Wieso tun sich die Leute das an?

Dry January und Detox: Im Januar grassiert der Trend zur Selbstkasteiung. Ein Plädoyer gegen Sellerie-Pilz-Drinks.

Nach drei alkoholfreien Wochen beendete der Autor seinen Dry January, weil das Sozialleben brachlag.

Nach drei alkoholfreien Wochen beendete der Autor seinen Dry January, weil das Sozialleben brachlag.

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Jetzt sündigen, später zahlen! Die Zeit um den Jahreswechsel erinnert an ein Leasinggeschäft: zuerst das Vergnügen, dann die Landung auf dem Boden der Realität. Was hat man nicht alles weggefressen! Und erst der viele Alkohol! Diese Ausschweifungen müssen im Januar korrigiert werden. Mit Detox, Dry January, Joggingrunden und allerlei Diäten. Jedes Jahr wird die Selbstkasteiung schlimmer. Arbeitskollegen verzichten auf das Feierabendbier. Freunde kommen nicht an Konzerte mit, weil sie dort nur Tee trinken dürften. Andere verschwinden grad ganz in ein Wellnesshotel.

Den Detailhändlern ist das nicht entgangen. «Top fit im neuen Jahr» heisst die Kampagne von Aldi Schweiz, wozu man Kunstturnerin Giulia Steingruber als Werbeträgerin engagiert hat. Goji-Beeren und Bio-Chnusperscheiben glutenfrei will die einem andrehen. Lidl kontert mit einer aufdringlichen Online-Bannerwerbung, die ein absurdes Gerät zeigt: ein Trampolin mit einer Stange, an der man auf und ab hüpft.

Wieso tun sich die Leute das an?

Nichts gegen gute Vorsätze. Mehr lesen, weniger am Handy hängen, sich häufiger um die Kinder kümmern oder mit dem Rauchen oder Trinken aufhören: Go for it. Aber der grassierende Masochismus im Januar hat nicht mit der Absicht zu tun, ein besseres Leben zu führen. Es ist ein kopflos übernommener Trend aus Amerika, jenem Land, wo auch Halloween, Black Friday, Cyber Monday und andere marketingverbrämte Lifestyle-Termine herkommen.

Wieso tun sich die Leute das an? Medizinisch ist kurzzeitiges Abnehmen Unsinn, Stichwort: Jo-Jo-Effekt. Und zum Entschlacken haben wir Organe wie die Leber und die Nieren. Nichts, das wir zu uns nehmen, kann deren Leistung verbessern. Nützts nichts, schadets nichts? Kann man so sehen. Aber überteuerte Detox-Gesichtsmasken aus Algen sind doch einfach nervige Scharlatanerie. Es gibt echte Probleme mit «Toxinen» auf der Welt, aber ihre Lösungen sind nicht individuell, sie sind kollektiv. Inzwischen weiss das zwar der Hinterletzte, aber die Leute detoxen trotzdem. Warum? Wahrscheinlich aus einem diffusen Gefühl der Verfehlung. Um Busse zu tun, haben sie das Gefühl, Pilz-Sellerie-Cocktails trinken zu müssen. Eine unangenehme Mischung aus protestantischer Ethik und First-World-Problem.

Inzwischen sind ja fast alle essgestört

Dass solche Kuren zu Erleuchtung oder Fokussierung führen, wie es der klassische Ramadan tun soll, ist unwahrscheinlich. Jedenfalls deutet die reservierte Laune der Masochisten nicht darauf hin. Kein Wunder, scheint die Quote der Abbrecher hoch; ich bin selbst einer. Nach drei alkoholfreien Wochen beendete ich einst meinen Dry January, weil mein Sozialleben brachlag. Die Ersatzdroge Netflix war mit Tee statt eines Glases Wein auch nur halb so toll. Das kann man kritisch sehen, im Sinne von: Du kannst es nur mit Alkohol lustig haben. Und wissen Sie was: Es stimmt. Feierabendbier ohne Bier macht einfach keinen Spass.

Für einige ist es wahrscheinlich auch eine Übung in Disziplin: einen Monat lang nur konsumieren, was vermeintlich gesund ist. Doch aufgepasst, Leute, das kann in ein ungesundes Essverhalten führen. Dieses ist ironischerweise von der Vorstellung genährt, dass man seine Gesundheit über das Essen steuern kann – und dass man bei Unachtsamkeit stets nur einen Bissen von der Katastrophe entfernt ist. Nun gut, inzwischen sind ja fast alle essgestört. Der eine macht Paleo-Diät, die andere verzichtet auf Milchprodukte. Low Carb, Intervallfasten, Rohkost, Clean Eating. Die Liste liesse sich beliebig verlängern. Macht doch gleich Fotosynthese! Aber jedem das Seine.

Das Binge-Reinigung-Prinzip ist verlogen

Ich bin nicht gegen Diäten, körperliche Aktivität oder Fasten. Aber wieso auf einen Chlapf? Das bringt nichts, ist wahrscheinlich sogar schädlich. Einem Junkie setzt man im Entzug ja auch nicht über Nacht das Heroin ab. Dito Alkoholiker. Dito Menschen auf Antidepressiva. Natürlich ist Festtagsvöllerei nicht mit Sucht und Krankheit vergleichbar. Doch wie bei einem Drogenentzug findet die Abgewöhnung vom Überfluss auch im Kopf statt. Und da ist ein Verzicht von hundert auf null extrem hart.

Die zeitlich begrenzte Selbstkasteiung ausgerechnet im Januar durchzuführen, ist besonders absurd. Der Monat ist wegen des Nebels und der fehlenden Feiertage oder Ferien sowieso schon eine deprimierende Zeit. Wieso nicht gleich im Dezember verzichten, dann würde man gar nicht erst sündigen. Ernsthaft: Wenn schon einen Monat lang brav leben, dann schlage ich einen Dry May vor. Da ist die Grillsaison noch nicht gestartet, aber man kann bereits wandern, und dabei muss man ja nun wirklich nicht bechern. Der November wäre auch nicht schlecht, weil man dann im Dezember so richtig reinhauen könnte.

Doch das Binge-Reinigung-Prinzip ist sowieso verlogen. Es ist nicht gesund. Basta. Wer gesund leben will, trinkt im Januar ein bisschen weniger und achtet ein bisschen mehr aufs Essen. Dasselbe gilt für den Februar und den Rest des Jahres. Verhältnismässig und bewusst geniessen, heisst das. Aber das ist noch lustfeindlicher als der Maso-Januar. Esst und trinkt doch einfach, was euch guttut. Egal wann.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.01.2019, 08:36 Uhr

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