Die besseren Beine

Aimée Mullins ist Sportlerin, Muse, Model und Beinamputierte.

Sie ist mit fibularer Hemimelie zur Welt gekommen, unterentwickelten Wadenbeinen und verkrümmten Füssen: Aimée Mullins. Pascal Le Segretain (Getty Images)

Sie ist mit fibularer Hemimelie zur Welt gekommen, unterentwickelten Wadenbeinen und verkrümmten Füssen: Aimée Mullins. Pascal Le Segretain (Getty Images)

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Aimée Mullins stolziert über die Bühne. Sie humpelt nicht, sie schwankt nicht. Sie setzt sich, schlanke Beine übereinandergeschlagen, etwas Haut schaut hervor zwischen Schuhen und Hose. Doch was man sieht, sind keine Beine, sondern Prothesen aus Silikon. Selbst von Nahem sehen sie aus wie Menschenbeine aus Fleisch und Blut. Die modernsten Prothesen der Welt.

Für ihren Auftritt auf der Digitalkonferenz South by Southwest in Austin in Texas hat sich Mullins für das unsichtbare Prothesenmodell entschieden. Sie könnte auch die mit Weinranken filigran verzierten Holzbeine tragen, die der Modedesigner Alexander McQueen für sie handgeschnitzt hat. Oder die gebogenen Prothesen aus Karbon, gestaltet für sie nach dem Vorbild von Geparden. Damit brach sie einst den Weltrekord, jetzt sind sie Standard für amputierte Hochleistungssportler. Oder die bionischen Beine, die sie mit Robotermotoren beim Joggen durch den New Yorker Central Park antreiben.

Mullins ist Sportlerin, Topmodel, Schauspielerin, Aushängeschild moderner Prothesentechnik und Vorbild von Menschen, die mit dem Wort Behinderung nichts zu tun haben wollen. Wer mit ihr über Prothesen spricht, redet nicht mehr über Behinderung, sondern über Potenzial. Können wir irgendwann über Häuser springen, schneller rennen als Geparden, fliegen? Wie schnell, wie flexibel, wie gut kann der Mensch sein? «Ich will Träume, Fantasie und Gedanken anregen», sagt die 42-jährige Amerikanerin.

«Ich wollte die schnellste Frau der Welt werden»

Ihre Welt war nicht immer so voller Chancen. Mullins zeigt ein Foto von sich, wie sie mit klobigen Prothesen neben dem Sandkasten hockt, etwa fünf Jahre alt, Beine aus einem Holz-Plastik-Gemisch, festgeschnürt mit Leder und Metall. Sie ist mit fibularer Hemimelie zur Welt gekommen, unterentwickelten Wadenbeinen und verkrümmten Füssen. Als sie ein Jahr alt war, entschieden die Ärzte, sie zu amputieren.

In der dritten Klasse malte sie Bilder von Beinen mit Raketenantrieb an den Füssen. «Ich wollte die schnellste Frau der Welt werden», sagt sie. «Aber mit den Prothesen war es wie rennen mit Skistiefeln.» Dann war sie zu Besuch bei Madame Tussauds in London, sah die lebensechten Wachsfiguren und erkannte: «Vielleicht habe ich mich bislang mit den falschen Leuten unterhalten.» Danach schrieb sie Briefe an Menschen, die noch keine Prothesen gestaltet und darum keine Vorstellung davon hatten, welche Beeinträchtigungen damit verbunden sind. Und siehe da: Sie bekam bessere Beine, konnte Softball spielen, Ski fahren. Sie fuhr zu den Paralympics und gewann. Sie wurde Alexander McQueens Muse, lief über Laufstege, zierte die Titelbilder der wichtigsten Magazine. Sie wechselt ihre Beine, wie es ihr gefällt. Wenn sie mit ihren Roboterprothesen joggt, kann niemand mithalten. «Fair ist das nicht – und das ist genau, was mir gefällt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2018, 21:20 Uhr

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