Der Baseball-Millionär, der im VW-Bus lebt

Daniel Norris besitzt ein Paar Jeans und lässt sich 800 Dollar im Monat überweisen. Dabei zählt der 21-Jährige bei Toronto zu den hoffnungsvollsten Werfern.

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Christian Brüngger@tagesanzeiger

Daniel Norris ist sich die mitleidigen ­Blicke gewohnt. Schliesslich lebt er auf einem Parkplatz des Einzelhandels­konzerns Wal-Mart in Florida. Sein Bart ist lang und eher ungepflegt. Jeans und T-Shirt schlabbern um seinen Körper. Sein Zuhause ist ein VW-Bus Westfalia 1978. Kurz: Norris wirkt wie ein Randständiger. Darum berichtete er auf ­Twitter jüngst: «Mache auf dem Parkplatz im Van ein Nickerchen, da kommt ein Mann auf mich zu, will mir Geld ­geben und sagt: Sein Bruder sei mal ­obdachlos gewesen.»

Die gute Seele kann kaum wissen, dass es sich beim 21-jährigen Norris um einen Sportmillionär handelt, der bei den Toronto Blue Jays zu den talentiertesten Pitchern zählt – und die Askese mag. Er lebe, um drei Dinge zu finden, schreibt Norris auf Twitter: «Ewiges Leben, die Strike Zone», also den Bereich, durch den ein Pitcher wie er den Ball werfen muss – und «gute Wellen». Willkommen im Leben des wohl ungewöhnlichsten Spitzenathleten, dem Bruder Klaus des Hochleistungssports.

Dass Norris zurzeit auf einem Parkplatz haust, hat mit seinem ultraschnellen linken Arm zu tun. Dieser vermag Bälle mit 160 km/h durch die Luft zu schleudern. Norris’ Team bereitet sich in der Wärme von Florida auf die Saison vor. Also tuckerte er seiner Equipe hinterher. Denn Norris scheint zwar einem Roman und damit der blühenden Fantasie von T. C. Boyle entsprungen zu sein, komplett dem System aber kann sich der Teilzeitaussteiger nicht entziehen. Schliesslich kämpft er um einen Startplatz bei den Blue Jays – und diese wollen in der Vorbereitung täglich sehen, wie gut sich ihr Grosstalent entwickelt.

Dass er die Antithese zu all ihren ­anderen Spielern darstellt, nehmen die Coachs inzwischen ein wenig gelassener hin. Sie haben festgestellt: Norris ist ein vorbildlicher Angestellter. Er fährt mit seinem VW-Bus, den er Shaggy nennt, pünktlich zum Training vor, parkiert sanft zwischen den Limousinen seiner Kollegen – und zählt mit einem Körperfettanteil von nur sechs Prozent zu den Austrainiertesten seines Teams. Dafür schiebt er auf seinem temporären Parkplatz-Zuhause auch gerne einmal eine Reihe Einkaufswagen hin und her. Es ist seine Art, sich Kraft aufzubauen.

Der Einfluss der Eltern

Dass er im Team als liebenswürdiger Sonderling gilt, weiss Norris natürlich. Statt mit den anderen abends essen zu gehen, fährt er mit seinem VW lieber an einen Strand, geht surfen oder fotografieren. Die Natur ist sein Leben. Der Lebensstil seiner Eltern hat ihn dies­bezüglich geprägt. Aufgewachsen in der Kleinstadt Johnson City in Tennessee, verbrachte die Familie die Wochen­enden oft beim Campieren.

Norris, der Naturliebhaber und Bibelfreund, sieht nicht ein, warum er seine Interessen aufgeben soll, bloss weil er zufälligerweise auch einen Baseball ­besonders schnell werfen kann. Überhaupt versucht er dem Überfluss so weit wie möglich zu entsagen. Dabei bekam der 1,88 m grosse Feinfühlige 2011 bei der Vertragsunterzeichnung einen Bonus von zwei Millionen Dollar. Um nicht auf falsche Gedanken zu ­kommen, lässt er sich nur 800 Dollar im Monat überweisen, besitzt ein Paar Jeans und vermag, sein ganzes Gut im VW-Bus unterzubringen. Wer es sehen will, soll seinen Twitter-Account besuchen (@danielnorris18). Dort hat er sein chaotisch-frugales Innenleben festgehalten.

Die Blue Jays würden es begrüssen, wenn er bis zum Saisonstart Anfang April sesshaft würde und wenigstens bei einem Teamkollegen ein Zimmer bezöge. Norris anerkennt den Wunsch und weiss doch noch nicht, ob er ihm nachkommen will. Sein Leben mit Shaggy ­gefällt ihm uneingeschränkt. Und überhaupt: Er will nicht Sklave einer Sportwelt sein, die ihre Besten mittlerweile fast schon wie unmündige Buben be­handelt, damit sie sich auch wirklich nur noch auf die Matches konzentrieren müssen.

Nicaragua statt Ozeandampfer

Als ihn Toronto vor vier Jahren bereits verpflichtet hatte, das Geld aber erst beim Stellenantritt ein paar Monate später überwies, riet ihm sein Agent, bis dahin die Füsse hoch zu lagern – und sich ja nicht zu verletzen. Norris reiste stattdessen nach Atlanta und spielte gratis für ein Amateurteam. Danach arbeitete er temporär für einen Outdoorladen.

Das Jahr darauf lebte er in der Saisonpause für wenige Dollar pro Tag mehrere Wochen in Nicaragua. Die Ein­ladung seiner Teamkollegen, sie bei ­einer Reise auf einem Ozeandampfer zu begleiten, lehnte er ab. «Nonkonformist» steht auf einer Plakette in seinem Bus, wie ESPN in einer lesenswerten ­Reportage feststellte. Er hat sie nicht grundlos dabei.

Natürlich stellt sich Daniel Norris die Frage, was aus ihm wird, wenn er sich bei Toronto wie erwartet durchsetzt – und sich vom Grosstalent zum Star entwickeln sollte. Kann er sein einfaches Nomadenleben weiterführen? Kurz, kann er bleiben, was er sein will? «Dann werde ich Botschafter jener Dinge, die mir wichtig sind», sagt er. Es würde wohl sein härtestes Spiel werden.

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