofa. Über die neue Lust am unsozialen Faulenzen.

Besser als Ausgang: Zu Hause mit warmen Socken und dem E-Reader. Bild: plainpicture.com
Besser als Ausgang: Zu Hause mit warmen Socken und dem E-Reader. Bild: plainpicture.com

Liebeskummer? Migräne? Blähungen? Die Frau im Nachthemd hat Schmerzen, das erkennt man auf dem Bild sofort. Es verbreitet sich auf Twitter und Instagram gerade wie blöd. Was mit der leidenden Frau los ist, erklärt der Satz darüber: «Wenn niemand absagt – und du tatsächlich ausgehen musst.» Ein Witz, natürlich. Aber einer, der deshalb tausendfach geteilt und kommentiert wird, weil er ein Lebensgefühl von Millionen jungen Menschen trifft: das Glück des Zuhausebleibens. Es klingt komisch, aber Pläne abzusagen ist der Fetisch einer ganzen Generation. Junge Erwachsene zwischen 20 und Ende 30 bleiben am liebsten daheim. Das ist nicht nur ein Eindruck, das ist inzwischen auch statistisch belegt.

Wie weit die neue Leidenschaft um sich greift, konnte man bisher zum Beispiel daran erahnen, wie viele Artikel es auf Ratgeberseiten dazu gibt: «Wie man Pläne absagt, ohne ein Arsch zu sein.» «Wie man Pläne absagt, ohne Freunde zu verlieren.» «Wie man Pläne per SMS absagt – Tipps vom Experten.» Für sich selbst zu bleiben, statt unter Leute zu gehen, ist inzwischen schick, «Social Anxiety», also soziale Angst, ein lässiges Lifestyle-Attribut.

Die neue Lust am unsozialen Faulenzen

Das englische Wort «Introvert», eigentlich eine neutrale Bezeichnung für zurückhaltende Menschen, schreibt man sich heute augenzwinkernd ins Dating-Profil oder trägt es als Slogan auf gemütlichen Kapuzenpullis und Kaffeetassen. «Cancelled Plans» sind längst kein Grund für schlechte Laune mehr, sondern zum Beispiel der Name einer hochpreisigen Duftkerzenmarke aus Seattle, die in hippen Blogs empfohlen wird. Die Aromen heissen, kein Witz, «Französischer Abgang», «Sozialphobie» oder «Bitte nicht stören».

«Bitte nicht stören»: Aufdruck einer hippen Duftkerzenmarke – und Lebensgefühl einer Generation. Foto: cancelledplans.us
«Bitte nicht stören»: Aufdruck einer hippen Duftkerzenmarke – und Lebensgefühl einer Generation. Foto: cancelledplans.us

Die neue Lust am unsozialen Faulenzen hat bereits eigene Massenmedien hervorgebracht. Etwa den gigantisch beliebten Newsletter «Girls' Night In», eine Art «Vogue» für Stubenhocker. Drei Jahre nach Gründung hat er mehr als 150'000 Abonnentinnen. Die aktuelle Ausgabe gibt Tipps, wie man achtsam mit dem Jahresendstress umgeht, empfiehlt Hausschuhe und ein Rezept für Stampfkartoffeln.

Hätte das vor 15 Jahren jemand geahnt? Damals zeigte «Sex and the City» ein Leben, das im Grunde nur in teuren Grossstadtrestaurants und auf Stehempfängen stattfand. 2019 aber schickte das Modehaus Viktor & Rolf auf der Pariser Fashion Week Kleider über den Laufsteg, die als Aufdruck Sätze wie diesen trugen: «Sorry I'm Late I Didn't Want to Come». Die Daheimbleiber haben sich auch einen Namen gegeben: «Homebodys». Das «Urban Dictionary» für aktuellen Strassenjargon definiert einen Homebody als «jemanden, der die Wärme und einfachen Freuden des Daheimseins geniesst».

Sind ausgerechnet die Millennials, die als erste Generation die digitale Freiheit erlebten, die für ihre Weltreisen und den Wunsch nach Selbstverwirklichung bekannt wurden, die Neo-Biedermeier der Gegenwart? Die kurze Antwort ist: Ja.

Das zeigt etwa die repräsentative deutsche Studie «Freizeit-Monitor». Das Ergebnis in diesem Jahr: Immer mehr junge Erwachsene verbringen ihre Freizeit daheim. Die Zahl der Menschen zwischen 18 und 24, die mindestens einmal die Woche «etwas mit Freunden unternehmen», ist seit 2004 um 44 Prozent eingebrochen, in Bars gehen 56 Prozent weniger. Dabei weist der Trend eigentlich in die andere Richtung. Andere Altersgruppen, etwa Pensionierte und sogar Paare mit Kindern, gehen nämlich mehr aus als noch vor 15 Jahren. Auch in anderen westlichen Ländern zeigen Studien diese Tendenz: Daheim bleiben ist der Lifestyle speziell der Jungen.

Dank Tinder lässt sich sogar Sex entspannter vom Sofa aus anbahnen als in jeder Bar.

Die Frage ist: Warum? Am Geld liege es jedenfalls nicht, sagt Ulrich Reinhardt, Professor für Zukunftsforschung und Herausgeber der deutschen Freizeitstudie: «Die Alternativen sind einfach zu attraktiv.» Warum einen Tisch reservieren und quer durch die Stadt fahren, ja warum überhaupt eine Hose anziehen, wenn der neue Vietnamese sein Menü per Onlinelieferdienst an die Haustüre bringt? Warum ins Kino, wo der aktuelle Scorsese auch auf Netflix läuft? Das Breitbandnetz und die Digitalkonzerne aus Kalifornien haben weite Teile der urbanen Freizeitgestaltung domestiziert und in ein sofafreundliches Format gebracht. Dank Tinder lässt sich sogar Sex entspannter vom Sofa aus anbahnen als in jeder Bar.

Es wäre aber nicht ganz fair, alles nur auf die Bequemlichkeit zu schieben. Wer Professor Reinhardt eine Weile zuhört, nimmt auch andere Argumente wahr. Zum Beispiel die Dauerüberforderung durch die Dauervernetzung. Der Begriff Fomo, kurz für «Fear of Missing Out», bezeichnet die Angst, etwas zu verpassen. Aus ihr heraus mästet man seinen Kalender schon Wochen im Voraus so mit Terminen, dass man dann, wenn es so weit ist, am liebsten abspringen möchte. Die Absagekultur junger Erwachsener ist wohl eine Vorstufe zum kompletten Ausklinken aus der Gesellschaft, von dem man seit Jahren mit Grusel aus Japan hört. Dort verrammeln sich junge Menschen, die sogenannten Hikikomori, aus Überforderung und Versagensangst jahrelang in ihren Kinderzimmern.

Gestresste und überforderte Generation

In den Blogs und Magazinen der Homebodys stösst man nicht zufällig immer wieder auf Worte wie Stresslevel, Selbstpflege und Achtsamkeit. Alisha Ramos, die 29-jährige Gründerin des Newsletters «Girls' Night In» schreibt, sie habe 2016 ein Burn-out erlitten – und daraufhin beschlossen, eine «bedeutsame Gemeinschaft» in einer «immer einsameren und stressigeren Welt» zu gründen. Ein Grund für den Zusammenbruch: der Wahlsieg von Donald Trump.

«Du schuldest anderen Menschen keine Zeit»: Ein Ratschlag von «Girls' Night In» auf Instagram.

Der Durchbruch von Homebody und Hygge, von Absagen und Abhängen, von Netflixen und Nichtstun ist vergleichbar mit dem Biedermeier: Er ist eine Reaktion auf den viel zitierten Wunsch nach Vereinfachung in unseren globalisierten Zeiten. Auf das Schrumpfen von Familien, auf hohe Scheidungsraten und auf Studienpläne, bei denen kaum noch Zeit für Feiern ist.

Man kann das alles für Luxusprobleme halten, aber sind die weniger dringend? Die Zahl der Kinder und Jugendlichen in der Schweiz, die sich psychiatrisch behandeln lassen, wächst seit Jahren. Auch an Universitäten steigt das Stresslevel: Studierende nehmen wegen Leistungsdruck und Erschöpfung immer häufiger Hilfe in Anspruch. Die Mischung aus dem Gefühl des Verpassens und nie endenden Horror-News per Push-Mitteilung entfaltet eine lähmende Wirkung.

Wer seine Faulheit dauerhaft als Wellness verklärt, redet sich ein Verhalten schön, das langfristig in Isolation und Unglück führt.

Pläne abzusagen und einfach mal daheim zu bleiben, kann dagegen ein gutes Mittel sein. Der dänische Psychologe Svend Brinkmann schreibt in seinem aktuellen Bestseller «The Joy of Missing Out», dass wir in einer Gesellschaft «der Einladungen, Verführungen und Sonderangebote» lebten. Aber wir übten viel zu selten, Nein zu sagen; uns auszuklinken. Das Glück des Verpassens zu spüren, statt die Angst davor.

Das heisst natürlich nicht, dass ein Leben als Einsiedler in Wollsocken glücklich macht. Wer seine Faulheit dauerhaft als Wellness verklärt, redet sich ein Verhalten schön, das langfristig in Isolation und Unglück führt. Schliesslich ist die Begegnung mit Leuten immer noch eine der besten Methoden, auf andere Gedanken zu kommen. Wer sich am Ende eines faulen Tages doch noch überwindet, mit Freunden vor die Tür zu gehen, wird es selten bereuen – egal wie viele Folgen «Game of Thrones» an diesem Abend ungeschaut geblieben sind oder wie viel Geld das Taxi gekostet hat. Der soziale Motor lässt sich erstaunlich gut fremdstarten.

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