«Fötz und Bitches»? Dini Mueter!

Feministinnen können ganz schön nerven. Aber leider braucht es sie heute mehr denn je.

Kreatives Backen für Feministinnen: Cupcakes in Vulva-Form.

Kreatives Backen für Feministinnen: Cupcakes in Vulva-Form.

Michèle Binswanger@mbinswanger

Manchmal geht mir der Feminismus auch auf den Geist – oder eher seine Vertreterinnen. Vor allem dann, wenn sie daraus eine Ideologie basteln, um andere auszuschliessen. Die Aggressivität, die sie manchmal an den Tag legen, ihr Dogmatismus und ihr Beharren auf Opferstatus, all das ist manchmal schwer zu verdauen. Aber das ist in Ordnung, ich streite gern, auch mit Frauen. Schliesslich müssen Frauen sich nicht alle mögen und nicht einmal denselben Feminismusbegriff haben, solange die grossen Linien stimmen.

Das Krebsgeschwür

Doch was ist eigentlich mit den grossen Linien? Darauf zu hoffen, dass sich alles zum Besseren entwickelt, ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft. In den vergangenen Jahren haben wir auf verschiedenen Gebieten grosse Fortschritte gemacht, Gesetze wurden geschaffen, neue Familienmodelle diskutiert, auf versteckte Diskriminierung aufmerksam gemacht. Das ist erfreulich, trifft aber leider nur auf die freien und liberalen Demokratien zu. Wo die Unfreiheit grassiert, da werden immer zuerst die Frauen eingesperrt. Und in den vergangenen Jahren haben Autoritarismus und Unfreiheit Metastasen gebildet, sich in Europa und Amerika eingenistet.

Heute verzeichnen überall auf der Welt rechtspopulistische, konservative und extremistische Bewegungen Zulauf, die sich in fast gar nichts einig sind, ausser in diesem Punkt: dass der weibliche Körper und die weibliche Sexualität nicht den Frauen selbst gehören, sondern der Allgemeinheit oder besser den Männern, die darüber bestimmen wollen. Rechtspopulist Janusz Korwin-Mikke legte jüngst im EU-Parlament dar, Frauen seien kleiner, schwächer und dümmer als Männer, weshalb es nur recht sei, dass sie auch weniger verdienen. Das russische Parlament hat ein Gesetz verabschiedet, das Strafen bei häuslicher Gewalt stark verringert. In Marokko werden im Fernsehen Schminktipps gegeben, um ein verprügeltes Gesicht zu überschminken. Der US-Präsident prahlt mit «grab them by the pussy», während der Islam seine Vorstellung von der Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts in den Westen exportiert. In Schweizer Clubs scheint es mittlerweile normal zu sein, dass Frauen an Hintern und Brüsten begrapscht werden, derweil picklige Aargauer Vorstadtrapper unter dem charmanten Titel «Alles nume wäg de Fötz» ihre Probleme mit «Bitches, Fotzen und Pussys» erläutern. Schon diese Dialektverhunzung eines an sich nicht besonders attraktiven Worts ist ein Affront, für den diese Bubis ein Jahr lang zum Tragen einer Pink-Pussy-Mütze verdonnert werden sollten. Niemand nennt uns «Fötz und Bitches» – das dürfen höchstens Frauen selbst.

Die Feministen kommen

Nein, wir Feministinnen sind uns nicht immer einig, sogar eher selten. Schliesslich gibt die Qualifikation Frau-Sein alleine wenig her. Wir sind verschieden und haben unterschiedliche Meinungen, manchmal mögen wir uns, manchmal nicht, manchmal sind wir neidisch und missgünstig oder feige, ohne es uns selber einzugestehen. Aber so unterschiedlich wir sind, etwas verbindet uns: Wir alle wissen, wie es sich anfühlt, beschimpft, begrapscht, belächelt und nachts verfolgt zu werden. Wir alle möchten eigentlich nur die Freiheit haben, mit unseren Körpern anstellen zu können, was uns beliebt. Und auf die Demütigung, in einem Club pauschal als «Fötz» bezeichnet zu werden, würde ich diesen Bubis antworten: «Dini Mueter.»

Glücklicherweise gibt es aber auch noch eine andere grosse Linie in dieser Entwicklung: Feminismus ist kein rein weibliches Anliegen mehr, er hat den Sprung von der sektiererischen Interessengruppe zum Mainstream geschafft. Und vor allem ist die Idee auch bei den Männern angekommen. In den eingangs erwähnten Diskussionen streite ich in jüngster Zeit vermehrt mit Männern, die sich als Söhne, Väter, Brüder und Partner für ihre Idee des Feminismus starkmachen und sich als Feministen bezeichnen. Sie haben begriffen, dass ein Angriff auf die Rechte der Frauen ein Angriff auf die freie Gesellschaft ist. Manchmal sind es ganz schöne Idioten. Aber das ist okay, ich streite gern. Solange die grossen Linien stimmen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt