Der Charme der Flugscham

Die Zeiten des klimatisch sorgenfreien Fliegens sind endgültig vorbei. Das macht die Welt grösser und das Reisen aufregender.

Im Flugzeug gilt der Weg als verlorene Zeit: Zwei Männer träumen von der Ankunft. Foto: Getty Images

Im Flugzeug gilt der Weg als verlorene Zeit: Zwei Männer träumen von der Ankunft. Foto: Getty Images

Beat Metzler@tagesanzeiger

Vielflieger sind unstete Wesen. Zwischen den Dünen der Kawir-Wüste erinnern sie sich an die Hochhäuser von Chongqing. Blicken sie in den Sternenhimmel über Vanuatu, erzählen sie von den Nordlichtern, die die Nacht von Kulusuk erglühen lassen. Doch dieses Lebensgefühl des Überall-schon-gewesen-Seins erlebt gerade sein Grounding.

In den letzten 20 Jahren hat das ausdauernde Befliegen der Welt die Identität mehrerer Generationen geprägt. Man gibt sich weltgewandt, neugierig, offen. Wer Angkor Wat mit Machu Picchu vergleichen kann, gilt als weiser Mensch. Noch nie Europa verlassen? Wie provinziell. Auch für viele Berufsgruppen gehört das Fliegen mittlerweile zum Alltag. Forscherinnen, Manager, NGO-Mitarbeiter, Politikerinnen, Sportler, Journalisten, Künstlerinnen; wer nicht abhebt, bleibt zurück. Dabei sind die Schweizerinnen besonders gut, nur die Norweger fliegen noch häufiger.

Das Vielfliegen beeinflusst den Blick auf die Welt. Die Erde ist geschrumpft, selbst abgelegenste Orte lassen sich innert 24 Stunden erreichen. New York liegt näher an Zürich als Porrentruy, London geht auch als Tagesausflug. Die billigen Flüge des frühen 21.Jahrhunderts haben einen alten Traum demokratisiert. Jahrhundertelang blieben Weltreisen das Privileg der Reichen und Abenteurer. Heute können sich fast alle Westeuropäerinnen zwei Wochen Bali leisten.

Auch grün denkende Menschen jetteten mit

Dass Flugzeuge viel CO2 ausstossen, ist längst bekannt (in der Schweiz sorgen sie laut WWF für 18 Prozent aller schädlichen Klimagase). MyClimate, die Zürcher Firma, die CO2-Kompensationen für Flugtickets verkauft, wurde vor 17Jahren gegründet. Damals, 2002, benutzten 18Millionen Passagiere den Flughafen Kloten, 2017 waren es 29Millionen. Jedes Jahr kam fast 1Million Passagiere dazu. Die meisten von ihnen wussten, dass Fliegen der Umwelt nicht guttut. Aber niemand wollte sich die Freiheit über den Wolken eingrenzen lassen. Auch viele grün denkende Menschen jetteten mit. Das schlechte Gewissen vertrieben sie mit dem Hinweis auf die eigene Weltläufigkeit. Die Politik verzichtete darauf, bei Fluggesellschaften Mehrwert- und Mineralölsteuer einzuziehen. Lieber freute sie sich über die boomende Branche.

Jetzt sind sie vorbei, diese unbeschwerten Jahre. Verschiedene Gruppen beginnen, ihr Flugverhalten zu hinterfragen. Universitäten und Sportlerinnen schränken sich ein. Politikerinnen und Beamten wird vorgerechnet, wie viele unnötige Flüge sie durchführen. Selbst manche Bürgerliche können sich eine Abgabe auf Flugtickets vorstellen. Der heisse Sommer und die Streiks der Gymnasiastinnen haben der Flugskepsis den letzten Schub gegeben, damit sie voll ins öffentliche Bewusstsein vordringt.

Es dürfte noch lange dauern, bis die Schweizerinnen häufiger auf dem Boden bleiben; bis Gesetze dafür sorgen, dass Fliegen wieder mehr kostet als Zugfahren. Doch die gesellschaftliche Wertung kippt, die Verklärung verfliegt, das Prestige schwindet. Wer fliegt, wird sich künftig eher rechtfertigen müssen, anstatt Bewunderung zu erhalten für seine Reisefreudigkeit. Übers Wochenende kurz nach Tallin? Wie rüpelhaft.

Im Vielflieger-Denken gilt Zugfahren als Zeitverschwendung. Dabei gibt es kein interessanteres Reisen.

Natürlich ist Fliegen nicht unsere einzige Tätigkeit, die das Klima aufheizt. Aber kaum eine Handlung wirkt weniger lebensnotwendig, als sich über Weihnachten auf den Malediven zu sonnen. Weder auf Autofahren, Fleischessen noch auf Heizen (nicht einmal auf Videostreaming) lässt sich derart schmerzfrei verzichten. Nichts bringt mit so wenig Aufwand so viel CO2-Ersparnis wie das Nichtbesteigen eines Flugzeugs.

In Schweden, wo sich zahlreiche Prominente für ein flugfreies Leben einsetzen, gibt es ein Wort für das neue Unbehagen: «flygskam». Flugscham. Offenbar wirkt sich dieses Gefühl bereits auf das Verhalten der Schweden aus. Sie buchen weniger Inlandflüge, nehmen häufiger den Zug. Es ist ein Gewinn für alle.

Als die Klimastreik-Erfinderin Greta Thunberg von Stockholm mit dem Zug ans WEF nach Davos kam, staunten viele. Über 30 Stunden dauerte die Fahrt. Was für eine Mühsal! Im Vielflieger-Denken gilt der Weg als verlorene Zeit, zu überbrücken mit Filmschauen oder Schlafen. Eine seltsame Trennung. Bis zur Erfindung des Linienflugs, der die zurückgelegte Strecke in den abstrakten Raum des Himmels hob, gehörte auch das Reisen zur Reise. Im Zug gilt das weiterhin. Selten kann man so entspannt Landschaften und Städte betrachten, wie wenn sie im Zugfenster an einem vorbeiziehen. (Was nicht heisst, dass Europa keine schnelleren Zugverbindungen vertragen würde.)

Beim Essen hat das Nahe das Exotische bereits abgelöst. Pastinake statt Papaya. Passiert beim Reisen das Gleiche? Passugg statt Pattaya? Wohl nicht ganz. Aber die Welt wird wieder ein wenig grösser werden.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt