Der «Mähdrescher Gottes» fährt in Zürich die Ernte ein

Wenn heute der deutsche Prediger Reinhard Bonnke im Hallenstadion auftritt, werden ihm Tausende zujubeln.

Liebt die grossen Bühnen und Gesten: Reinhard Bonnke.

Liebt die grossen Bühnen und Gesten: Reinhard Bonnke.

(Bild: PD)

Hugo Stamm@HugoStamm

Wenn Reinhard Bonnke loslegt, bebt die Bühne, die Luft vibriert, und wer die nötige Fantasie hat, der hört vielleicht gar, was Bonnke zu hören behauptet: den Satan winseln. Wenn der Prediger loslegt, wird Jesus förmlich herbeigebrüllt, auf dass dieser den Krüppeln auf die Beine helfe und den Blinden das Augenlicht zurückgebe. Es ist, als müsste der Evangelist mit sei- nem Furor den Himmel aufschrecken.

Internationale Ausstrahlung

In den Genuss der Heilungsshow des bulligen 71-jährigen Deutschen kommen heute Samstag Tausende Gläubige der Freikirche ICF im Hallenstadion. Der umtriebige Zürcher Pastor Leo Bigger feiert an Pfingsten mit Prediger Bonnke den 15. Geburtstag seiner Trendkirche. Diese ist im Maag-Areal eingemietet und unterhält inzwischen 40 Satelliten in mehreren Ländern. Es ist kein Zufall, dass Bigger Bonnke eingeladen hat. Für den Zürcher Prediger ist die Schweiz zu klein. Er möchte wie sein deutscher Kollege eine internationale Ausstrahlung erreichen, und natürlich wäre er gern mit einem ähnlichen rhetorischen Talent gesegnet. Nun sonnt sich Bigger schon mal im göttlichen Licht des Mannes, der sich «Mähdrescher Gottes» nennt.

Doch Bonnkes Licht ist grell. So gleissend, dass selbst manche freikirchliche Prediger auf Distanz zu dem Mann gehen, der mit Jesus auf Du und Du zu stehen glaubt. Bonnke drischt die Felder Gottes am liebsten in jenen afrikanischen Ländern, wo sonst nur Imame predigen. Dabei gelingt es ihm schon mal, ein Millionenpublikum an seine Massenveranstaltungen zu locken. Vor allem seine angeblichen Wunderheilungen ziehen die Scharen an. Mit einem Stakkato aus «Jesus», «Dämon», «Halleluja» und «Amen» heizt er den Hunderttausenden ein. Seine Worte sind Trommelschläge, die oft zwei Stunden lang auf die Zuhörer niedergehen und diese in Trance oder Ekstase versetzen.

Blinde, die wieder sehen

Erreicht das Suggestionsritual den Höhepunkt, lassen sich selbst Ungläubige von den «Heilungen» begeistern. Etwa wenn ein vermeintlich geheilter Blinder seine wiedererlangte Sehkraft demonstriert und Bonnke auf der Bühne zu erhaschen versucht. Was die Massen in ihrer Euphorie übersehen: Ein Blinder, der mit einem Schlag sehend wird, ist zuerst einmal geblendet. Sein Hirn muss wieder sehen lernen, also würde er torkeln. Er könnte sich nicht zielstrebig auf der Bühne bewegen. Doch für Bonnke und den Blinden geht die Rechnung auf: Der «Sehende» wird zum Star, der Prediger ist sich seiner Verehrung als Wunderheiler sicher.

Abacha und Taylor

Bonnke liebt nicht nur auf den Bühnen die grossen Gesten. Er posierte auch schon mit den Diktatoren Sani Abacha (Nigeria) und Charles Taylor (Liberia). Letzterer wartet derzeit in Den Haag auf das Urteil des Kriegsverbrechertribunals. Ihm werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Abacha beschenkte Bonnke mit 100'000 Dollar. Korbweise Spenden bekommt er jeweils auch von den Armen. Dass Bescheidenheit nicht unbedingt Bonnkes Stärke ist, zeigt sich auch, wenn er seine Erfolge verkündigt. Er habe schon eine Ernte von gegen 60 Millionen Gläubigen für Jesus eingefahren; dazu seien dank ihm Zehntausende von ihren Krankheiten erlöst worden. Dass manche schon ihr Leben lassen mussten, führt Bonnke in seiner Statistik nicht an: Im nigerianischen Kano, einer islamischen Hochburg, starben nach Zusammenstössen mit Muslimen Hunderte Gläubige.

Tages-Anzeiger

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