Ein Suizid alle 40 Sekunden

Suizid ist ein weltweit unterschätztes Problem – auch in der Schweiz, wie ein Ländervergleich zeigt.

Besonders ein Problem von Jugendlichen: Suizidgedanken bei einem Mädchen. Symbolbild: Getty Images

Besonders ein Problem von Jugendlichen: Suizidgedanken bei einem Mädchen. Symbolbild: Getty Images

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Das japanische Bildungsministerium wartete am Montag mit einer schockierenden Nachricht auf: 250 Kinder und Jugendliche nahmen sich innerhalb eines Jahres das Leben – so viele wie seit 30 Jahren nicht mehr. Einige der Betroffenen plagten demnach Zukunftsängste, andere hatten familiäre Probleme oder wurden in der Schule schikaniert. In den meisten Fällen aber blieben die Ursachen für den Suizid ungeklärt.

«Das ist ein alarmierendes Problem, das bewältigt werden muss.»Noriaki Kitazaki, Bildungsministerium Japan

Vielfach dürfte Mobbing im Spiel sein. Ein Grossteil der japanischen Jugendlichen, die Suizid begingen, waren Highschool-Schüler unter 18 Jahren. Und die Vorfälle haben sich wie in den vorangegangenen Jahren rund um den 1. September gehäuft, den Start des neuen Schuljahres. «Das ist ein alarmierendes Problem, das bewältigt werden muss», sagte Noriaki Kitazaki vom Bildungsministerium gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Es sei allerdings schwierig, die Gründe für den Anstieg zu ermitteln.

Denn über alle Altersgruppen hinweg ist die Zahl der Suizide in Japan in den letzten Jahren zurückgegangen. Im Jahr 2005 lag die Suizidrate bei fast 25 Fällen pro 100’000 Einwohner. 2016 waren es noch 18,5 pro 100’000 Einwohner. Damit gehört Japan jedoch weiterhin zu den Ländern, die am meisten mit diesem Problem zu kämpfen haben, wie die aktuellsten Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigen.

Die höchste Suizidrate der Welt hat Litauen, wo sich von 100’000 Einwohnern durchschnittlich 31,9 das Leben nehmen. In Russland und Guyana sind es nur unwesentlich weniger. Ebenfalls sehr hohe Zahlen weisen Südkorea und Weissrussland auf.

Japan belegt im internationalen Vergleich den 14. Rang – nur knapp vor der Schweiz mit Platz 18. Hierzulande gibt es laut der WHO 17,2 Suizide pro 100’000 Einwohner. Damit gehört die Schweiz auch innerhalb von Europa zu den Ländern mit einer überdurchschnittlich hohen Rate.

Ohnehin ist auffällig, wie viele europäische Länder im Ranking weit vorne vertreten sind. Gemessen am Anteil der Bevölkerung nehmen sich in Europa besonders viele Menschen das Leben. Keine andere Region weist eine höhere Suizidrate auf. In Afrika und im Nahen Osten, wo vielerorts Armut und Konflikte herrschen, kommt Suizid weitaus weniger häufig vor.

Weltweit liegt die Rate bei etwa 11,5 Suiziden pro 100’000 Personen. Gemäss dieser WHO-Schätzung nehmen sich jedes Jahr über 800’000 Menschen das Leben – eine Person alle 40 Sekunden. Und: Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass auf einen Tod durch Suizid 20 gescheiterte Versuche kommen.

Bei den 15- bis 29-Jährigen ist Suizid weltweit die zweithäufigste Todesursache, in Japan sogar die häufigste. Auch in der Schweiz ist diese Altersgruppe besonders gefährdet. Laut Pro Juventute gibt jeder zweite Jugendliche an, schon einmal Suizidgedanken gehabt zu haben. Durchschnittlich zwei- bis dreimal täglich melden sich aus diesem Grund Jugendliche beim Notruf der Stiftung (siehe Infobox rechts oben).

«Der Tod durch Suizid ist ein häufig unterschätztes Gesundheitsproblem in der Schweiz.»Schweizerisches Gesundheitsobservatorium

Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium spricht von einem «häufig unterschätzten Gesundheitsproblem», nicht nur im Vergleich zu anderen Ländern, sondern auch im Vergleich zu anderen Risiken. Allgemein sei Suizid nach Krebs-, Kreislauferkrankungen und Unfällen der vierthäufigste Grund für frühzeitige Sterblichkeit.

In der Schweiz wie auch weltweit spielt das Geschlecht eine Rolle: Männer sind grundsätzlich stärker vom Problem betroffen als Frauen. Weniger entscheidend ist entgegen landläufiger Meinung die Jahreszeit. Statistisch gesehen sind am ehesten noch der späte Frühling und der Sommerbeginn gefährlich. Psychologen vermuten, dass sich die positive Stimmung anderer Menschen zusätzlich negativ auf das Gemüt depressiver Personen auswirkt. In den düsteren Spätherbst- und Wintermonaten wird hingegen kein signifikanter Anstieg der Suizidzahlen festgestellt.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.11.2018, 19:40 Uhr

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Erste Hilfe

Wohin man sich wenden kann

Beratung:
Dargebotene Hand, Telefon 143 (143.ch)
Angebot von Pro Juventute, Telefon 147 (147.ch)
Kirchen, (Seelsorge.net)

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene
Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (nebelmeer.net)
Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (verein-refugium.ch)
Verein Regenbogen Schweiz (verein-regenbogen.ch)

Kriseninterventionszentrum Zürich, Telefon 044 296 73 10
Kriseninterventionszentrum Winterthur, Telefon 052 224 37 00

Notfallpsychiatrische Dienste in Zürich:
Universitätsspital Zürich, Telefon 044 255 11 11
Stadt Zürich Ärztefon, 044 421 21 21
Jugendberatung Stadt Zürich, Telefon 044 316 60 60

SMS-Seelsorge: SMS an 767

www.tschau.ch
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