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«Da geh ich lieber Lego spielen»

Erziehungsexperten sagen uns, ab wann die Kinder in die Krippe sollen und was Eltern sonst alles beachten müssen. Das nervt.

45 Prozent der Schweizer Kinder sind offenbar bindungsgestört: Kinder in einer Krippe.
45 Prozent der Schweizer Kinder sind offenbar bindungsgestört: Kinder in einer Krippe.

Erziehungsratgeber boomen, Erziehungskurse ebenfalls, und wo immer ein Erziehungsspezialist seine Erkenntnisse verkündet, füllen sich die Kommentarspalten. Auch wieder, als der Zürcher Psychologe Guy Bodenmann auf Redaktion Tamedia erklärte, warum 45 Prozent der Schweizer Kinder bindungsgestört seien.

Vermutlich hätte ich das Interview ja mit schlechtem Gewissen lesen sollen. Weil meine Kinder, anders als von Bodenmann propagiert, nicht erst mit zwei oder drei Jahren in die Krippe gegangen sind. Und weil ich nicht mit wissenschaftlicher Präzision belegen kann, dass meine Dosis Fürsorge immer genau seiner Regel «nicht zu viel und nicht zu wenig» entsprochen hat.

Aber nein, ich habe kein schlechtes Gewissen. Sondern nur, wie immer nach der Lektüre von Erziehungsinterviews, schlechte Laune. So klug sich all diese Experten äussern mögen: Ihre Rezepte nerven mich, ganz egal, welche es sind. Und ihre stereotype Relativierung der Rezepte («in gewissen Fällen kann es natürlich dennoch ...») ebenso. Nicht, weil ich das Gefühl hätte, alles besser zu wissen. Sondern weil ich der «Professionalisierung» des Elternseins skeptisch gegenüberstehe. Und weil Eltern nichts weniger brauchen können als die Verunsicherung, auf die es die Erziehungsexperten geradezu angelegt zu haben scheinen.

Natürlich kann man vieles falsch machen bei der Erziehung (und macht zweifellos vieles falsch). Aber ganz besonders falsch, dies jedenfalls mein Eindruck, ist dies: Dass man sich selbst und den Kindern nichts mehr zutraut. Dass man, kaum sind sie geschlüpft, schon in Kurse rennt, in denen man lernen soll, was man im ständigen Umgang mit Säuglingen sowieso lernt. Und später erst mal in einem Buch nachschlägt, mit welcher Formulierung man denn nun das Kindergartenkind am besten zum Aufräumen seines Zimmers anhält.

Lego statt Fachliteratur

Man könnte ja die ganze Baby-, Kinder- und Jugendzeit des Nachwuchses in Kursen und mit der Lektüre von Fachliteratur verbringen. Schlafen, Essen, Social Media, Mobbing – zu jedem Thema stehen Horden von Fachleuten bereit, die einem sagen, was man zu tun hat. Dabei erwirbt man das wichtigste Fachwissen im Kinderzimmer, wenn man zwischen Millionen von Legoklötzchen auf dem Fussboden sitzt: Da erfährt man mehr über Kreativität, Sprachbeherrschung, Gefühlswelten, den Stand der Feinmotorik und die richtige Taktik beim Aufräumen, als je in irgendeiner Studie stehen könnte.

Und man erfährt wieder ganz anderes im Zimmer nebenan, denn: «Jedes Kind ist anders.» Das betonen auch die Experten, unermüdlich – um dann jeweils im nächsten Satz gleich wieder Kategorien aufzustellen. Mag ja sein, dass man das mit statistisch erheblichem Material tatsächlich kann; aber in der Durchschnittsfamilie sind keine repräsentativen Samples vorhanden, sondern eines oder zwei oder vier Kinder, die nicht einmal im Durchschnitt einer wissenschaftlich eruierbaren Norm entsprechen. Patentrezepte taugen da wenig.

Das soll nun nicht heissen, dass man als Eltern grundsätzlich keine Ratschläge berücksichtigen soll. Aber die Experten, die einem wirklich weiterhelfen, sind nicht jene, die Bücher schreiben. Sondern die Lehrer, die Kinderärztinnen, die Nachbarn, andere Eltern. Leute also, die das eigene Kind kennen, es aber nicht durch die rosa Brille der Elternliebe anschauen. Denen Dinge auffallen, an die man sich als Mutter (oder Vater) längst gewöhnt hat. Und die einem deshalb Konkreteres sagen können, als die Wissenschaft es vermag.

Wobei die Wissenschaftler ja manchmal durchaus versuchen, konkret zu sein. Dann nennen sie Zahlen, also eben zum Beispiel: 45 Prozent der Schweizer Kinder sind bindungsgestört. Es kursieren auch tiefere Werte, oder höhere; man kann sich über sie empören oder sich Sorgen machen. Fragt man allerdings nach Massnahmen zur Verbesserung der Situation, erhält man als Antwort nur Binsenwahrheiten: Bindung ist wichtig. Nicht zu viel und nicht zu wenig.

Also wirklich, wenn das alles ist, was mir die Experten mitzuteilen haben – dann gehe ich eher Lego spielen.

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