Der Oberländer im Geheimdienst Ihrer Majestät

Wengen

Der nächste James-Bond-Film «Spectre» enthält eine Verfolgungsjagd mit Autos und Flugzeug, die neue Massstäbe verspricht. Die Vorbereitungen dazu wurden von Stefan Zürcher koordiniert.

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Klar, wer eine Freundin von James Bond entführt, der muss mit Konsequenzen rechnen. Mit sehr ernsten. Das bekommen auch die Bösewichte der Verbrecherorganisation Spectre im gleichnamigen neuen Bond-Film zu spüren.

Denn natürlich macht sich der Geheimagent umgehend auf die Verfolgung der Entführer, die vom Gipfel des Gaislachkogl in Sölden in ihren Range Rover über die Skipiste davonrasen. 007 entscheidet sich für ein Flugzeug, eine zweimotorige Islander, und los geht die Jagd, zuerst über den Schnee, dann über Strassen und mitten durch eine Waldschneise.

Flug- und Fahrkünste sind phänomenal, Action und Spannung riesig. Aber mehr darf über die atemberaubende Jagd nicht verraten werden, sonst droht eine Strafe wegen Verletzung der Informationssperre, wie sie in den Arbeitsverträgen der Bond-Produzenten festgehalten ist.

Für Österreich entschieden

Kein Geheimnis hingegen ist, wer das Spektakel vorbereitet und in Szene gesetzt hat: Der Wengener Stefan Zürcher arbeitete bereits zum zehnten Mal für eine Bond-Produktion (siehe Kasten). Dieses Mal war der Aufwand besonders gross – und für Laien wohl geradezu unglaublich: Die gemäss Drehbuch etwa zehnminütige Sequenz bedingte eine mehrmonatige Vorbereitung, an der bis zu 480 Mitarbeiter beteiligt waren.

Als Zürcher im Januar 2014 vom Bond-Produzententeam Michael Wilson und Barbara Broccoli für eine Mitarbeit angefragt wurde, zögerte er nicht lange: «Ich kenne beide schon seit Jahrzehnten und gehöre gerne zur Bond-Familie.»

Das Storyboard für die Verfolgungsjagd bedingte zunächst eine entsprechende Location. Stefan Zürcher: «Wir haben fast ganz Frankreich, Österreich, die Schweiz und die Dolomiten abgeklappert.» Fündig wurde man schliesslich im Ötztal und in Osttirol, und Ende Juli fiel der endgültige Entscheid für Österreich, nicht zuletzt auch wegen dessen Filmförderung mit Steuerrückvergütungen von 25 Prozent auf die gesamten Ausgaben, die das einheimische Gewerbe und die Filmcrew tätigten.

Noch im August prüfte Zürcher zusammen mit dem amerikanischen Production Designer Dennis Gassner in Sölden, Obertilliach und Altausee künftige Drehplätze.

Mit Wengener Know-how

Ab Herbst war auch Muskelkraft gefragt. Für die Waldszenen wurde eine 20 Meter breite und einen Kilometer lange Schneise rausgeholzt, zwischen zwei je 120 Tonnen schweren und dreissig Meter hohen Kranen extraleichte (später wegretuschierte) Karbonfiberkabel gespannt und daran das knapp zwei Tonnen schwere Flugzeug auf Rollen aufgehängt.

Ebenfalls sehr aufwendig gestaltete sich die Präparierung der Piste, der Strasse und des Waldbodens, über welche die drei je drei Tonnen schweren und 700 PS starken Range Rover mit Spikes rasen sollten. Für diese Vorbereitungen konnte sich Stefan Zürcher auf sein neues Wengener Snowteam verlassen, seinen Sohn Flavio und Ernst Michel, die beide auch eigene Filmfirmen leiten.

Mit bis zu vierzig Leuten wurden bis zu 800 Meter lange Wasserleitungen gelegt und mehrere Generatoren, Hochdruckpumpen und Schneekanonen installiert, um Untergrund und Oberfläche zu vereisen. Zürcher: «Das war sehr anspruchsvoll und verlangte viel Know-how. Die Verantwortung war gross, wir mussten garantieren, dass die Aufnahmen bis zu zwanzig Mal wiederholt werden können.»

Angesichts solcher Herausforderungen vergisst der ohnehin sehr bescheidene Wengener fast, eine weitere Leistung zu erwähnen: «Für die Infrastruktur bauten wir auf einer Fläche von insgesamt 30000 Quadratmetern Parkplätze, die auch für Zelte und Bürocontainer benützt wurden.»

Stars und ein Unfall

Nach ersten Probeaufnahmen im Dezember war es am 5.Januar so weit: Die sogenannte First Unit inklusive der Schauspieler traf ebenfalls in Österreich ein. Zwei Wochen lang wurde in Sölden gedreht, danach in Altausee und Obertilliach. Mit Regisseur Sam Mendes hatte Stefan Zürcher schon vorher oft Kontakt, Hauptdarsteller Daniel Craig kennt er schon aus den Filmen «Quantum of Solace» und «Golden Compass», der teilweise in Grindelwald gedreht wurde.

Dank der minutiösen Planung verliefen die Dreharbeiten problemlos. Bis auf eine tragische Ausnahme: Ein Fahrzeug, aus dem das Flugzeug gefilmt wurde, kam ins Schleudern und prallte gegen eine Kameraplattform, wobei ein britisches Crewmitglied eingeklemmt und schwer verletzt wurde.

Handarbeit als Erfolgsrezept

Mit dem Abschluss der Dreharbeiten in Österreich ist für Stefan Zürcher das neue Bond-Abenteuer noch nicht vorbei. In den nächsten Wochen und Monaten koordiniert er die Wiederaufforstung der Waldschneise und weitere Rückbauten. Dann, an der Schweizer Filmpremiere, die voraussichtlich am 5.November stattfindet, wird Zürcher erstmals sehen, was seine Arbeit wirklich wert war. Er ist aber überzeugt: «Dass bei den Bond-Filmen die Action noch in Handarbeit und nicht wie heute üblich am Computer entsteht, ist wohl eines ihrer Erfolgsrezepte.»

Nostalgische Gefühle

Doch in die Vorfreude mischen sich auch andere Gefühle. Vor allem nostalgische. Denn, so bedauert Stefan Zürcher: «Die Bond-Familie hat sich verändert. Es will niemand mehr Verantwortung übernehmen, jedes Team, jedes Departement arbeitet nur gerade für seinen Teil, es geht darum, Fehler zu vermeiden, weil der finanzielle Druck gross ist und die Geldgeber streng kontrollieren. Die Existenzangst der Mitarbeiter ist gross, denn für jeden Posten stehen schon zehn andere bereit.»

Also war dies sein letzter Einsatz für den Geheimdienst Ihrer Majestät? Zürcher überlegt, zögert – und schmunzelt: «Wenn mich die Bond-Familie erneut anrufen sollte und ich gesundheitlich weiterhin fit bin, dann könnte ich wohl kaum widerstehen.»

Berner Oberländer

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