«Es geht uns unglaublich gut – und schlecht»

Der Soziologe Heinz Bude findet das Gefühl einer verstellten Zukunft im Milieu der «Verbitterten» und beim Dienstleistungsproletariat.

Die «untergründige Stimmung der Gereiztheit» schlägt sich in Protesten der AfD nieder. Foto: Hermann Bredehorst (Polaris, Dukas)

Die «untergründige Stimmung der Gereiztheit» schlägt sich in Protesten der AfD nieder. Foto: Hermann Bredehorst (Polaris, Dukas)

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In ganz Deutschland kochen die Emotionen hoch: hier das ungelöste Flüchtlingsproblem, dort die hohen Wahlergebnisse für die AfD. Was ist schlimmer, die Lage oder die Stimmung?
Ich glaube, die Stimmung entspricht der Lage. Ökonomisch steht Deutschland glänzend da. Das Land ist aus der Krise von 2008 am besten von allen OECD-Volkswirtschaften herausgekommen. Gleichzeitig hat sich die deutsche Gesellschaft ganz neu aufgestellt in den letzten zwanzig Jahren. Das hat sie innerlich noch nicht nachvollzogen. Und es hat eine Kostenseite, die im Gefühlsleben der Gesellschaft immer stärker ankommt.

Was meinen Sie damit?
Zum einen ist ein neues Proletariat entstanden: Menschen, die putzen oder Pakete ausliefern oder in der Pflege tätig sind. Die arbeiten viel und hart, zum Teil in mehreren Jobs, aber sie verdienen sehr wenig. Und sie haben keinerlei Aufstiegsmöglichkeiten. Das sind immerhin etwa 15 Prozent der Beschäftigten. Zum anderen ist in vielen Unternehmen das mittlere Management weggefallen. Gerade in der Hochproduktivitätsökonomie führen sich die Arbeitsteams gewissermassen selber. Die Konsequenzen erkennen die Leute zuerst und zumeist in emotionaler Hinsicht: Burn-out ist zu einer Wirklichkeit für Hoch- wie für Niedrigqualifizierte geworden. Burn-out heisst: Erschöpfungsdepression. So ist die Lage: Es geht uns unglaublich gut, und es geht uns gleichzeitig unglaublich schlecht. Das führt zu einer Gereiztheit der Stimmung, die wir gerade haben und in der sich die Lage reflektiert.

Stimmungen sind für mich etwas Flüchtiges, wenig Fassbares. Kann man strenge Wissenschaft damit überhaupt betreiben?
Ja, kann man. Die akademische Psychologie forscht seit hundert Jahren über Stimmungen. Die experimentell ausgerichteten Wirtschaftswissenschaften untersuchen etwa empirisch, wie sich die Stimmung an den Börsen ändert. Stimmungen sind, akademisch gesprochen, unspezifische Wertungszustände. Sie ermöglichen uns ein «Gefühl der Welt», in der bestimmte Wertungen ihren Platz haben: ob Sie alles, was Sie erfahren, auf eine Bedrohtheit der Welt auslegen oder auf eine Veränderbarkeit der Welt. Entweder Sie machen das Fenster zu, wenn etwas Neues kommt – oder Sie machen es auf.

Jetzt hat bei den Landtagswahlen die AfD gleich dreimal gewonnen, also eine Partei, die das Fenster lieber zumacht. Was sagen Sie als Stimmungsdiagnostiker dazu?
Die untergründige Stimmung der Gereiztheit, die wir seit sechs bis acht Jahren haben, intensiviert sich gegenwärtig noch einmal. Viele Menschen haben den Eindruck, die Zukunft sei verschlossen und verbaut und die Gegenwart entgleite ihnen. Es handelt sich um das, was ich Verbitterungsmilieu nenne, immerhin zehn Prozent der Bevölkerung, mit relativ gutem Einkommen, relativ hoher Bildung, aber dem Gefühl, unter ihren Möglichkeiten geblieben zu sein. Zusammen mit dem neu entstandenen Dienstleistungsproletariat macht das 25 Prozent. Es sind diese Leute, die die Volksparteien verloren haben.

Warum hat die AfD gerade im Osten so stark gewonnen – dort gibt es doch die wenigsten Flüchtlinge?
Es gibt immer eine Hierarchie des Hierseins. Der klassische Ostdeutsche fühlt sich bis heute als Bürger zweiter Klasse. Er ist der Bundesrepublik ja beigetreten.

. . . und fühlt sich als Einwanderer, ohne sich überhaupt bewegt zu haben.
Genau. Und wenn Flüchtlinge ins Land kommen, wendet sich die Hierarchie des Hierseins gegen sie. Diese greift auch bei anderen Gruppen. Die Spätaussiedler der 90er-Jahre sagen jetzt: Wer hat eigentlich damals für uns die Arme ausgebreitet? Es wird auch den gut integrierten Deutschen mit türkischen Wurzeln geben, der sagt: Die arabischen Muslime sind was völlig anderes als wir.

Ist die AfD nicht ein Zeichen für die Normalisierung des politischen Spektrums? In anderen Ländern gibt es das doch längst. Und man kann es auch begrüssen, dass eine Partei bestimmten Gruppen und Stimmungen einen politischen Ausdruck gibt. Die Unzufriedenen haben jetzt eine Stimme.
Vollkommen richtig. Der Einzige, der das noch in der Wahlnacht gesehen hat, ist Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Er hat sofort gesagt, die AfD-Wähler gehörten auch zur Demokratie. Rechtspopulistische Parteien sind eine europäische Normalität. Wenn man sich von ihnen nicht treiben lassen will, muss man ihnen einen Platz zuweisen innerhalb des politischen Kosmos.

Was könnte so ein Platz sein?
Zuallererst die Anerkennung, dass es sie gibt. Natürlich gibt es unter diesen Wählern fünf bis sieben Prozent böswillige Rassisten. Die kann man nicht einbinden. Aber 20 Prozent Wähler kann man nicht ausgrenzen.

Braucht es mehr politische Partizipation? Direkte Demokratie?
Da bin ich sehr skeptisch. Ich halte es wiederum für einen populistischen Reflex, mehr Volksabstimmungen vorzuschlagen. Die Frage ist vielmehr: Wie kann man dieses Gefühl der verstellten Zukunft wenden? Das geht ja weit über das AfD-Potenzial hinaus. Wir haben Zahlen, dass drei Viertel aller Eltern und Grosseltern der Meinung sind, dass es ihren Kindern und Enkeln nicht mehr so gut gehen wird wie ihnen selbst.

Ja sehen Sie das denn nicht so?
Nein, ich finde diese Einstellung wirklichkeitsfremd. Schauen Sie sich doch die Daten an: Das Verhältnis von Geburtenrate und Stellenverfügbarkeit ist so günstig wie seit der glorreichen 68er-Generation nicht mehr.

Nun gibt es ernst zu nehmende Analysen, dass der nächste Schub der Digitalisierung 30 Prozent aller Stellen hinwegfegen wird.
Richtig, aber diese Analysen kommen alle aus den USA und treffen auf Deutschland so nicht zu. Hier hat es eine Zusammenführung von alten industriellen mit digitalen Kompetenzen und ganz neuen Dienstleistungskompetenzen gegeben, das ist gerade das Erfolgsgeheimnis des deutschen Produktionsmodells. Die vielen «hidden champions» betreiben Globalisierung durch Digitalisierung, indem sie diese in ihr klassisches Produktangebot integrieren, wie das Beispiel VW zeigt, manchmal sogar in betrügerischer Absicht.

Warum fehlt Deutschland eigentlich das Bewusstsein dieser eigenen Stärke? Warum fehlt das Gefühl, die Zukunft ist interessant und bunt, und wir sind vorne dabei?
Deutschland hat in der Griechenlandfrage mit Schrecken bemerkt, dass es plötzlich die Nummer eins in Europa ist und den Griechen praktisch diktiert hat, wie sie die Probleme zu lösen haben. Es gab so etwas wie Einflussangst: Wie können wir denen etwas vorschreiben, womit wir selbst gar nicht so glücklich sind? Und die Reaktion auf die Kälte gegenüber Griechenland war dann die Wärme gegenüber Syrien. Das war eine Stimmungskompensation. Daran sehen Sie, dass Stimmungen eine Eigendynamik in der Gesellschaft entwickeln, über die Köpfe der Einzelnen hinweg.

Die Stimmung gegenüber den Flüchtlingen hat sich ja verändert. Von der Willkommenskultur zu dem Gefühl, so geht es nicht weiter. Wie könnte man sie wieder ins Positive, Zuversichtliche drehen?
Sie müssen so etwas wie Erwartungssicherheit herstellen. Damit meine ich nicht eine Obergrenze nach der Devise: Der nächste Flüchtling darf dann nicht mehr rein. Es geht um Orientierungsgrössen. Der bayerische Innenminister Herrmann hat das so ausgedrückt: Bayern hat jetzt Flüchtlinge aufgenommen in der Grössenordnung einer Stadt wie Würzburg. Ein Würzburg schaffen wir. Wir schaffen auch zwei Würzburgs. Aber drei schaffen wir nicht.

Symbolische Zahlen also?
Nein, Dimensionen.

Wenn Sie Angela Merkels politischer Stimmungsberater wären – was sollte sie tun?
Ich glaube, sie müsste sagen: Ich habe mit dem Satz «Wir schaffen das» dem «wir» zu viel zugemutet. Ich habe eigentlich gesagt: «Ich schaffe das.» Und ich bin jetzt in einer recht verfahrenen Situation, wo ich die Gesellschaft brauche. Ich schaffe es allein nicht. Das muss sie kommunizieren.

Das könnte die Unsicherheit noch verstärken.
Ja, genau das wäre auch Angela Merkels Einwand, und deshalb wird sie es nicht machen.

Wie sehen Sie das Potenzial der AfD? Wird sie wieder verschwinden, oder könnte sie anschwellen zu einer Kraft wie dem Front National?
Ich glaube, verschwinden wird sie nicht. Das Potenzial ist gross. Wenn die Verbitterten und das Dienstleistungsproletariat durch eine Figur zusammengebracht werden, die sagt: Ich rede über euch, ich weiss, was ihr fühlt, dann sind wir plötzlich bei gesamtdeutsch 25 bis 27 Prozent.

Fehlt also bloss ein charismatischer Führer, ein deutscher Donald Trump?
Ganz so einfach ist das nicht. Wir haben diese erweiterte Hasskultur in Deutschland nicht, die in den USA über zehn Jahre eingeübt worden ist. Dort ist die Lage schlimmer, das Dienstleistungsproletariat grösser, es gibt mehr Verbitterte, die Mittelklasse fällt auseinander. So ist die Lage in Deutschland beileibe nicht. Allerdings haben wir hier auch einen privilegierten Teil der Mittelklasse und einen verletzlichen Teil, die auseinanderdriften. Umso wichtiger ist die Frage, in welchem gedachten Ganzen wir uns bewegen wollen.

In einer Zivilgesellschaft, die sich als Ganzes begreift – als Oberbegriff oder Obergefühl?
Jedenfalls mit einer Vorstellung von Zukunft. Nicht mehr eine mit acht Prozent Wachstum. Aber mit qualitativem statt quantitativem Wachstum. Damit kann man Geld verdienen, andere Lebensmöglichkeiten schaffen, und damit kann Europa Ausstrahlung gewinnen.

Stimmung und «longue durée»: Die Deutschen galten lange als verkrampfte Ordnungsfanatiker, seit einigen Jahren plötzlich als cool und entspannt. Könnte es sein, dass wir wieder an einem Kipppunkt sind?
Ja, aus den angestrengten Deutschen sind entspannte Deutsche geworden. Das deutsche Team kann elegant Fussball spielen. Die Deutschen haben die Wende so gut hinbekommen, die Wirtschaft grundsätzlich und erfolgreich umgekrempelt: Es könnte sein, dass jetzt eine Periode des Innehaltens und der Beängstigung folgt, sozusagen die nachgeholte Angst.

Angst auch vor der gewachsenen Verantwortung? Es steht ja mit der neuen Führungsrolle auch viel auf dem Spiel.
Absolut richtig. Mein Optimismus gründet gerade in dieser Verantwortung. Wir können uns weder hinter überholten Konzepten einer geschlossenen Gesellschaft verbarrikadieren noch schulterzuckend sagen: Globalisierung bedeutet halt Grenzenlosigkeit. Also weder zurück zu den 70er-Jahren noch die Dinge einfach laufen lassen. Ich plädiere für eine dritte Variante, das ist das reparative Bewusstsein: Unsere Welt muss behutsam repariert werden mit dem Blick auf eine Zukunft, an die man glauben kann.

Und, schaffen wir das?
Ich glaube ja. Es wird kompliziert sein, aber die deutsche Gesellschaft ist so vielfältig, dass sie es schaffen kann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.03.2016, 19:45 Uhr

Heinz Bude

Soziologe der Stimmungen

Heinz Bude, geboren 1954 in Wuppertal, lehrt seit 2000 als Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel. Zuvor war er lange Jahre am Hamburger Institut für Sozialforschung als Leiter des Bereichs «Die Gesellschaft der Bundesrepublik» tätig. Soeben ist bei Hanser sein neues Buch «Das Gefühl der Welt» erschienen, in dem er die Bedeutung von Stimmungen in der Gesellschaft untersucht. (ebl)

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