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Der Stolz, ein schönes Auto zu besitzen

Männer mögen schöne Autos. Was aber macht die Faszination aus: Das Gefühl, etwas Einmaliges zu besitzen? Der Reiz der Technik? Die Freude an tollen Formen?

Stolz seiner Besitzer: Miniaturen trösten den Autofreund, wenn er mal nicht hinter dem Steuer sitzen kann.
Stolz seiner Besitzer: Miniaturen trösten den Autofreund, wenn er mal nicht hinter dem Steuer sitzen kann.
Keystone

Seit ich Mercedes fahre, fühle ich mich als Teil der automobilen Geschichte. Meine fünf Autos bieten einen guten Überblick über die mehr als hundertjährige Entwicklung der Edelmarke. Ich besitze einen blauen Mercedes-Simplex von 1902 mit hölzernen Speichenrädern. Dazu einen schwarzen 770 K, Baujahr 1937, der mit seinen geschwungenen Kotflügeln und seitlichen Trittbrettern aussieht wie ein Gangsterauto aus Chicago. Dann den grauen Ponton-Mercedes von 1953 mit der revolutionären selbsttragenden Karosserie, welche alle andern Autobauer schamlos kopierten. Schliesslich das knallrote 280 C/8 Cabriolet aus dem Jahr 1958, eine unerreichte Schönheit. Und natürlich das elegante E 220 Coupé, Jahrgang 94, gestylt vom italienischen Designer Bruno Sacco.

Vier der fünf Wagen stehen akkurat aufgereiht in meinem gläsernen Büchergestell. Es sind Modelle im Massstab 1:18, ein jedes fast 30 Zentimeter lang. Das almandinrote Coupé dagegen steht in der Garage und misst 4,75 Meter. Mit seinen fliessenden Formen, der glänzenden Lackierung und den schwarzen Lederpolstern wirkt es edel. Es hat ein automatisches Getriebe, ein lautlos funktionierendes Schiebedach und eine mit Zebranoholz ausgelegte Schaltkonsole. Kenner nennen diesen E 220 «den letzten Echten»; seither hat es keinen Mercedes von vergleichbarer handwerklicher Qualität mehr gegeben. Mit zum Tollsten gehören die elektrischen Gurtbringer. Man steigt ein, dreht den Zündschlüssel, und von hinten reicht einem ein mechanischer Arm geräuschlos die Sicherheitsgurte. Die ersten Male sagte ich vor lauter Überraschung «danke».

Dass es mit mir einmal so weit kommen würde, hätte ich nie gedacht. Die letzten 20 Jahre war ich überwiegend mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Wenn ich – selten genug – ein Auto benötigte, nahm ich mir einen Familienwagen von Mobility.

Ansteckende Schwärmereien

Zunehmend verspürte ich indes den Wunsch, auch einmal ein richtig schönes Auto zu besitzen. Ich diskutierte immer wieder mal mit einem Freund, der seit Jahren einen eleganten Alfa Romeo fährt. Niemand schwärmt ansteckender von feinen Lederpolstern und charakterstarken Motorgeräuschen als er. Nach einem Sonntagsbrunch machten wir uns im Internet auf die Suche und wurden fündig. Drei Tage später fuhren wir den Almandinroten in Dübendorf zur Probe.

Kaum stand der Mercedes auf meinem Parkplatz, wollte ich mehr über die Geschichte dieser Traditionsmarke erfahren. Bei Orell Füssli blätterte ich in Bildbänden, kaufte mir dann aber nur das Buch «So wirds gemacht» von Hans-Rüdiger Etzold. Der deutsche Fachmann beschreibt minutiös, wie man beim E 220 selber Reparaturen ausführt. Die Lektüre fesselte mich wie ein Krimi, auch wenn mir nichts ferner liegt, als mich an meinem Wagen handwerklich zu vergreifen.

Nachdem ich in der Anfangseuphorie einem Klub deutscher Mercedes-Enthusiasten beigetreten war (und es mittlerweile ein wenig bereue), bestellte ich übers Internet für zehn Euro ein Modell meines Coupés – und verschätzte mich arg: Zwar traf ein grosses Paket ein; drin steckte allerdings nur ein winziges Auto, ganze vier Zentimeter lang. Die Enttäuschung war riesig. Umso mehr begeisterte mich der Besuch im Stuttgarter Benz-Museum. Was ich dort an historischen Ausstellungsstücken sah, weckte in mir den Wunsch, zu Hause auf dem Büchergestell mein eigenes kleines Benz-Museum zu eröffnen.

So lernte ich Bruno Scherzinger kennen. Oder besser: zunächst sein Geschäft modelcar4you im Internet. Er lieferte mir nach und nach, was mein Herz begehrte. Später besuchte ich ihn im luzernischen Ohmstal, wo er in der ehemaligen Poststelle sein Spezialgeschäft eingerichtet hat. Dort präsentiert er rund 2000 Automodelle, vor allem in den Massstäben 1:18 bis 1:8. Das detailgetreuste ist ein Mercedes-Benz SSKL aus dem Jahr 1931 für 350 Franken, «made in China». Er besteht aus 1885 Teilen, alle von Hand zusammengesetzt. Kleine Ledergurte mit niedlichen Miniaturschnallen umfassen die Kühlerhaube. In jedem Rad glitzern Dutzende von haarfeinen Speichen. «Das ist eines meiner schönsten Stücke», sagt der Ladeninhaber nicht ohne Stolz, «diese Handarbeit wäre bei uns unbezahlbar».

Der Luzerner kommt öfters mit den Sammlern ins Gespräch. Einige der Kunden besitzen selber ein schönes Auto und fahren nach Ohmstal, um sich ein Modell des eigenen Wagens zu kaufen. Primär seien sie fasziniert von der Originalität und der Schönheit der Modelle, sagt Scherzinger; auch mögen sie es, wenn sich kleine Kofferraumdeckel und Motorhauben öffnen lassen. Der eine baut sich sukzessive eine Ferrari-Sammlung auf, andere haben es auf Supersportwagen wie Aston Martin oder Lamborghini abgesehen, dritte suchen Autos aus bestimmten Epochen. Viele Kunden, die sich noch nie gesehen haben, kämen miteinander ins Fachsimpeln, beobachtet Scherzinger. Dabei spiele es keine Rolle, ob einer Normalverdiener sei oder mehr Geld zur Verfügung habe: «Das Gemeinsame ist der wahr gewordene Traum vom eigenen, schönen Wagen.»

Seine Geschäfte haben sich für heutige Zeiten untypisch entwickelt. Die Verkäufe übers Internet seien wichtig als Basis sowie als Plattform für alle News, sagt Scherzinger. Doch der Umsatz im Ladenlokal gewinne immer stärker an Bedeutung, denn viele Kunden benützten gerne die Gelegenheit für einen Ausflug mit dem Auto: «Sie wollen die Miniaturen von allen Seiten betrachten können.»

Dass die Freude am Auto eine sinnliche Dimension hat, unterschreibe ich voll und ganz. Das Zebranoholz rund um die Armaturen mit einem antistatischen Lappen zu polieren, ist ein Vergnügen. Für die 9-Loch-Felgen habe ich mir extra ein mildes Reinigungsmittel besorgt, und bevor der Herbst kommt, wird der Lack mit Turtle-Wax behandelt.

Der Motor flüstert

Eigentlich schaue ich mein Coupé lieber an, als dass ich es fahre; noch immer benutze ich unter der Woche lieber Bus und Tram. An schönen Wochenenden jedoch hole ich den Wagen aus der Garage für eine gemächliche Fahrt über Land. Wenn der glitzernde Stern auf der Kühlerhaube die Richtung weist, der Motor flüstert, die Automatik samtweich schaltet und der Ellbogen locker auf der ledernen Mittelkonsole liegt, dann stellt sich ein warmes Gefühl von Luxus und Besitzerstolz ein.

Meine neue Leidenschaft stösst bei Bekannten und Kollegen auf erstaunliches Wohlwollen; zwar wird die Begeisterung zuweilen ein wenig belächelt, man erfährt aber auch viel Sympathie. Mittlerweile habe ich mein privates Benz-Museum erweitert. Im Büro steht ein graublaues 170 S Cabriolet, Baujahr 49, mit bezaubernden runden Scheinwerfern. Daneben ein knallrotes 280C/8 Coupé aus dem Jahr 1958, in dessen Kofferraum ein niedlicher Ersatzreifen steckt. Und schliesslich das taubenblaue E 220 C/8 Coupé, Jahrgang 68. Es ähnelt in der Form meinem almandinroten Bijou, von dem es noch kein Modell gibt. Dafür ein gerahmtes Foto an der Wand.

Detailgetreue Miniaturen trösten den Autofreund, wenn er mal nicht hinter dem echten Steuer sitzen kann.

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