Die Hipster aus Kurdistan

Mitten im kurdischen Autonomiegebiet im Irak haben drei Freunde einen Club für stilbewusste Herren gegründet. Nun werden sie mit Mitgliedsanfragen überhäuft.

«Es geht uns nicht primär um die Klamotten»: Clubgründer Ahmed Nauzad (rechts). Foto: Instagram

«Es geht uns nicht primär um die Klamotten»: Clubgründer Ahmed Nauzad (rechts). Foto: Instagram

Paul-Anton Krüger@pkr77

Ein Gentleman kommt nicht zu spät, und so sagt Ahmed Nauzad: «Lass uns lieber Viertel nach machen. Du weisst ja, der Bart und die Haare, das braucht Zeit.» Er erscheint dann auf die Minute pünktlich; und erscheinen ist genau das richtige Wort. Die schwarzen Haare exakt gescheitelt, der Vollbart auf der Oberlippe leicht gezwirbelt, unterm Kinn sauber getrimmt, gebürstet, seidig glänzend. Kräftiger Händedruck, ein gewinnendes Lächeln, blitzbraune Augen. Er trägt ein nachtblaues Jackett, graue Weste, weisses Hemd, dazu ein weisses Einstecktuch mit blauem Rand und eine beige Krawatte, von der noch zu reden sein wird.

Ahmed Nauzad fällt auf hier, in Arbil, der Hauptstadt der kurdischen Autonomiegebiete im Irak, wo man Männer eher in billigen Anzügen sieht, in traditionellen Ranku Choxa, weiten Hosen, oder in Uniform – Mosul und die Front im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sind keine 80 Kilometer entfernt. Lange Bärte verbinden hier viele nicht mit Dandys, sondern mit halsabschneidenden Jihadisten. Zumindest war das so bis Februar 2016 – damals gründete Nauzad mit zwei Freunden «Mr. Erbil», den ersten Gentlemen’s Club in Kurdistan und im Irak.

Image der Kurden verbessern

«Wenn man was Neues anfängt, wird man immer skeptisch beäugt», sagt Nauzad, 27, der lange im deutschen Ludwigshafen gelebt hat. In vielen Dingen ist die kurdische Gesellschaft nach wie vor konservativ; lokale Medien in Arbil wollten anfangs nichts wissen von ihrer Idee. Dabei war eines ihrer Motive, das Image der Kurden in der Welt zu verbessern. «Es gibt kaum positive Berichterstattung», sagt Nauzad, «höchstens über die Peshmerga, aber auch das hat ja wieder mit Krieg zu tun. Kaum jemand weiss, wie es hier ist.»

Ohne den Krieg aber hätten sich die drei Freunde vielleicht gar nicht wiedergetroffen. Nauzad kehrte aus Deutschland zurück, als im Sommer 2014 die IS-Terroristen bis auf 30 Kilometer an Arbil heranrückten. Seine Familie war vor Saddam Hussein an den Rhein geflohen, kehrte aber nach dessen Sturz 2003 heim. Er sah seine Zukunft in Europa, doch als die Bedrohung so nahe kam, fühlte er die Pflicht, zurückzugehen. «Alleine wenn du da bist, hilfst du deiner Familie», sagt er.

Wieder in Arbil, wollte er seine alten Kumpels wiedersehen und traf Omer Nihad und Goran Pschtiwan, die drei waren einst zusammen zur Schule gegangen. «Wir haben schon immer ein Faible für Mode gehabt», sagt Nauzad. Ihre Vorbilder: die Herren, die in edlem Zwirn zur Mode- und Accessoire-Messe Pitti Uomo in Florenz auflaufen. Sie fanden mehr als 20 Gleichgesinnte, organisierten das erste Treffen. Die Bilder von den gut gekleideten Herren im ehemaligen Kriegsgebiet verbreiteten sich in den sozialen Netzwerken, die hier das wichtigste Kommunikationsmittel der jungen Generation sind. Inzwischen haben sie 80 000 Follower auf Instagram. Mitte Januar berichtete das US-Internetportal Vocativ über den Club, dann kam die BBC. Seither könnten sie sich «vor Anfragen aus allen Kontinenten kaum retten», sagt Ahmed Nauzad.

«Dabei geht es uns nicht primär um die Klamotten», fügt er hinzu. «Die Begeisterung für Mode verbindet zwar die Herren, aber sie ist nur Mittel zum Zweck.» Sie verschafft Aufmerksamkeit, aber Gentleman zu sein, ist für ihn eine Lebenseinstellung. Sie setzen sich ein für respektvollen Umgang miteinander, für die Gleichberechtigung von Frauen – auch wenn die dem Club nicht beitreten dürfen. Sie bieten ihnen die Möglichkeit, Projekte zu präsentieren, nutzen ihre Bekanntheit, um sie zu unterstützen. Religion und Politik bleiben aussen vor bei den Treffen, anders als in den englischen Vorbildern des Clubs.

Und anders als die Dandys vertreiben sich die Gentlemen in Arbil die Tage nicht mit demonstrativ zur Schau gestelltem Müssiggang. Sie wollen positive Entwicklungen anstossen in Kurdistan, sagt Nauzad, denn «hier ist nicht viel los». Der Krieg hat den Boom gestoppt. Die Regionalregierung streitet mit Bagdad um Öleinnahmen und hat seit Monaten keine Gehälter mehr gezahlt, unternehmerische Initiative ist nicht weit verbreitet. Sie lassen ihre Anzüge von lokalen Schneidern nach Mass anfertigen, «die Stoffe müssen wir leider importieren», sagt Nauzad. Aber sie hoffen, ein Geschäft aus ihrer Vorliebe zu machen und damit Arbeitsplätze zu schaffen.

Bartöl, made in Kurdistan

Eine eigene Modelinie – davon träumen sie. Ein Anfang ist gemacht mit Rishn, auf Kurdisch «der Bärtige», einer kleinen Firma, über die sie Bartöl, Kämme, Bürsten und Pflegesets verkaufen, hergestellt in Kurdistan. Neben Arbil und Sulaymaniya haben sie in Amsterdam einen Vertrieb, wollen expandieren. Die Krawatte um Ahmed Nauzads Hals soll der nächste Schritt sein. Sie ist aus Ziegenhaar, alles Handarbeit und ökologisch korrekt. Die Tiere werden im Sommer in den Bergen geschoren, die Stoffe traditionell für wertvolle Festgewänder verwendet. Fühlt sich an wie Leinen, ist von der Struktur aber viel feiner, hochwertiger. Lokale Produkte aus Kurdistan für Luxuskunden im Westen, das ist die Idee der Gentlemen.

Sie wollen professioneller werden und hoffen, dass ihnen das anhaltende Interesse der Öffentlichkeit hilft. «Wir haben unsere Ausbildung von Youtube», sagt Ahmed Nauzad, die Schnitte für die Anzüge, alles haben sie sich selbst beigebracht. Ein Design-Workshop auf der Fashion Week in Berlin, das wäre es; ein Seminar zu Etikette in einem Club in England, etwas in der Art. Und vertrauenswürdige Partner finden.

In Arbil könnte dann irgendwann ein Clubhaus entstehen. Mit Dresscode natürlich, Ledermöbel, Zigarren-Lounge und Coffeebar. «Und mit einem Barbier, aber nur mit einem Stuhl», sagt Ahmed Nauzad. Der Club soll ja exklusiv bleiben. «Die meisten Anfragen nach einer Mitgliedschaft müssen wir ablehnen», sagt Nauzad. Mehr als 300 waren es schon. «Für uns zählt, dass sich unsere Mitglieder jederzeit als Gentlemen verhalten», sagt er. Keine Frage also, wer am Ende des Gesprächs den Kaffee bezahlt und den Gast zum Hotel geleitet.

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