Geht doch nach Bahrain!

Das Expat-Ranking sagt, wir seien unfreundlich. Zu Recht? Und: Was macht der Gewinner besser?

Die Hauptstadt Bahrains, Manama, soll laut Internations ein Paradies für Expats sein.

Die Hauptstadt Bahrains, Manama, soll laut Internations ein Paradies für Expats sein. Bild: Reuters

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Bahrain wurde 2018 zum besten Ort für Expats gekürt. Freundlich seien die Leute dort und man finde problemlos neue Freunde – nicht so wie in der Schweiz. «Ich fühle mich nicht wie ein Expat. Ich fühle mich zu Hause», sagt ein Inder zur Expatorganisation Internations, die hinter dem Ranking steht. Und: Über 70 Prozent der Befragten könnten barrierefrei kommunizieren, also auf Englisch.

Liegt es daran, dass über die Hälfte von Bahrains Bevölkerung ebenfalls Ausländer sind? Da ein Prozent der Expats angibt, mehrheitlich lokale Freunde zu haben, kann davon ausgegangen werden, dass die Expats in Bahrain vor allem unter sich bleiben und sich gegenseitig gute Freunde sind.

Der Fairness halber muss man sagen, dass es einfach menschlich ist, wenn Gleiche gerne unter Gleichen bleiben. Nehmen wir als Beispiel ein Erasmus-Semester. Die für ein, zwei Semester im Ausland Studierenden sind dort Teil eines internationalen Zirkels, der zwar in der Realität aller vor Ort Wohnenden eingebettet ist, und doch wie eine Art Paralleluniversum funktioniert. Alle sind neu, alle suchen neue Freunde, alle sprechen Englisch.

Das Universum der Gleichen

Erasmus-Party hier, Wochenendausflug dort, gleich noch die Wohnung mit denselben Leuten teilen und von der vor Ort ansässigen Erasmus-Organisation immerfort neue Beschäftigungsangebote geliefert bekommen, an denen man zusammen mit anderen Austauschstudierenden teilnehmen kann.

Dann liegt es zu grossen Stücken an einem selbst, wie viel Energie man aufwenden möchte, um aus der kuscheligen Blase herauszutreten und sich in die anderen möglichen Leben, welche das neue Land zu bieten hat, stürzen möchte. Denn: Je länger man sich so in seinem Kreis dreht, desto schwieriger oder anstrengender kann es werden, sich aus einem völlig anderen Umfeld neue Freunde zu suchen.

Versucht man es trotzdem, kann einem dort tatsächlich die Sprache in die Quere kommen. So wie offenbar in Saudiarabien. Dort finden es Expats laut Ranking schwierig, durch den Alltag zu kommen. Denn die Leute würden hauptsächlich Arabisch sprechen.

In der Tat, Englisch ist toll. Denken Sie an all die Leute, mit denen Sie sich in dieser Weltsprache unterhalten können, man kann Shakespeare im Original lesen, Netflix ohne Untertitel schauen, seine Karrierechancen erhöhen, ins Ausland studieren gehen. Toll! Doch versagt die Bildung, oder ist man mit anderen Hindernissen konfrontiert, bleiben einem viele Vorzüge von Fremdsprachen verwehrt.

Aus der Umfrage ist aber nicht zu lesen, dass die Expats genau diesen Umstand bedauerlich für die lokale Bevölkerung des jeweiligen Gastlandes finden – sondern primär für sich selbst.

Der erste Platz trügt

Denselben Anschein machen denn auch die anderen Bewertungspunkte im Expatranking. Nebst Platz 1 in der Subkategorie «Ease of settling» – der mit der Freundlichkeit – gewinnt Bahrain auch in der Kategorie «Working abroad».

Berichte von Menschenrechtsorganisationen sind demnach bestimmt nicht auf Expats bezogen, denn für viele ausländische Arbeitskräfte in Nicht-Expat-Jobs sind die Arbeitsbedingungen äusserst prekär. In den vergangenen Jahren sind immer wieder Arbeiter ums Leben gekommen, wegen schlechter Arbeitsausrüstung oder nicht eingehaltener Sicherheitsvorschriften. Auch für lokale Arbeitnehmer in weniger prestigeträchtigen Berufsklassen ist der Arbeitsalltag oft düster, geprägt von mangelnden Rechten und Ausnutzung. Bisher gelten für lokale Arbeitnehmer die internationalen Standards der International Labor Organization (ILO) nicht.

Wieder eingeführt wurde in Bahrain dafür die Todesstrafe. 2017. Laut Amnesty International und Human Rights Watch hat sich die Lage der Menschenrechte in Bahrain im letzten Jahr deutlich verschlechtert. Menschenrechtsaktivisten wurden inhaftiert, die einzige unabhängige Zeitung eingestellt, Opposition gegen die Herrschenden wird nicht geduldet und Proteste oft blutig niedergeschlagen. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist nicht verboten, dafür aussereheliche Beziehungen.

Angesichts dessen kann man froh sein, in einem Land zu wohnen, das Expats künftig offenbar vermehrt meiden wollen. Denn im Vergleich zu Bahrain darf man hier in einer doch gut funktionierenden Demokratie leben und kommt jeden Tag in den Genuss zahlreicher Annehmlichkeiten eines Rechtsstaats, die hier einem Grossteil der Bevölkerung zustehen und nicht Teil einer Upper-Class-Infrastruktur sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2018, 21:02 Uhr

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