Er war Kindersoldat in Kambodscha

Red Ernst erlebte die Schrecken des Krieges. Als Elfjähriger kam er nach Europa – und fand Geborgenheit. Doch das Schicksal seiner Angehörigen liess ihn nicht los.

«Ich habe mehr erreicht, als ich mir erträumen konnte»: Red
Ernst, 50, auf einem Hügel im bernischen Niederhünigen, wo er lebt. Foto: Tomas Wüthrich

«Ich habe mehr erreicht, als ich mir erträumen konnte»: Red Ernst, 50, auf einem Hügel im bernischen Niederhünigen, wo er lebt. Foto: Tomas Wüthrich

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Sein Blick fällt zurück auf den Feldweg, der sich im letzten Licht des Tages verliert. Nebel kriecht die Hügel hoch, legt sich über Wiesen und Bäume. «Irgendwo dort im Osten – Tausende Kilometer entfernt – liegt Kambodscha», sagt Red Ernst und späht in die Ferne. Dann schaut er hinunter auf das Bauernhaus in Niederhünigen, auf sein Zuhause, und erklärt: «Ich habe einen weiten Weg zurückgelegt – von Kambodscha bis hierhin.»

Der Weg, den Red Ernst, 50, in seinem Leben ging, war lang und beschwerlich. Als Sohn von Reisbauern wuchs er in Kambodscha in Südostasien auf. Mit acht wurde er verschleppt und zum Kindersoldaten ausgebildet. Er konnte fliehen, kam nach Deutschland und wurde von einem Ehepaar adoptiert. Er lernte den Kochberuf und baute in der Schweiz ein kleines Gewürzimperium auf. Obwohl ihn das Schicksal hart prüfte, liess er sich nie unterkriegen. «Ich habe in meinem Leben mehr erreicht, als ich mir erträumen konnte.»

Red Ernst ist mit Leib und Seele Koch. Seine Passion sind Gewürze. In ihrer Welt kann er sich verlieren, kann vergessen. Aromen zögen ihn magisch an, sagt er. «Ich sehe mit der Nase.» Er erkenne in Mischungen jedes Gewürz am Geruch und habe ein Bild der Pflanze vor Augen. Jahrelang kreierte er Gewürzmischungen, baute im Jahr 2005 eine Firma auf, die er inzwischen verkauft hat, und belieferte Coop und Gastrobetriebe. Tag für Tag arbeitet er heute im Beruf und in der Freizeit mit Gewürzen. Das ist für ihn mit Emotionen verbunden. «Jedes Gewürz hat eine Botschaft und löst in mir Gefühle aus – mal Freude, mal Melancholie.»

Gewürze sind für Red Ernst mehr als ein berufliches Werkzeug. «Sie sind eine Verbindung zu meiner frühesten Kindheit.» Bevor der Krieg Schmerz und Leid brachte. Red wuchs im Norden Kambodschas als Sohn von Reisbauern auf. Schon als kleiner Junge kannte er sich mit Gewürzen aus. Er pflückte im Garten Zitronengras. Suchte Ingwer, Kurkuma und Galgant. Sammelte in den Reisfeldern Kräuter für Suppen.

In den Fängen der Roten Khmer

Seine Eltern waren Selbstversorger. Früh musste Red einen Beitrag zum Lebensunterhalt der Familie leisten. Er ging mit seinen Brüdern fischen und jagen. Im Urwald sammelte er Pilze, holte Nüsse von den Palmen. Zu Hause gabs weder Strom noch fliessendes Wasser. «Aber wir hatten genug zu essen», erinnert er sich. «Wir lebten mit der Natur. Es war eine unbeschwerte Zeit.» Doch das sollte sich bald ändern. Denn 1975 kam Pol Pot in Kambodscha an die Macht.

Mit seiner Guerillaarmee, den Roten Khmer, herrschte der Diktator mit Grausamkeit übers Land – mit dem Ziel, einen kommunistischen Bauernstaat zu errichten. Hunderttausende wurden aus den Städten vertrieben, Kritiker des Regimes verfolgt. Bis zum Ende der Schreckensherrschaft 1979 verloren mehr als anderthalb Millionen Menschen ihr Leben. Tausende Kinder wurden rekrutiert und zu Soldaten gemacht.

Kinder wie Red Ernst. Der Knabe war acht und weilte bei seinem Onkel in der Hauptstadt Phnom Penh zu Besuch, als er in die Fänge der Roten Khmer geriet. Mehrere Männer fuhren vor dem Haus seines Onkels vor und entführten den Jungen. «Ich wusste nicht, wie mir geschah», erinnert er sich. «Ich konnte mich nicht wehren und ergab mich in mein Schicksal.» Red wurde mit Dutzenden anderer Kinder in ein ehemaliges Kloster gebracht. Dort wurden die Knaben zu Kindersoldaten ausgebildet.

«Wenn ich meine Geschichte erzähle, heilen die Wunden.»Red Ernst, Koch, Unternehmer und ehemaliger Kindersoldat

Tagsüber schufteten sie auf Reisfeldern, und nach der Arbeit wurden sie im Kampfsport gedrillt. Mit Stöcken mussten sie gegeneinander kämpfen, bis die Haut an den Beinen aufplatzte. Nachts schoben sie Wache. «Wer einschlief, wurde verprügelt.» Red musste – im Unterschied zu seinen älteren Kameraden – nicht schiessen und keine Menschen töten, weil er zu schmächtig war. Aber er musste zuschauen, wie die Roten Khmer angebliche Spione umbrachten.

Noch heute hat er keine Worte für das, was er angesichts der Morde fühlte. «Ich sah hin», sagt er. «Aber meine Seele und mein Geist waren gar nicht da.» Dennoch brannten sich die Bilder des Grauens in sein Gedächtnis ein. Und vor fünf Jahren – mehr als drei Jahrzehnte nach diesen Vorkommnissen – holte Red Ernst die Vergangenheit ein.

Plötzlich fand er keinen Schlaf mehr, wurde von Albträumen geplagt. «Ich war nicht mehr ich selber.» Auf Druck von Ehefrau Anita wandte er sich an eine Psychologin. Er arbeitete die traumatischen Ereignisse auf, «statt sie einzusperren». Seit der Therapie kann Red Ernst wieder ruhig schlafen. Und er kann offen über das sprechen, was er erlebt hat. «Wenn ich meine Geschichte erzähle, heilen die Wunden.»

«Mein Lebenswille siegte über Hunger, Angst und Schrecken.»Red Ernst

Es sind die Wunden einer gestohlenen Kindheit. Nach drei Jahren war Reds Zeit als Kindersoldat vorbei. Die Vietnamesen marschierten ein und befreiten Kambodscha. Für den damals Elfjährigen ging das Leiden aber weiter. Weil er ein potenzieller Feind der Befreier war, floh er mit Kameraden und Kriegsversehrten nach Thailand. Die Flucht führte durch den Urwald. Monsunregen und fehlendes Essen brachten Not und Elend über die Flüchtlinge.

Red litt nicht nur Hunger. Er musste miterleben, wie Freunde starben: Einer verhungerte, ein zweiter ertrank, ein dritter erlag einer Krankheit. Von der vierzehnköpfigen Gruppe kamen nur fünf im Flüchtlingslager in Thailand an. Darunter auch Red. «Ich war dem Tod nahe», sagt er. «Aber mein Lebenswille siegte über Hunger, Angst und Schrecken.» Red hatte Glück. Im Flüchtlingslager wurde er vom Deutschen Roten Kreuz ausgewählt und mit anderen kambodschanischen Kindern nach Deutschland gebracht.

In einem Trainingsanzug und mit einer weissen Sporttasche kam er im Spätherbst 1979 – mit elf Jahren – in Stuttgart an. «Ich fühlte mich völlig fremd. Die Bäume hatten keine Blätter, und ich fror.» Doch Red bekam bald menschliche Wärme. Er wurde mit einem zweiten kambodschanischen Jungen von der Familie Ernst adoptiert, die zwei eigene Kinder hatte.

Vater Werner war Universitätsprofessor und Mutter Wilfriede Fremdsprachensekretärin. Sie gaben Red in Kilchberg bei Tübingen ein neues Zuhause. «Mir wurde eine zweite Kindheit geschenkt.» Zum ersten Mal hatte Red Spielsachen. Und er ging zur Schule, saugte wie ein Schwamm alles Wissen auf. Der Schrecken des Krieges war weit weg. «Ich fühlte mich wie im Paradies», erinnert er sich. «Ich musste keine Angst mehr haben, dass mir jemand ein Leid antut.»

Suche nach den Angehörigen

Neun Jahre lang besuchte Red Ernst die Schule. Und als er vor der Berufswahl stand, zögerte er nicht: «Ich wollte Koch werden. Dann müsste ich nie mehr Hunger leiden.» In der «Schwedenschenke» auf der Insel Mainau machte er die Lehre. Red war talentiert und fleissig. «Ich wollte in meinem Beruf alles wissen und strebte nach Perfektion.» Das öffnete ihm viele Türen.

Red Ernst arbeitete auf Kreuzfahrtschiffen und reiste um die Welt. Bald stand er in den besten Häusern in der Küche und arbeitete sich zum Sternekoch hoch. Er kochte im «Hilton» in Berlin, im «National» in Luzern, im «Ambassador» in Zermatt und in der «Markthalle» in Bern. Im «Seiler au Lac» in Bönigen fand Red Ernst seine grosse Liebe.

1998 lernte er dort die Berner Bauerntochter Anita Gerber kennen, die eine Servicelehre machte. Die beiden verliebten sich. 2007 heirateten sie, und zwei Jahre später kam Sohn Reen zur Welt. Heute sind Red und Anita berufstätig und teilen sich Haus- und Familienarbeit. Red kocht in Personalrestaurants und gibt sein Wissen in Kursen an junge Köche und Hobbyköche weiter, Ehefrau Anita, 37, arbeitet als kaufmännische Angestellte.

Seine Familie gibt ihm Halt: Red mit Ehefrau Anita und Sohn Reen. Foto: Tomas Wüthrich

Sie trägt die Lebensgeschichte ihres Mannes mit. «Red musste unvorstellbar viel leiden und ist nicht daran zerbrochen», sagt sie. «Dafür bewundere ich ihn.» Und Red ist seiner Frau dankbar, dass sie ihm in all den Jahren beigestanden ist. «Anita und mein Sohn geben mir Halt. Und ein Zuhause.»

Trotz seines privaten Glücks trieb Red Ernst in all den Jahren ein Gedanke um: Er fragte sich, ob seine leiblichen Eltern und Geschwister noch lebten und wie es ihnen ging. «Ich hatte eine tiefe Sehnsucht und eine Schwermut in mir», sagt er. «Ich fühlte mich nicht als ganzer Mensch.»

Über das Rote Kreuz suchte er nach seinen Angehörigen. Und er bat Kollegen, die nach Kambodscha reisten, um Hilfe. Doch alle Bemühungen blieben erfolglos. Bis zum Herbst 2008. Da rief ihn ein kambodschanischer Freund an, der in der Schweiz lebte. Auf Wahllisten hatte er die Namen von Reds Angehörigen entdeckt. Es war die erste konkrete Spur.

Die erlösende Rückkehr

Kurze Zeit später telefonierte Red Ernst mit der Frau in Kambodscha, von der er annahm, es sei seine Schwester. Die beiden fragten einander über ihre Familiengeschichte aus. Und die Hoffnung wurde zur Gewissheit: «Als meine Schwester meinen Spitznamen sagte – sie nannten mich als Kind Glatze, weil ich so wenig Haare hatte –, war ich sicher: Ich hatte meine Familie gefunden.»

Im Januar 2009 flog Red Ernst mit seinem kambodschanischen Freund in seine alte Heimat. Mit einem Kleinbus fuhren sie über Land, fragten sich bis zum Dorf durch, in dem seine Angehörigen heute wohnen – mehr als zwanzig Kilometer von Reds Heimatdorf entfernt.

Bilder aus der Kindheit kehrten zurück. Und dann ging Red Ernst die letzten Schritte auf das Elternhaus zu. Seine Mutter kam ihm entgegen. Und die beiden fielen sich in die Arme. «Ich weinte wie ein kleines Kind», erinnert er sich. «Die jahrzehntelang aufgestaute Sehnsucht und Schwermut lösten sich auf.»

«Ich habe in Kambodscha das fehlende Puzzleteil gefunden. Jetzt fühle ich mich ganz.»Red Ernst

Red hatte gefunden, wonach er gesucht hatte. «Ich hatte Gewissheit – meine Familie lebt.» Das war vor bald zehn Jahren. Seither reist Red Ernst regelmässig nach Kambodscha. Er besucht seine leibliche Mutter – der Vater starb kurze Zeit nach dem ersten Wiedersehen – und seine sieben Geschwister. «Anfangs waren wir uns fremd», sagt er. «Doch mit jedem Besuch wird unsere Verbindung stärker.»

Red hilft seinen Verwandten mit Rat und Tat. Mit Angehörigen und Freunden aus der Schweiz sorgte er dafür, dass das Haus seiner Schwester ein neues Dach bekam. Sie kauften für die Familie eine Reisschälmaschine, spendeten Geld für einen Wasserspeicher. Zudem gründete Red den Verein Sol-Sorya, mit dem Projekte für die Dorfgemeinschaft unterstützt werden.

Künftig möchte Red Ernst öfter in Kambodscha sein. Er plant, in einem Resort, das 2020 eröffnet wird, als Hotelier und Koch mitzuarbeiten und junge Köche auszubilden. «Ihnen will ich eine Perspektive geben.» So, wie das seine deutschen Adoptiveltern einst für ihn taten. Red Ernst ist dankbar für das Glück, das er in seinem Leben hatte. Das eine habe sich zum anderen gefügt. «Ich habe in Kambodscha das fehlende Puzzleteil gefunden. Jetzt fühle ich mich ganz.»

(Schweizer Familie)

Erstellt: 02.01.2019, 16:30 Uhr

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