Zum Hauptinhalt springen

«Fussball ist im Mittelalter stehen geblieben»

Daniel Cohn-Bendit hat ein Buch über sein Leben und den Fussball geschrieben. Der Grünen-Politiker liebt den Sport – trotz allem.

«Rund um den Fussball ist so viel Geld im Spiel, dass es einen vor und nach dem Spiel stört»: Daniel Cohn-Bendit. Foto: Reto Oeschger
«Rund um den Fussball ist so viel Geld im Spiel, dass es einen vor und nach dem Spiel stört»: Daniel Cohn-Bendit. Foto: Reto Oeschger

Die Welt brennt, das Klima erhitzt sich, und Sie schreiben über Fussball.

Was ist das für ein Einstieg! Wenn sich das Klima erwärmt, heisst das ja nicht, dass es nicht auch andere Themen gibt. Dieser moralische Imperativ, dass man nur noch übers Klima reden kann, ist absurd.

Wird die Bedeutung des Fussballs unterschätzt? Kann man darauswas fürs Leben lernen?

Albert Camus sagt ja, alles was er übers Leben gelernt habe, habe er im Theater und beim Fussball gelernt. So war es auch für mich: Ich habe viel gelernt in und mit dem Fussball. Aber ich ver­lange nicht, dass jeder so auf Fussball reagieren soll wie ich.

Camus war Torhüter. Auf welcher Position haben Sie am liebsten gespielt?

Mal stand ich im Tor, mal war ich Libero, dann spielte ich vorne. Ich war ein flexibler, mittelmässiger Spieler.

Waren Sie ein Teamplayer?

Ja, natürlich! Wir waren Freizeitfuss­baller, haben Hell gegen Dunkel gespielt und uns am Samstagnachmittag ausgetobt. Alles war halb so ernst. Wir hatten einfach Lust, zu spielen, zu rennen und so zu tun, als ob wir Fussball spielen könnten. Danach ging es uns besser.

Waren Sie beim Spiel auch mal eigensinnig?

Jeder ist beim Spielen eigensinnig, auch bei «Monopoly» oder bei «Mensch ärgere dich nicht!». Das ist ganz normal, Es ist ein Spiel: S-P-I-E-L!

«Rund um den Fussball ist so viel Geld im Umlauf, dass es einen vor und nach dem Spiel stört.»

Es gibt ja diesen Tiki-Taka-Fussball, ein Team spielt als Netzwerk. Nur noch eine Ballberührung ist erlaubt, bei dreien wird ein Spieler entlassen. Ein Abbild der digitalen Gesellschaft mit ihren Netzwerken?

Der Spitzenfussball ist heute kunstvoll geworden. Das Problem ist aber, dass diese Kunst konterkariert wird durch eine überstarke Physis. Mit Geschwindigkeit und Physis kann man die Qualität von Fussball stark mindern.

Nun gibts einige andere unschöne Entwicklungen rund um den Fussball.

Ja, das ist grauenhaft, rund um den Fussball ist so viel Geld im Umlauf, dass es einen vor und nach dem Spiel stört. Wenn der Ball rollt, ist man dann aber trotzdem vom Spiel fasziniert. Nach dem Abpfiff kann man dann wieder politisch urteilen.

Sie bewunderten Michel Platini als grossartigen Fussballer, ­bezeichnen ihn später zeitweilig gar als Freund – danach wurde gerade er zu einem höchst umstrittenen Funktionär im Europäischen ­Fussballverband.

Als Funktionär war er gut, er hat versucht, den Fussball zu regulieren. Enttäuschend war seine Beziehung zu Sepp Blatter, diese undurchsichtige Millionengeschichte. Aber als Funktionär machte er schon richtige Überlegungen, dass man den Fussball nicht dem Geld unterwerfen sollte.

Platini hat sich von Blatter zwei Millionen zahlen lassen, ohne dass ein Rechtsgrund belegt war.

Kann sein, da blicke ich nicht durch.

Sie erwähnen in Ihrem Buch den Hypernationalismus bei einem Teil der Fans, etwa in Osteuropa. Gibt es den inzwischen auch auf unseren Fussballplätzen?

Ja, es gibt diesen Hypernationalismus inzwischen auch bei uns, auch in der Schweiz. Das ist störend, genauso wie der Hyperlokalismus, die Aggressivität der Fans bei nationalen Meisterschaften. Er ist Ausdruck der Gewalttätigkeit unserer Gesellschaft. Ich habe manchmal den Eindruck, dass der Fussball die letzte Bastion des supermännlichen Machismo ist. Das schadet ihm enorm.

«Nur im Männerfussball soll es keine Schwulen geben – das ist eine ­logische Unmöglichkeit!»

Ist der Fussball deshalb einer der letzten Bereiche in der liberalen Gesellschaft, wo die Homosexualität noch tabu ist?

Ja, ganz im Gegensatz zum Frauen­fussball! Nur im Männerfussball soll es keine Schwulen geben – das ist eine ­logische Unmöglichkeit! Wenn sich Fussballer nicht trauen, sich zu outen, dann ist das sehr bedenklich. Bei den Frauen ist das inzwischen ganz selbstverständlich, sie artikulieren sich auch politisch mehr als die Männer, etwa ­Megan Rapinoe, die Kapitänin des ­US-Teams. Im Vergleich zu ihr ist der Männerfussball im Mittelalter stehen geblieben: verklemmt.

Schauen Sie Frauenfussball?

Ja, natürlich. Ich war von der Frauen-WM begeistert. Ich bin in der Regel eigentlich für Frankreich, aber diesmal war ich für die USA, weil ich von dieser Nationalelf fasziniert war.

Nun hält sich der Rassismus ja auch auf den Zuschauerrängen hartnäckig. Da steigen immer wieder rassistische Blasen hoch gegen Fussballer, jüngst gegen einen Spieler von Hertha Berlin oder wie letztes Wochenende gegen einen Stürmer von Porto.

Es gibt nun mal diesen Rassismus in der Gesellschaft. Deswegen müsste man da viel härter durchgreifen. Bei jedem aufkommenden Rassismus auf den ­Zuschauerrängen muss der Schieds­richter das Spiel unterbrechen, basta! Fünf Minuten Überlegung, und wenn es nochmals vorkommt, wird das Spiel ganz abgebrochen und für die Heimmannschaft verloren gegeben. Basta! Da war übrigens auch Platini dafür. Wenn die Heimmannschaft dreimal nach einem Spielabbruch verliert, werden sich die Fans künftig überlegen, was sie machen.

Sie und Ihre Familie haben stark unter dem Nationalsozialismus und Rassismus gelitten – sieht Gespenster, wer befürchtet, dass so etwas ­wiederkommen könnte?

Nein, Rassismus und Antisemitismus sind nicht verschwunden. Ein Teil unserer Gesellschaft in Frankreich, Deutschland oder der Schweiz ist rassistisch, und ein Teil ist antisemitisch. Wenn die Mehrheit ihnen nicht klarmacht, dass sie das nicht will und nicht toleriert, dann überlassen wir den Antisemiten das Feld.

Lange wurde der Faschismus als überwundene historische Epoche gesehen, jetzt steigt die Beunruhigung, dass er irgendwann zurück sein könnte. Wie sehen Sie das?

Es beunruhigt mich schon, dass es ­heute wieder Bewegungen gibt, die eine völki­sche Reinheit propagieren. Es wird eine andere autoritäre Form der Gesellschaft als Faschismus sein, aber auch sie will Menschen ausschliessen, die nicht zu dieser Reinheitsvision passen. Das kann sich jederzeit wiederholen. Wenn in der Schweiz das Volk über drei neue Minarette entscheiden soll … oder waren es nur zwei?

Wenige, ja.

Das zeigt doch, wie labil unsere libe­rale Gesellschaftsvorstellung ist. Man muss gegen Homophobie, Rassismus, Intoleranz gegenüber anderen Religionen Flagge zeigen, immer, immer und immer wieder!

«Das Volk hat nicht immer recht. Das ist das Problem von Demokratien.»

Wenn wir schon bei Flaggen sind: Die EU, die für Sie immer eine wichtige humanistische und sozialliberale Utopie war, war schon in besserer Verfassung.

Wenn etwas schwierig ist, heisst dies nicht zwingend, dass es auch falsch ist. Wir brauchen Europa angesichts der Konflikte in der Welt der Vormachtstellung der Chinesen, der Amerikaner und Russen immer mehr. Wir werden unsere Vorstellungen von Zivilisation und Freiheit nur ver­teidigen können, wenn wir ein Europa haben. Das werden auch die Schweizer irgendwann einmal verstehen.

Ist es von aussen nicht ­nachzuvollziehen, warum sich ein Land mitten in Europa so schwer damit tut? Nur schon mit seinen ­bilateralen Beziehungen zur EU?

Nein, das ist nicht schwierig zu verstehen. Das Volk hat eben nicht immer recht. Das ist das Problem von Demokratien, damit müssen wir leben.

Ist die europäische Identität im ­Vergleich zu den nationalen ­Identitäten einfach zu schwach ­verankert?

Das braucht nun mal Zeit. In Frankreich und Deutschland hat es über ein Jahrhundert gedauert, bis sich eine demokratische nationale Identität herausbildete. In Frankreich fand die Revolution 1789 statt, das Frauenstimmrecht kam 1945. Vielleicht wird es auch ein, zwei Jahrhunderte dauern, bis sich eine europäische Identität herausbildet. Von der Schweiz will ich gar nicht reden. Wie lange hat die Schweiz gebraucht, um der UNO beizutreten?

Ein gutes halbes Jahrhundert.

Da sehen Sie es, das sind langsame ­historische Veränderungsprozesse.

Sind wir zu wenig geduldig?

Ja, das sind nun mal lange Zyklen. Vergleichen Sie die Welt von 1945 mit der Welt von heute, da hat Europa doch wahnsinnige Fortschritte gemacht. Siebzig Jahre ohne Krieg – wann hat es das je gegeben?

Wenn Europa eine Fussballelf hätte, würde dies der europäischen Identität helfen?

Gegen wen sollen die spielen?

Gegen Südamerika, Nordamerika, Afrika, China.

Die Idee gefällt mir, interkontinentale Meisterschaften wären witzig.

Bei der nationalen Integration half der Fussball auch, das sieht man etwa in der Schweiz.

Und jetzt seid ihr stolz, dass ein paar Kroaten und Albaner für die Schweiz ­kicken?

Natürlich.

Okay, das Nationale verändert sich ­gerade, das sieht man am Fussball.

Dann wäre Fussball eher ­friedensfördernd als kriegstreibend.

Das ist schwierig zu sagen, nichts ­geschieht automatisch.

Im Juni beginnt die ­Europameisterschaft. Wie wird die Schweiz abschneiden?

Sie wird ein ordentliches Turnier ­spielen, mehr nicht.

Wir beide werden dann tagelang vor dem Fernseher sitzen – sind wir da gerade daran, unsere Lebenszeit zu vergeuden?

Mir macht das Spass. Wenn Sie fürchten, damit Ihre Lebenszeit zu vergeuden, dann machen Sie besser etwas ­anderes. Gehen Sie spazieren oder in die ­Berge!

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch