«Das wird man wohl noch sagen dürfen»

Politiker finden wieder Gefallen an Hitler, Wutbürger skandieren «Lasst sie absaufen!». Und gleichzeitig reden sie von Maulkörben.

«Grenzen dicht!»: Demonstration gegen Flüchtlinge in Cottbus im Februar 2018.<p class='credit'>(Bild: Keystone)</p>

«Grenzen dicht!»: Demonstration gegen Flüchtlinge in Cottbus im Februar 2018.

(Bild: Keystone)

Laura de Weck@tagesanzeiger

Marco und Lukas sitzen im Strassencafé.

Lukas: Puh, ist das heiss.

Marco: Zu heiss.

Lukas: Ob das der Klimawandel ist?

Marco: Dazu sage ich nichts.

Lukas: Warum?

Marco: Man darf heutzutage nichts mehr laut sagen.

Lukas: Was darf man nicht sagen?

Marco: Ich kann zum Beispiel gar nicht mehr sagen, dass ich nicht an den menschengemachten Klimawandel glaube.

Lukas: Das darfst du nicht sagen?

Marco: Oder wenn ich sage, dass die #MeToo-Debatte völlig übertrieben ist, oder wenn ich sage, dass es langfristig besser ist, wenn man die Flüchtlinge im Mittelmeer nicht rettet. Gleich wird man an den Pranger gestellt!

Lukas: Hey, du wirst ja ganz laut.

Marco: Ja, ich werde laut, weil unsere Redefreiheit in Gefahr ist.

Lukas: Meinst du?

Marco: Ja klar, nichts darf laut gesagt werden. Überall diese puritanische Tadelsucht, dieser moralische Korrektheitswahn.

Lukas: Wo überall?

Marco: Na, überall! Liest du keine Zeitung?

Lukas: Ich lese schon die Medien.

Marco: Eben.

Lukas: Aber da lese ich von einem hiesigen Politiker, der laut zwitschert, dass «Adolf Hitler nicht so unendlich schlecht gewesen sein könne». Ich lese von einem Nationalrat, der sich laut darüber ärgert, dass unsere Fussball-Nationalmannschaft eine «fast inländerfreie Multikulti-Balkan-Truppe» sei. Und lese von einem Chefredaktor, der erst einmal behauptete, das Medieninteresse für das Drama in der Tham-Luong-Höhle sei grösser als für die Tragödie auf dem Mittelmeer, «weil thailändische Kinder nicht in unsere Sozialsysteme einwandern und an der Silvesternacht keine Frauen vergewaltigen». Selbst in unserer renommierten liberalen Zeitung lese ich: «Manche Spielarten des Feminismus führen dasselbe herbei wie muslimische Fundamentalisten.»

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