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«Fühlte mich als tyrannische Frau»

Das erste Jahr mit dem neuen Namensrecht für Verheiratete ist vorbei. Wer machte davon Gebrauch? Die Zahlen überraschen. Frauen, die sich 2013 vermählten, erzählen.

Gewohnheit und Tradition obsiegen: Trauung (Archivbild).
Gewohnheit und Tradition obsiegen: Trauung (Archivbild).
Keystone

Im Kanton Waadt haben beispielsweise nur gerade 5 bis 10 Prozent der Frauen nach der Heirat in diesem Jahr ihren Mädchennamen behalten. Ähnlich präsentiert sich die Situation im Wallis und im Jura. «Meist setzt sich noch die altbewährte Praxis durch», heisst es etwa beim Zivilstandesamt in Delsberg.

Fortschrittlicher scheint da der Kanton Basel-Stadt zu sein: Rund 30 Prozent der Frauen behalten nach der Heirat ihren Namen. Allerdings wird die Statistik durch die Heirat von Ausländerinnen und Ausländern verfälscht, die nicht dem Schweizer Namensrecht unterstellt sind.

Bern und Zürich verfügen noch über keine Zahlen und verweisen auf das Bundesamt für Statistik. Die Bundesstatistiker werden aber erst im Juli 2014 erstmals statistische Angaben zum neuen Namensrecht machen.

Falsches Gesetz?

Der Umstand, dass das neue Namensrecht von den Frauen nur wenig genutzt wird, wirft Fragen auf. Für Jean-François Ferrario, Verantwortlicher für das Zivilstandswesen im Kanton Waadt, sind die Zahlen sehr überraschend. «Das Gesetz ist vom Willen zur Gleichberechtigung von Mann und Frau geprägt, aber es ist offensichtlich ein Fehlschlag», stellt er fest.

Nicole Langenegger Roux will nicht in diesen Pessimismus einstimmen. Das neue Recht sei klar ein Fortschritt, sagt die Direktorin des Walliser Gleichstellungs- und Familiensekretariats. «Gesetze sind da, um Ungleichheiten zu beseitigen. Sie können nicht ein Modell aufzwingen, aber helfen mit, eine Gesellschaft zu verändern», sagt sie. Man müsse halt den Menschen und der Gesellschaft die notwendige Zeit lassen, um sich an das neue Recht zu gewöhnen, sagt sie.

Offensichtlich ist der soziale Druck in einer Grossstadt weniger stark als in einem ländlich geprägten Dorf. So zeigen etwa die Zahlen aus der Stadt Genf eine andere Entwicklung: Dort haben sich 37 Prozent der Frauen dafür entschieden, ihren ledigen Familiennamen zu behalten.

Frau fühlt sich als Tyrannin

Aber bei der grossen Mehrheit der Frauen obsiegen noch die Erziehung, die Gewohnheiten und der soziale Druck, die die Einführung von Neuem erschweren. Sarah beispielsweise, eine Walliser Journalistin im Alter von rund 30 Jahren, fühlt sich laut eigenen Aussagen «als tyrannische Frau, die ihrem Ehemann alles aufzwingt», falls sie sich dafür entscheiden würde, ihren Namen zu behalten.

Martina, eine Österreicherin, die im November in der Schweiz geheiratet hat, hätte es komisch und wenig praktisch gefunden, nicht den gleichen Namen wie ihre Kinder zu haben. «Die Leute hätten gedacht, ich sei nicht die richtige Mutter», gibt sie zu bedenken. Gemäss dem neuen Gesetz müssen Paare, die bei der Heirat ihre bisherigen Namen beibehalten, sich entscheiden, welchen Namen ihre Kinder tragen sollen.

Es wäre ihr komisch vorgekommen, ihre Identität zu wechseln und den Namen von jemandem anderen anzunehmen, erklärte eine 32-jährige Walliserin, die im September geheiratet und sich für die Beibehaltung ihres Mädchennamens entscheiden hat. Sie äusserte allerdings den Wunsch, anonym zu bleiben, weil es sich doch um eine sehr delikate Angelegenheit handle. Ihre Namenswahl habe negative Reaktionen hervorgerufen, insbesondere von Seiten älterer Leute und von Seiten der Familie ihres Ehemannes. Zum Glück sei das Gesetz schneller als die Gesellschaft, sagt sie.

Bald eine Selbstverständlichkeit?

Jene, die ihren ursprünglichen Namen aufgeben, finden dafür viele Gründe: die praktische Seite beispielsweise oder die Einheit der Familie, symbolisiert durch einen einheitlichen Familiennamen. «Ich bin stolz, den Namen meines Ehemannes zu tragen. Damit zeigen wir, dass wir jetzt eine Familie sind», sagt Martina. Der Name zeigt die Zugehörigkeit zur Familie, sagt auch Nancy, eine 28-jährige Jurassierin, die seit Oktober mit einem Ivorer verheiratet ist.

Nicole Langenegger Roux bleibt optimistisch und ist überzeugt, dass es bald eine Selbstverständlichkeit sein wird, wenn eine Frau ihren ledigen Familiennamen weiterführt.

SDA/sam

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