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Der Mann ist kein triebgesteuertes Monster

In der deutschsprachigen Berichterstattung über Harvey Weinstein steht wiederkehrend der Begriff «raubtierhaft». Das reproduziert gefährliche Mythen.

Er wusste, was er tat: Harvey Weinstein vor Gericht in New York. Foto: Carlo Allegri (Reuters)
Er wusste, was er tat: Harvey Weinstein vor Gericht in New York. Foto: Carlo Allegri (Reuters)

Der amerikanische Filmmogul Harvey Weinstein hat seine Macht missbraucht, um unzähligen Frauen zu schaden. Seine Bekanntheit hat immerhin einen wichtigen Nebeneffekt: Weinsteins Prozess und seine Verurteilung zu 23 Jahren Haft vermochten eine grosse Wucht zu erzeugen. Weltweit. Und hoffentlich nachhaltig.

Das Urteil gilt als wichtige Zäsur, was den richtigen Umgang mit sexueller Gewalt betrifft. Es vermittelt Betroffenen, dass sie eine echte Chance auf die ernsthafte Aufarbeitung von Übergriffen haben, mag der Beschuldigte noch so einflussreich sein. Umso irreführender ist es, dass in der deutschsprachigen Berichterstattung immer wieder ein rätselhafter Begriff auftaucht: raubtierhaft.

Weinstein wurde wegen sexueller Nötigung und Missbrauchs verurteilt. In zwei der schwersten Anklagepunkte ist er allerdings freigesprochen: der schweren Vergewaltigung und des «raubtierhaften sexuellen Angriffs» wurde er für nicht schuldig befunden. So steht es in zahlreichen Texten, die den Ausdruck «predatory sexual assault» aus dem New Yorker Sexualstrafrecht übersetzen. Mit Anführungszeichen. Allein daran kann man das Unbehagen schon erkennen, das die Journalistinnen und Journalisten beim Schreiben wohl gehabt haben. Raubtierhaft? Was soll das bedeuten?

Der Ausdruck ist seltsam, weil er auf einen erwachsenen Menschen angewendet wird. Instinktiv stellen wir uns den Mann als einen gefrässigen Bären vor, der mit seinen Pranken ergreift, was er will. Als einen Löwen, der sich mit Gebrüll auf die Beute wirft. Kaltblütig, ohne Gnade. Wie es seine Natur verlangt.

Zudem unterstellt der Begriff, dass es Verhaltensweisen gibt, die aus einem inneren Zwang heraus entstehen. Wer raubtierhaft handelt, ist ein Ungeheuer, allein von Trieben gesteuert. Er ist der vermeintliche Prototyp des triebhaften Sexualstraftäters. Im entscheidenden Moment schafft er es nicht, auf seinen Verstand zuzugreifen und an sich zu halten. Sich selber ist er ausgeliefert – und damit das eigentliche Opfer, weil die Frau ihn verführt hat.

Genau dieses Bild taucht seit Jahrzehnten auf, um sexuelle Übergriffe oder Vergewaltigungen zu verharm­losen. Es bedient einen verbreiteten Vergewaltigungsmythos. Davon gibt es zahlreiche Varianten, die sich hartnäckig halten. Sie hindern noch immer viele Teile der Gesellschaft daran, Vergewaltigungen als das zu erkennen, was sie sind: Straftaten. Und vor allem Taten, für die nur der Täter verantwortlich ist.

Gefährlich sind solche Mythen, weil auch gewaltbetroffene Frauen sie oft verinnerlicht haben. Statistisch gesehen ereignen sich die meisten Übergriffe und Vergewaltigungen innerhalb der Familie oder des eigenen Bekanntenkreises. Die wenigsten Täter wirken auf die Frauen wie dieses böse, raubtierhafte Monster. Sie kennen ihre Vergewaltiger vor allem von einer anderen Seite, als liebevollen Bruder etwa, als lustigen Onkel. ­Solche Widersprüchlichkeiten erschweren es, Unrecht zu erkennen und dieses bei der Polizei zu melden.

Weinsteins Prozess hat vieles in der öffentlichen Wahrnehmung verändert. Es muss weitergehen mit der Einsicht, dass die Sprache für sexuelle Gewalt möglichst präzise sein soll. Als Weinstein alt und gebrechlich am Rollator zur Gerichtsverhandlung erschien, war er eines sicher nicht: ein Raubtier.

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