«Die Fahrt war befreiend»

Manal al-Sharif ist in Saudiarabien Auto gefahren – und landete dafür im Knast. Jetzt spricht sie im Interview.

Versucht sich und andere Frauen von Verboten zu befreien: Manal al-Sharif. (Foto: Jemal Countess/Getty Images)

Versucht sich und andere Frauen von Verboten zu befreien: Manal al-Sharif. (Foto: Jemal Countess/Getty Images)

Saudiarabien ist das einzige Land der Welt, in dem Frauen nicht Auto fahren dürfen. Ein Verbot per Gesetz existiert zwar nicht, dennoch steckt man Frauen, die sich ans Steuer wagen, ins Gefängnis. Frauen wie Manal al-Sharif, deren Fall international für Aufsehen sorgte. Die 1979 geborene IT-Beraterin liess sich vor gut sechs Jahren von einer Freundin beim Autofahren filmen und veröffentlichte das Video im Internet. Drei Tage nach der Fahrt verhafteten Sicherheitsbehörden Manal al-Sharif. Internationale Menschenrechtsorganisationen protestierten, kurz darauf war sie wieder in Freiheit. Heute lebt al-Sharif in Australien und tritt für die Rechte von Frauen in der islamischen Welt ein. Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch namens «Losfahren» geschrieben, das diese Woche auf Deutsch erscheint.

Fahren Sie gerne Auto?
Überhaupt nicht. Seit ich festgenommen worden bin, assoziiere ich Autofahren mit etwas Bösem. Ich habe deshalb vor drei Wochen mit einer Therapie begonnen. Jedes Mal, wenn ich am Steuer sitze, steigen Erinnerungen an meine Festnahme auf und die grauenvollen Haftbedingungen.

Wie sind Sie als Frau überhaupt an ein Auto gekommen?
Frauen dürfen in Saudiarabien Autos kaufen, sie dürfen sie aber nicht fahren. Mein damaliger Mann musste alle Papiere unterzeichnen, aber es war mein Geld, das ich verdient hatte als IT-Sicherheitsexpertin bei der Ölfirma Aramco. Auf deren Gelände gelten amerikanische Regeln, weil die Firma früher mal in Besitz von Amerikanern war. Frauen dürfen da also Auto fahren, aber sobald sie das Firmengelände verlassen, gilt das Frauenfahrverbot Saudi-Arabiens wieder.

Besitzen Sie Ihr Auto noch?
Ja. Es steht in einer Garage in Dschidda, bei meinem Vater. Auch die Kennzeichen habe ich noch. Eines Tages wird es ein Frauen-Museum geben in Saudiarabien, da soll es dann ausgestellt werden.

Was haben Sie gefühlt, als Sie sich in Ihr Auto setzten und einfach losfuhren?
Meine Freundin und ich, wir beide waren sehr aufgeregt, aber wir hatten auch grossen Spass. Das Fahren hatte etwas Befreiendes. Ich war mir sicher, dass uns niemand festnehmen würde. Uns war es wichtig, Augenkontakt aufzunehmen zu anderen Fahrern. Manche haben verwirrt geschaut. Das Video von unserer Spritztour haben wir auf Youtube hochgeladen, gleich am ersten Tag wurde es 700 000 Mal aufgerufen. Aber wir beide haben einen hohen Preis bezahlt. Meine Freundin durfte Saudiarabien ein Jahr lang nicht verlassen, mich steckte man ins Gefängnis, und ich erhielt Todesdrohungen.

In Saudiarabien dürfen Frauen nicht schwimmen, nicht die Augenbrauen zupfen, und ins Krankenhaus nur in Begleitung eines männlichen Verwandten. Wie fühlten Sie sich in dieser Atmosphäre?
Der Alltag als Frau besteht aus einem ständigen Abwägen, Umgehen, Erfüllen von Verboten, religiösen Vorschriften, Gesetzen. Nicht alles, was Frauen untersagt ist, steht auch im Gesetzbuch. Manche Verbote wie etwa das Augenbrauenzupfen habe Gott verfügt, heisst es. Mädchen dürfen nicht Rad fahren, damit sie ihre Jungfräulichkeit dabei bloss nicht verlieren. Auch das ist kein Gesetz. Männer und Frauen werden in Restaurants, Banken, Schulen getrennt. Das ist Gesetz. Auch, dass ich ohne schriftliche Erlaubnis meines Vaters nicht arbeiten, studieren oder das Land verlassen kann. Aber am für Muslime heiligsten Ort der Welt, der Kaaba in Mekka, laufen Männer und Frauen durcheinander. Das zeigt die ganze Absurdität der Verbote.

Wann haben Sie begonnen, all das zu hinterfragen?
Bis ich in die Schule kam, habe ich alles infrage gestellt. Wenn mir meine Eltern verboten haben, Rad zu fahren, habe ich es trotzdem heimlich gemacht. Mit Jungs durfte ich nicht reden, aber mein bester Freund war früher ein Junge.

Als Sie auf die Schule gingen, endete Ihre rebellische Phase. Warum?
Die Lehrer in den Schulen unterziehen die Kinder einer Gehirnwäsche, sie betreiben religiöse Indoktrination. Die Spiegel in den Toiletten waren abmontiert, damit wir unsere Gesichter nicht betrachten konnten. In der Schule habe ich das Aufbegehren, das Infragestellen beendet, ich wollte meinen Religionslehrerinnen imponieren und habe mich sogar vollverschleiert.

Sie haben damals die Musikkassetten Ihres Bruders und die Modemagazine Ihrer Mutter verbrannt.
Ja, verrückt, wenn ich heute zurückblicke. Ich dachte in der Schule wirklich, dass diese Regeln alle von Gott erlassen wurden, dabei war ich die ganze Zeit unglücklich. Je mehr ich versucht habe, nach den Regeln zu leben, desto unglücklicher wurde ich. Insgeheim habe ich mich ständig gefragt: Was hat Gott mit meinen Augenbrauen zu tun?

Video: Manal al-Sharif beim Autofahren.

Sie leben heute mit Ihrem Mann und Ihrem zweiten Sohn in Sydney und tragen Ihr Haar offen. Wie haben Sie sich vom radikalen Islam gelöst?
Mein Augenöffner waren die Terroranschläge vom 11. September 2001. Ich brach mit dem Salafismus, weil ich nicht glauben konnte, dass Gott das Töten Tausender unschuldiger Menschen befohlen hat. Auch der Arabische Frühling hat mich weiter ermutigt.

Es gibt kein Gesetz, das Frauen das Fahren in Saudiarabien untersagt. Mit welchem Argument hat die Regierung Ihre Festnahme damals begründet?
Sie haben mir vorgeworfen, dass ich als fahrende Frau die öffentliche Ordnung gestört hätte.

Die Regierung hat auch den Professor einer konservativen Universität beauftragt, ein Gutachten anzufertigen. Darin schrieb er, dass Frauen am Steuer Prostitution, Pornografie, Homosexualität und Scheidungen förderten und zu einem Ende der Jungfräulichkeit beitrügen.
Ich war geschockt, als ich das las.

Hatten Sie Ihre Eltern in Ihren Plan, Auto zu fahren, eingeweiht?
Nein, nur mein Bruder wusste davon. Meine Mutter weinte, als ich ins Gefängnis kam, mein Vater musste sich öffentlich entschuldigen und bat den König bei einer Audienz um Vergebung. Es war schwierig für meine Eltern, die ja aus sehr einfachen Verhältnissen stammen, dass ich plötzlich weltberühmt war und sogar Hillary Clinton sich für mich einsetzte.

Ihre Eltern haben Sie dabei unterstützt zu studieren. Andererseits hat Ihre Mutter Sie beschneiden lassen. Wie passt das zusammen?
Das Wichtigste für eine Familie ist es, die Jungfräulichkeit einer Frau zu bewahren. Die Gesellschaft übt enormen Druck auf Familien aus, diesem Gebot zu folgen.

Männer dagegen dürfen Sex haben vor der Ehe.
Ja, man redet nicht darüber, aber alle wissen es. Ein Mann kann ja auch vier Frauen haben. Sämtliche Regeln, die ich befolgen musste, galten nicht für meinen Bruder. Als Mädchen habe ich mir oft gewünscht, ein Junge zu sein. Die dürfen schreien, rennen, Fussball spielen.

In Saudiarabien erhoffen sich Frauen durch eine Aufhebung des Fahrverbots heute Freiheit. In Deutschland wird Autofahren oft mit Unfreiheit assoziiert, mit Parkplatzsuche und Stau.
Es geht mir ja nicht nur darum, von A nach B zu kommen. Wir wollen mit unserem Protest unser Leben selbst in die Hand nehmen und uns nicht mehr von Männern vorschreiben lassen, was wir dürfen. Es geht um die Emanzipation, das Fahrverbot ist ja ein Herrschaftsinstrument dieses Königreichs der Männer. Wir sollen zu Hause bleiben, kochen, Kinder hüten.

Ivanka Trump, die Tochter des US-Präsidenten, hat bei ihrem Besuch in Saudiarabien im Mai gesagt, sie sei beeindruckt von den Fortschritten in Bezug auf Frauenrechte.
Ich empfand diese Feststellung als kränkend. Natürlich präsentiert eine Diktatur wie Saudiarabien ihren Besuchern nur ausgewählte Menschen. Ivanka Trump wurden sehr privilegierte Frauen vorgestellt, sodass sie jetzt glaubt, es sei alles Rosen und Regenbogen in Saudiarabien. Dabei brauchen wir mehr Ehrlichkeit. Demokratien dürfen gegenüber Diktaturen keinen Schmusekurs fahren.

Was wünschen Sie sich von Europa?
Es wäre schon ein guter Anfang, wenn die europäischen Staaten einfach nur noch Botschafterinnen nach Saudiarabien entsendeten. Das wäre ein Statement ohne viele Worte. Angela Merkel hat genau das getan, als sie Saudiarabien besucht und kein Kopftuch getragen hat. Dafür haben wir Frauen sie geliebt. Ich hoffe, dass mein Buch auch das Bewusstsein erweitert bei deutschen Firmen, die mit Saudiarabien lukrative Geschäfte betreiben. Es gibt da einen sehr grossen deutschen Autokonzern, der ein Magazin für Frauen herausgibt. Deren Redakteurin hat mich kürzlich kontaktiert. Sie wollte ein Porträt über mich schreiben, sie war begeistert von meiner Geschichte. Vor ein paar Tagen schrieb sie mir, dass die Konzernleitung das Porträt verbietet. Da schlägt der Gewinn die Moralität, kann ich nur entsetzt feststellen.

Gibt es denn gar keine Fortschritte in Saudiarabien?
Doch, zaghaft, zu zaghaft. Im vergangenen Jahr haben vier Frauen an den Olympischen Spielen teilgenommen, sie mussten aber vollverschleiert rennen. Und bei den jüngsten Gemeindewahlen gewannen 15 Frauen Sitze, allerdings von insgesamt 2106, also weniger als ein Prozent. Und fahren dürfen Frauen inzwischen auch ein bisschen.

Fahren? Seit wann denn das?
In Dschidda gibt es einen Jahrmarkt, auf dem es an einem Abend in der Woche Frauen erlaubt wird, Autoscooter zu fahren.

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