Es grünt im grauen Bereich

In Schweizer Städten blüht der Trend zum urbanen Gärtnern. Doch statt nur Blumen zu säen, pflanzen die Bewohner neu Kräuter und Gemüse auf öffentlichem Grund – mit dem Segen der Behörden.

Unter der Hand der Urban Farmers entstand hier im vergangenen Sommer ein Treibhaus: Ein Schiffscontainer in Zürich. Jetzt züchten die Stadtbauern in Basel Gemüse und Fische.

Unter der Hand der Urban Farmers entstand hier im vergangenen Sommer ein Treibhaus: Ein Schiffscontainer in Zürich. Jetzt züchten die Stadtbauern in Basel Gemüse und Fische.

(Bild: Nicola Pitaro)

Von ihrem Ziel, dass in den Schweizer Städten auf jedem Grünstreifen Rüebli und Tomaten wachsen und in Hinterhöfen Hühner gackern wie im Mittelalter, sind grüne Aktivisten und Stadtbauern zwar noch weit entfernt. Doch sie rücken ihm näher, denn ihre Leidenschaft für urbane Biotope stösst auf zunehmende Akzeptanz. Die Idee, die letzten braunen Inseln im Betonmeer botanisch zu beleben, fällt mittlerweile auch bei Behörden auf fruchtbaren Boden. Zum Beispiel in Luzern.

Mitte März haben dort rund 40 Gesinnungsfreunde das Projekt «Luzern blüht auf – eine Stadt wird essbar» lanciert. Vor dem Stadthaus stellten sie geflochtene Körbe mit Gewürzpflanzen auf, aus denen sich Passanten bedienen dürfen. Ihre Aktion haben die jungen Leute mit der Hoffnung verbunden, dass das Pflanzfieber ganz Luzern ergreift wie eine gesunde Epidemie – nach dem Vorbild der englischen Kleinstadt Todmorden.

«Mobile Gärten» in Bern

Dort hatte 2008 eine ältere Dame ihr gepflegtes Grundstück der Öffentlichkeit anheimgegeben, worauf nach und nach die ganze Stadt zu einem Garten von Selbstversorgern geworden ist. Diese haben jeden ungenutzten Flecken bepflanzt und damit nicht nur Blumen, Obst und frisches Grünzeug hervorgebracht, das zur Selbstbedienung aller offensteht. Sie haben auch den sozialen Zusammenhalt gesteigert, das Littering eingedämmt und laut der Polizei sogar die Kriminalitätsrate gesenkt.

Vereinzelte Versuche hat es in der Schweiz schon gegeben – etwa in Genf, wo es die Behörden in Absprache mit Quartiervereinen geduldet haben, dass Private in Pärken Gemüsebeete unterhalten. In Luzern zeigt sich die Stadtgärtnerei offen gegenüber dem neuen Projekt, wenn die dafür freigegebenen Flächen und die Verantwortlichkeiten für deren Pflege klar geregelt werden. In Bern liegt ein vergleichbares Konzept namens «temporäre Gärten» zur sommerlichen Zwischennutzung von öffentlichem Grund vor.

Stadt Zürich ist tolerant mit Guerillagärtnern

Wie Stadtgärtner Christoph Schärer erklärt, kommen dafür sowohl «mobile Gärten» – Pflanzentröge auf Paletten – als auch die Nutzung von Brachen infrage. Geeignete Standorte seien in Prüfung, und Vertreter von Quartiervereinen, welche die Verantwortung übernehmen müssten, würden gesucht, sagt Schärer. Ein Vorbote dieses Konzepts ist nach einem Hausabbruch auf einer städtischen Brache im Lorraine-Quartier bereits in Betrieb.

In Zürich ist zwar in der Innenstadt nichts Vergleichbares geplant, doch der Trend zum gemeinschaftlichen Urban Farming und zu genossenschaftlichen «Gemüseabos», die gewissermassen für ein lokales Ursprungslabel bürgen, wächst. Wie Lukas Handschin von Grün Stadt Zürich sagt, versuchen die Behörden, die gestiegene Nachfrage nach geeigneten Parzellen zu befriedigen. Gegenüber Guerillagärtnern, die zur Verschönerung der Stadt seit Jahren subversive «Samenbomben» in Baumrabatte werfen, zeigen sich die Stadtgärtner schon lange tolerant – etwa bei der Blumenpracht des Guerilleros und Künstlers Maurice Maggi, der in Zürich schon seit 1984 heimlich 40 heimische Samensorten sät, auch mal mit Maria- und Eselsdisteln experimentiert und in deutschen Städten bereits offiziell als Gärtner tätig ist.

Auf einem Dach in Basel richten Urban Farmers Fischbassins ein

Mit seiner Kreativität hat Maggi die grüne Tiefbauvorsteherin Ruth Genner immerhin dazu gebracht, dass sie Zürich stolz «die Malvenstadt» nennt. «Das Bewusstsein der Stadtgärtner, dass eine wuchernde Unordnung reichhaltiger sein kann als eine nüchterne Ordnung, ist deutlich gestiegen», sagt Sprecher Handschin. Mittlerweile berät Grün Stadt Zürich urbane Gärtner bei der richtigen Pflanzenwahl für sonnige und schattige Örtchen, gibt sogar eine eigene Malvenmischung ab und unterstützt auch private Patenschaften wie an der Zähringerstrasse, wo Anwohner in den Baumrabatten Rasen säen und auch dafür sorgen, dass kein Abfall liegen bleibt.

Die Zukunft liegt aber wie in vielen amerikanischen Städten in der Produktion von Lebensmitteln. In Basel ist der Boden dafür bereits geebnet. Auf einem Dach im Dreispitzareal richten die Urban Farmers aus Zürich mit Unterstützung der öffentlichen Hand eine 250 Quadratmeter grosse Aquaponic-Farm ein: Bassins mit Fischen, darüber Behälter mit Gemüse, deren Wurzeln ihre Nahrung aus dem Fischbecken schöpfen. In Zürich wird eine ähnliche Musteranlage zur Demonstration der natürlichen Kreisläufe bald in der Stadtgärtnerei zur Schau gestellt.

Tages-Anzeiger

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