«Die Jungen sind kritischer»

Wirtschaftsprofessorin Evi Hartmann staunt, wie viele Menschen ethisch bedenkliche Produkte kaufen – obwohl sie das gar nicht wollen.

Fordert mehr Moral auf allen Ebenen: BWL-Professorin Evi Hartmann. Foto: Tim Wegner (Laif)

Fordert mehr Moral auf allen Ebenen: BWL-Professorin Evi Hartmann. Foto: Tim Wegner (Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sind Sie eine Feindin der Freiheit?
Ich wüsste nicht, warum.

Gewisse Kommentatoren beklagen die fortschreitende Moralisierung des Alltags. Alles, was Spass mache, werde zum Problem: Fleisch essen, Alkohol trinken, faul sein. Forderungen nach moralischem Konsum schränkten unsere Freiheit weiter ein.
Ich sehe das umgekehrt. Wir alle können selber entscheiden, ob wir ein Kleidungsstück kaufen wollen, bei dessen Herstellung Menschen gelitten haben. Oder ob wir lieber die fairere Variante wählen. Gerade in dieser Möglichkeit zum moralischen Handeln zeigt sich unsere Freiheit. Sonst wären wir einfach willenlose Konsumenten.

Aber braucht es einen weiteren Appell ans Gewissen der Konsumenten?
Ich staune immer wieder, wie moralisch blind sich sehr viele Menschen verhalten. Und wie akzeptiert diese Blindheit ist. Wenn in Bangladesh eine Fabrik einstürzt und Hunderte Arbeiter sterben, kritisiert die Öffentlichkeit alle beteiligten Unternehmen. Aber niemand fragt: Warum kaufen so viele Leute Kleider aus Ausbeuterfabriken?

Das Ziel wäre doch: Gesetze, die alle Ausbeuterfabriken verbieten. Dann erübrigte sich die Frage nach dem moralischen Konsum.
Natürlich braucht es griffigere Gesetze für die global tätigen Unternehmen und in den betroffenen Ländern. Aber bis solche Regeln stehen, dauert es oft sehr lange. Die Konsumenten hätten die Macht, die Dinge schneller zu ändern. Was passiert, wenn alle aufhören, Sklavenhalter-T-Shirts zu kaufen? ­Genau: Sie werden nicht mehr hergestellt.

Umgekehrt können die Unternehmen heute sagen: Die Leute wollen billige Produkte. Wir geben sie ihnen.
Die Verantwortung für die Ausbeutung wird gern abgeschoben. Unternehmen verweisen auf die tiefen Mindestlöhne in Indien. Fabrikbesitzer klagen über den Druck der Unternehmen. Diese reden von unübersichtlichen Lieferketten. Um substanziell ­etwas zu ändern, muss man auf allen Ebenen ansetzen: bei den Lieferanten, den Einkäufern, den Herstellern. Und beim Konsumenten.

Als einzelner Konsument kann ich doch nicht viel bewirken.
Diesen Einwand höre ich oft. Das macht ihn nicht wahrer. Auch mit bescheidenen Handlungen kann man seine Umwelt sensibilisieren. Und was wäre die Alternative? Zu verzagen und nichts zu tun?

Das Problem ist: Ethisch korrekter Konsum benötigt Zeit und Geld.
Moralisch einkaufen kann mühsam sein. Es gibt diverse Zertifikate, nicht alle sind transparent. Man muss ein Weilchen im Internet recherchieren, um das Passende zu finden. Das ist eine Frage der Zeitaufteilung: Die meisten von uns verbringen Stunden in den sozialen Medien. Liegt es da nicht drin, sich 15 Minuten pro Tag über Herstellungsbedingungen zu informieren?

Reicht das?
Zumindest erfährt man schon sehr viel. Man sollte auch nicht zu steil anfangen. Am Anfang kann man sich etwa das Ziel setzen, pro Woche ein einwandfreies Produkt zu entdecken.

Tragen Sie selber nur noch Kleider, hinter denen Sie mit bestem Gewissen stehen?
Nein. Solche Verhaltensänderungen verlaufen schrittweise. Und ich habe vier Kinder, dadurch wird die Aufgabe noch anspruchsvoller. Aber ich mache laufend Fortschritte.

Wie?
Indem ich die Augen offenhalte und mit möglichst vielen Leuten über das Thema spreche. Mit der Zeit findet man zunehmend Produzenten, die einem entsprechen.

Kann man den Zertifikaten überhaupt trauen? Man hört immer wieder, dass sich Fabriken bei Kontrollen als vorbildliche Betriebe inszenieren. Kaum sind die Kontrolleure weg, läuft es so schlecht weiter wie zuvor.
Bei solchen «Audits» wird tatsächlich oft geschummelt. Aber dagegen kann man sich gut wehren. Ich kenne eine Firma, die ihre Kontrolleure immer ein paar Tage vor der Anmeldung in die Fabriken schickt. So erhalten sie ein ungeschöntes Bild. Mit ein wenig Kreativität lassen sich Kontrollen wirksam gestalten.

«Wir sind in einer Welt aufgewachsen, in welcher der Konsum über unseren sozialen Wert ­bestimmt.»

Bei manchen Produkten wäre moralischer Konsum auch ganz einfach, etwa beim Handy. Da gibt es das Fairphone, bei dessen Herstellung niemand ausgenutzt wird. Die meisten Leute kaufen aber das neue iPhone – obwohl sie die brutalen Arbeitsbedingungen in kongolesischen Minen nicht gut finden. Wie erklärt sich dieser Widerspruch?
Es gibt zwei Ursachen, die einen solchen Verrat an sich selber ermöglichen. Die erste heisst Statusdruck. Wir sind in einer Welt aufgewachsen, in welcher der Konsum über unseren sozialen Wert ­bestimmt. Um dazuzugehören, muss man die richtigen Dinge besitzen, zum Beispiel ein iPhone.

Und die zweite?
Die weite Entfernung zur Unterdrückung. Zu Arbeitern in China oder im Kongo haben wir keine enge Beziehung. Wenn die Ausbeuterfabriken in unserer Nachbarschaft stehen würden, reagierten viele Menschen empörter.

Sie sagen: Ein gutes Gewissen macht glücklich. Warum verschmähen so viele dieses Glück?
Auch das hat mit dem sozialen Druck zu tun. Niemand will von seinem Umfeld verschmäht werden. Soziale Ächtung macht noch unglücklicher, als das eigene Gewissen zu verletzen.

Wie lässt sich das durchbrechen?
Indem man darüber redet, den Mitmenschen sein Tun erklärt, auf die Probleme aufmerksam macht. Das braucht Zeit, der kopflose Konsum ist tief in uns verwurzelt. Ich sehe das bei meinen Kindern. In der Schule geht es vor allem darum, wer die coolsten, neusten Geräte hat.

Das klingt hoffnungslos.
Gar nicht. Solche Muster lassen sich knacken. Schauen Sie die Mülltrennung an: Am Anfang wollte die niemand. Man fand sie abartig. Heute ist sie völlig normal. Es schmerzt uns sogar, eine ­Flasche in den normalen Müll zu schmeissen.

«Nur weil etwas viel kostet, stammt es nicht automatisch aus vorbildlichen Fabriken.»

Oft wird gesagt: Moralischer Konsum ist ein Anliegen des Mittelstands. Die Armen haben zu wenig Geld dafür.
Dabei hängt die moralische Qualität eines Produkts nicht vom Preis alleine ab. Nur weil etwas viel kostet, stammt es nicht automatisch aus vorbildlichen Fabriken.

Aber Billigstprodukte können kaum mit hohen Löhnen hergestellt werden.
Je weniger man für etwas zahlt, desto härter muss auf den Preis gedrückt worden sein – und das geschieht fast immer auf Kosten der Arbeiter. Aber selbst Discounter können moralisch produzieren. H & M etwa fordert von all seinen Lieferanten faire Bedingungen in den Fabriken ein.

Tendenziell kosten moralisch einwandfreie Produkte jedoch mehr.
Es gibt keine Notwendigkeit, jeden Tag ein Hühnchen zu essen. Aber viele Leute haben diese Erwartung. Also werden Hühnchen für 2 Euro hergestellt – unter schlimmen Bedingungen für Mensch und Tier. Umgekehrt lassen Penny-Shops die Menschen glauben, dass sie sich jeden Tag ein neues T-Shirt kaufen können. Dem ist aber nicht so.

In einer fairen Welt können sich die Reichen folglich weiterhin alles leisten – die Armen aber viel weniger. Das ist doch ungerecht.
Dass es arme und reiche Menschen gibt, ist ein ­anderes Thema. Aber wir können innerhalb von Europa doch nicht eine Art Konsumgleichheit herstellen, die nur funktioniert, weil Menschen in den Entwicklungsländern leiden.

Das heisst: Wer wenig verdient, muss bei fairem Konsum auf gewisse Dinge verzichten.
So sehe ich das. Aber dazu sind viele Menschen nicht bereit. Oft fehlt ihnen auch die nötige Bildung, um die Folgen ihres Tuns zu hinterfragen. Darin muss man sie unterstützen.

Mit Moralunterricht in der Schule?
Früher gab es den Religionsunterricht, da wurden solche Fragen thematisiert, egal, ob man die Antworten gut fand oder nicht. Wir brauchen aber kein neues Fach. Moral spielt in fast allen Bereichen eine Rolle. Folglich müsste man auch fast alle Fächer mit einem Fokus auf moralische Probleme unterrichten. Bisher geschieht dies viel zu wenig. In meinem Gebiet, der Betriebswirtschaft, wurde man lange belächelt, wenn man solche Fragen nur schon erwähnte.

Sie taten es trotzdem.
Ich spreche das Thema so oft wie möglich an, auch wenn ich mit Praktikern aus der Industrie rede.

Wie kommt das an?
Ich beobachte einen Wandel zum Guten. Die jungen Leute sehen die Dinge kritischer, hinterfragen das reine Kostendenken, das alle Folgen ausblendet. Auch die Fixiertheit auf den Status bröckelt langsam. Die Share Economy, die ohne Eigentum auskommt, hilft dabei.

«­Warum sollen Millionen von Menschen 14 Stunden pro Tag für einen Lohn arbeiten, mit dem sie kaum genug Essen kaufen können?»

Ein anderer Einwand gegen den moralischen Konsum lautet: Europa brauchte 200 Jahre, um den heutigen Arbeiterschutz zu erreichen. Deshalb sei es bevormundend, wenn man von den Entwicklungsländern den gleichen Fortschritt in viel kürzerer Zeit fordere.
Vielleicht ist das bevormundend. Aber wir haben den Vorteil, dass wir den Ausweg kennen. Warum sollen wir die Fehler von früher wiederholen? ­Warum sollen Millionen von Menschen 14 Stunden pro Tag für einen Lohn arbeiten, mit dem sie kaum genug Essen kaufen können? Dabei gäbe es relativ einfache Lösungen.

Zum Beispiel?
Indem alle Unternehmen verpflichtet würden, einen «living wage» zu zahlen, also einen Lohn, von dem eine ganze Familie leben kann. Damit erledigte sich auch die Kinderarbeit. Wenn Familien nicht auf das Geld ihrer Kinder angewiesen sind, schicken sie diese viel eher in die Schule.

In diesem Fall, sagen Kritiker, verlören die Entwicklungsländer ihren Wettbewerbsvorteil. Die Fabriken würden wegziehen. Die Globalisierung gebe den Ärmsten Jobs. Das sei viel besser als nichts.
Ein weltweiter Warenaustausch kann für alle ­Vorteile bringen. Aber wir müssen die Auswüchse bekämpfen. Die Globalisierung funktioniert auch ohne sklavenartige Arbeitsbedingungen.

Gibt es überhaupt einen moralisch makellosen Konsum? Also einen, der weder Menschen, Tiere noch die Umwelt schädigt?
Das ist eine ziemlich deutsche Frage – obwohl Sie Schweizer sind. Dahinter steht das Bedürfnis nach dem Absoluten. Wenn man etwas richtig macht, dann 100 Prozent. Vegan oder sonst gar nichts. Dabei kann man auch in kleinen Schritten vorwärtsgehen. Man muss nicht immer alles wollen.

Ich meinte es allgemeiner: Ist eine nachhaltige Wirtschaft grundsätzlich möglich?
Ich weiss es nicht. Aber als Ziel ist die Vorstellung wertvoll. Sie gibt die Richtung an, in die wir uns ­bewegen sollen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2016, 18:37 Uhr

Evi Hartmann

Professorin und Buchautorin

Die 42-jährige Evi Hartmann ist BWL-Professorin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Dort unterrichtet sie «Supply Chain Management», also wie Lieferketten in der globalisierten Wirtschaft optimiert werden können. Hartmann kritisiert, dass moralische Fragen in ihrem Fachgebiet kaum zur Sprache kommen – obwohl fast alle Beteiligten von den miserablen Arbeitsbedingungen in vielen Fabriken wissen. Hartmann ist ­Mutter von vier Kindern. Ihr Buch «Wie viele Sklaven halten Sie? Über Globalisierung und Moral» ist im Campus-Verlag erschienen. (bat)

Artikel zum Thema

«Konsum ist doch keine Sünde»

Interview Der Avenir-Suisse-Ökonom und ETH-Dozent Marco Salvi kritisiert den Wirtschaftsunterricht im Lehrplan 21. Zwinglianisch und laienhaft seien die Lernziele. Und nicht nur das. Mehr...

An den Grenzen des Fair Trade

In Ghana zeigt sich, was das Fair-Trade-Label den Kakaobauern wirklich bringt. Und warum es immer wieder an seine Grenzen stossen wird. Mehr...

Jetzt sollen Sie auf Konsum verzichten – findet Bern

Propaganda für die Initiative «Grüne Wirtschaft»? Den Verdacht hegen SVP und FDP. Schuld? Der Direktor des Bundesamts für Umwelt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Schall und Rauch: Kiffer versammeln sich vor dem kanadischen Parlamentshaus in Ottawa, um bei der jährlichen sogenannten «4/20»-Demonstration teilzunehmen. Das Land hat den Cannabiskonsum legalisiert. (20. April 2018)
(Bild: Chris Wattie ) Mehr...